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Es quietscht und nervt: Lärmmessung an einem Güterzug.

Lärmaktionstag der Deutschen Bahn

Leise Güterwaggons notfalls mit Zwang

München – Die Bahn will leiser werden. Beim Lärmschutztag in Allach zeigt sie, wie das geht. Doch nicht alle angereisten Bürgermeister lärmgeplagter Orte sind überzeugt.

Als Bayerns Bahnchef Klaus-Dieter Josel seine Rede fast beendet hat, muss er plötzlich lauter werden. Ein Güterzug rollt dicht am Rednerpult auf dem Rangierbahnhof München-Allach vorbei. Rostige Kesselwagen, es quietscht und bremst, rattert und dröhnt. Das also ist der Bahnlärm, der so sehr nervt, dass die Bahn jetzt abermillionen Euro in leise Züge investieren will.

Die Herausforderung ist gewaltig: 180 000 Güterwaggons sollen mit neuen „Flüsterbremsen“ ausgerüstet werden (wir berichteten). In sechs Jahren soll der Bahnlärm halbiert sein. „2020“, diese Jahreszahl hört man beim Lärmschutztag gestern in Allach immer wieder. Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) beteuert, dass es dem Bund ernst ist. „Wir müssen den Schienenlärm in den Griff kriegen“, sagt der Minister. 2020 „müssen die lauten Güterwagen verschwunden sein“. Und zwar auch die ausländischen Waggons.

Dafür riskiert der Minister notfalls auch Streit mit der Deutschen Bahn. Er betont nämlich in Allach, dass er an Zwangsmaßnahmen denkt. Ein drohendes Nachtfahrverbot für Wagen, die noch mit der herkömmlichen Graugussbremse unterwegs sind, steht im Raum. Vergebens appelliert DB-Technikvorstandsfrau Heike Hanagarth, die in Allach neben Dobrindt auf der Rednerbühne steht, auf solche Drohgebärden doch zu verzichten. „Nachtfahrverbote helfen nichts“, sagt Hanagarth. Das führe nur zur Verlagerung des Verkehrs von der Schiene auf die Straße. Dobrindt kontert. Wer nicht folgt, sagt er bestimmt, „wird gesetzgeberisch gezwungen“. Auch Ludwig Steininger aus Kirchseeon (Kreis Ebersberg) – dort fahren die Züge zum Brenner durch – hört das. Seine Vereinigung gegen Schienenlärm misstraut den Beteuerungen der „Bahnlobby“. Große Waggonvermiet-Firmen wie etwa die VTG AG widersetzten sich der Umrüstung. In einer Resolution, die Steininger in Allach verteilt, fordert er von Dobrindt, nur ja hart zu bleiben. Er stehe hier vor einer „Bewährungsprobe“.

Die Kommunalpolitiker, die nach Allach gereist sind, hat Dobrindt auf seiner Seite. Jeder Bürgermeister hat seine eigenen Probleme. In Vilshofen etwa kämpft Bürgermeister Florian Gams (SPD) gegen mannshohe Lärmschutzwände entlang der Bahnstrecke Nürnberg-Passau. „Die blockieren die Sicht zur Donau.“ Im Altmühltal ärgert sich Wolfgang Roßkopf, Bürgermeister von Markt Dollnstein, über zu viele Güterzüge. Die Bahn solle sie doch lieber über die Strecke München-Olching-Augsburg und dann weiter nach Treuchtlingen schicken, anstatt Umwege durch das kurvige Altmühltal zu nehmen, meint Roßkopf. Seine Bürgermeister-Kollegen, ebenfalls aus dem Altmühltal angereist, nicken zustimmend. Und Rosenheims Landrat Wolfgang Berthaler (CSU) fürchtet die Planungen der DB zur Ertüchtigung der zwei Gleise durchs Inntal. „Wir wollen eine Neubaustrecke“, sagt Berthaler. Er hat schon Luftbilder des Tals fertigen lassen – dann tue man sich bei der Beurteilung, wo diese Neubaustrecke platziert werden könnte, etwas leichter. Ohnehin müsse sie im Tunnel verlaufen.

Dass die Bahn mit ihren Flüsterbremsen auch mal etwas Positives macht, geht fast unter. Die 100 Besucher beim Lärmschutztag werden in zwei Busse gesteckt und an ein Gleis gefahren. Dann pfeift es hinten, ein von zwei roten Schnellzugloks gezogener Autozug rast mit 90 km/h vorbei. Eine Demonstrationsfahrt – Bahnchef Josel will zeigen, was die Flüsterbremsen bewirken. Vorne am Zug hängen alte Wagen, hinten die neuen mit der Flüsterbremse, die die Räder automatisch glatt schleift und deshalb das Fahrgeräusch reduziert. Die Bahn misst den Lärm. Vorne war es 95 Dezibel laut, hinten nur 84 Dezibel. Klingt wenig, bewirkt aber viel. Schon zehn Dezibel weniger führe in der menschlichen Wahrnehmung zu einer Halbierung des Lärms, sagt DB-Vorstandsfrau Heike Hanagarth. Bis Ende des Jahres können täglich 200 leise Güterzüge in Deutschland fahren, rechnet sie vor. 2017 soll die Hälfte der 60 000 Wagen von DB Schenker umgebaut sein, 2020 dann alle. Den Einwand des Erdinger Vize-Landrats Jakob Schwimmer – „der Demon-strationszug hat aber nicht gebremst“ – bekommt die DB-Managerin nicht mit.

Dirk Walter

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