Ein Zug und Landschaft.
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Nur als Versuch rumpelte ein Zug der BRB über die Gleise der Fuchstalbahn - eine von vielen stillgelegten Strecken in Bayern.

Problem: Stillgelegte Strecken

Streit um abgeschaffte Bahnstrecken in Bayern: Neues Gutachten greift Söder-Ministerium scharf an

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
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Seit Jahren kämpft ein kleiner Verein dafür, dass eine stillgelegte Bahnstrecke wieder in Betrieb geht. Ein CSU-Staatssekretär macht sich öffentlich über die „Träumer“ lustig. Ein Gutachten widerspricht ihm deutlich.

Ein Verkehrsgutachter rügt schwere Mängel in einer Fahrgastpotenzial-Analyse, die das bayerische Verkehrsministerium zur unteren Steigerwaldbahn vorgelegt hatte. Die kürzlich vorgelegten Werte für die stillgelegte Strecke Schweinfurt-Kitzingen seien viel zu gering. Die Studie durchziehe eine „eher negative Grundhaltung“ zur Reaktivierung, sagt der Geograf Konrad Schliephake, der mit dem Förderverein „Steigerwald-Express“ zusammenarbeitet.

Die Vorgeschichte: Seit Jahren kämpft der Förderverein für die Wiederinbetriebnahme der unteren Steigerwaldbahn, die einst Schweinfurt mit Kitzingen verband, aber in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise eingestellt wurde – erst der Abschnitt Kitzingen-Gerolzhofen, dann Gerolzhofen-Schweinfurt, schließlich Ende 2001 auch der Güterverkehr. Während die Schienen der eingleisigen nicht elektrifizierten Strecke vor sich hin rosten oder teilweise sogar schon abgebaut sind, tobt auf politischer Ebene der Kampf für eine Reaktivierung. Der Vereinsvorsitzende Andreas Witte und seine Mitstreiter haben 2019 über 2600 Unterschriften gesammelt und so erreicht, dass sich die Politik ernsthaft mit der Steigerwaldbahn befasste. Die Steigerwaldbahn ist kein Einzelfall – überall in Bayern sind in den vergangenen Jahren Initiativen entstanden, die alte Bahnstrecken wieder instandsetzen und betreiben wollen. Aktuelles Beispiel in Oberbayern: die Fuchstalbahn zwischen Landsberg und Schongau, auf der heute nur gelegentlich Züge der Papierfabrik fahren. Jüngst geriet Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) sogar in Erklärungsnot, weil sie den Probebetrieb der Waldbahn (Gotterszell-Viechtach) im Bayerischen Wald nicht verlängern wollte. Die Regionalpolitik samt CSU protestierte energisch – Schreyer gab schließlich nach.

Ein CSU-Staatssekretär holzt gegen die Steigerwaldbahn

Bei der Steigerwaldbahn liegen die Dinge etwas anderes: Insbesondere der örtliche CSU-Landtagsabgeordnete (und Innenstaatssekretär) Gerhard Eck ist ein hartnäckiger Gegner der Reaktivierung. Er ätzt auf seiner Homepage gegen die Befürworter der Bahnverbindung, die „durch Träumereien, Halbwahrheiten, rückwärtsgewandte Nostalgie und ideologische Verblendung“ auffielen und die am liebsten „an jeder Milchkanne“ einen Zughalt wünschten.

So wird es Eck wahrscheinlich gefallen haben, dass die Bayerische Eisenbahngesellschaft – eine Abteilung des bayerischen Verkehrsministeriums – Anfang März ein Gutachten zum Fahrgastpotenzial vorlegte, dass den vorläufigen K.-o.-Schlag für alle „Träumer“ (Eck) bedeutet: Die BEG kam zum Schluss, dass das Nachfragepotenzial auf der Bahnlinie bei nur 563 Personenkilometer liegt. „Damit wird der maßgebliche Schwellenwert von 1000 Personenkilometer pro Kilometer Streckenlänge deutlich verfehlt.“ Unterstellt wurde dabei ein täglicher Stundentakt zwischen Schweinfurt Hauptbahnhof und dem Vorort Kitzingen-Etwashausen – die Bahnstrecke endet dort, seitdem die Wehrmacht kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Mainbrücke gesprengt hatte. Der Neubau einer Brücke würde nach Schätzung des Fördervereins je nach Varianten einen erklecklichen Millionen-Betrag kosten. Aber das sei die Sache wert.

Gutachter greift die BEG an

Der vom Förderverein konsultierte Würzburger Geograph Konrad Schliephake hat das BEG-Gutachten analysiert. Er hatte 2019 Zahlen vorgelegt, die für Schweinfurt-Gerolzhofen 1700 Fahrgäste vorhersagte – also sehr viel mehr als jetzt die BEG. Einerseits ist das sogenannte 1000er-Kriterium seit jeher umstritten. Andererseits: Die neuen niedrigen Zahlen erstaunten ihn, schreibt Schliephake. Er wirft der BEG in einer noch unveröffentlichten Stellungnahme, die unserer Redaktion vorliegt, unvollständige Berechnungen vor. Sie habe vor allem Pendlerdaten der Bundesanstalt für Arbeit bei der Berechnung des Fahrgastpotenzials verwendet. „Potenziale aus Ausbildungs- und Freizeitverkehren werden zwar erwähnt, aber Art und Umfang ihrer Einbeziehung in das Nachfragemodell der BEG bleibt unklar.“ Auch zur Tagesmobilität gebe es keine genauen Angaben „Ebenfalls unergiebig“ sei die Tourismusanalyse. Die BEG habe eine amtliche Statistik verwendet, die nur Hotelbetrieb mit mehr als neun Betten erfasse. Auch zu den „Fahrtmotive Einkauf/Besorgung“ (bei Ämtern) gebe es keine Aussagen. Für Witte ist klar: „Es besteht erheblicher Nachbesserungsbedarf an der Studie“ – auch deshalb, weil die Studie nur bis Kitzingen-Etwashausen berechnet wurde. „Da verliert man alle Pendler nach Würzburg und Nürnberg“, sagt Witte.

Schliephake fordert nun, dass die BEG ihre internen Parameter und Rechenwege offenlegt. Erst dann könne fair über die Chancen für die Steigerwaldbahn diskutiert werden.

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