Bahnstrecke gesperrt: In Freising ist im Sommer Endstation. Die Grafik zeigt den Ersatzfahrplan.

Sechs Wochen Pendler-Chaos

Supergau auf der Bahnstrecke: In Freising ist im Sommer Endstation

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Im Sommer droht 50.000 Pendlern, die aus Freising, Landshut, Regensburg und Passau nach München zur Arbeit fahren, der Supergau: Die Bahn baut! Und sperrt dafür die Strecke komplett. Sechs Wochen lang!

Regensburg/Freising – Wer die Bahnstrecke nutzt, muss gute Nerven haben. Für die Züge ist nämlich dann in Freising Endstation. Von dort soll’s dann per S-Bahn – über den Flughafen – oder mit dem Bus weitergehen. Was harmlos klingt, heißt für jeden Pendler, dass er im Schnitt jeden Tag zwei Stunden länger unterwegs sein dürfte.

Pünktlich zum Start der Sommerferien geht’s los – von 28. Juli bis 10. September geht zwischen Feldmoching und Neufahrn nichts mehr. Infos zu der Mega-Baustelle finden Sie hier.

Sechs Wochen Bauzeit: S-Bahnlinie S1

In einem Brief, den die Bahn vor einigen Tag an Pendler mit Jahresabo verschickt hat, heißt es, die Alternative zur Vollsperrung „wäre eine zweijährige Bauphase mit Ersatzfahrplänen und zahlreichen Zugausfällen gewesen, was in der Summe eine höhere Belastung bedeutet hätte“. Bei der Bayerischen Eisenbahngesellschaft, einer 100-Prozent-Tochter des Freistaats, die sich um den Zugverkehr in Bayern kümmert, hat man von der Bahn die Info bekommen, dass die Vollsperrung die Bauzeit von ansonsten 22 Wochen auf sechs Wochen verkürze. Auch auf andere Vorschläge wie den, noch ein Jahr zu warten, hat sich die Bahn nicht eingelassen. 2019 wäre ja die Neufahrner Kurve fertig, Züge aus Regensburg könnten direkt bis zum Flughafen durchfahren.

Auf 33 Kilometern werden während der Sommerferien auf der Bahnstrecke Freising-Feldmoching mit Spezialmaschinen die Gleise erneuert, sechs Weichen getauscht, 61 000 Stück Schwellen und 42 000 Tonnen Schotter ausgewechselt. 

Bahnkunden bekommen eine Gutschrift

Immerhin: Jahresabonnenten überweist die Bahn „aus Kulanzgründen“ eine Gutschrift von zehn Prozent des Abopreises für einen Monat. Das klingt ganz nett, ist aber eher wenig, wenn man davon ausgeht, dass Pendler für satte 60 Stunden Verspätung mit 27,62 Euro abgespeist werden. Von den Unannehmlichkeiten gar nicht zu sprechen. Beispiel: Der Landshuter Bernd M., der morgens um 8 Uhr im Büro seiner Bank sitzen soll, darf im Sommer um 6.12 Uhr in Landshut starten, um 6.40 Uhr erreicht er Freising, wo’s um 6.45 Uhr mit dem Bus Richtung Flughafen-Terminal 2 weitergeht. Bernd M. fährt bis zur Haltestelle Besucherpark, die erreicht er um 6.58 Uhr, dann hat er fünf Minuten, um zum S-Bahn-Halt zu gehen, wo um 7.03 Uhr die S 8 Richtung Herrsching abfährt. Sollte das tatsächlich klappen, wäre Bernd M. um 7.45 Uhr am Hauptbahnhof.

Das programmierte Pendler-Chaos

Ob diese Fahrpläne wirklich funktionieren? Der Landshuter Albert K., Betriebswirt einer großen Steuerkanzlei in München, glaubt nicht daran. Er hat sich schon für drei Wochen ein Hotelzimmer reserviert – Mehrkosten für ihn: rund 1200 Euro. Die anderen drei Wochen nimmt er gezwungenermaßen Urlaub. Dass viele Pendler in Urlaub gehen, ist auch das, womit die Bahn rechnet – ansonsten droht Chaos. Aber das will offiziell natürlich niemand zugeben. Immerhin: Pendler aus Regensburg und der nördlichen Oberpfalz haben eine vergleichsweise akzeptable Alternative: Sie können – ohne Aufpreis – über Ingolstadt fahren. Damit erhöht sich die tägliche Fahrzeit zwar von drei auf vier Stunden, ein Umstieg würde aber reichen. Ganz problemlos ist aber auch diese Alternative nicht. Von Ingolstadt hätten Pendler die Möglichkeit, mit dem ICE etwas Zeit gutzumachen. Doch das Abo enthält keinen ICE-Zuschlag. Politiker wie der Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol (Grüne) baten die Bahn um Kulanz, bekamen aber eine satte Abfuhr. Der ICE bleibt für Pendler tabu – es sei denn, sie zahlen.

Probleme sehen natürlich auch die S-Bahn-Fahrgäste. Edmund Lauterbach, 59, IT-Spezialist, pendelt von Unterschleißheim zu seiner Arbeit in Freising. „Einen konkreten Plan habe ich noch nicht. Urlaubstage braucht man halt auch für anderes“, sagt er. „Richtung Freising ist Autofahren zeitlich nicht schlagbar, aber natürlich teurer und nervend.“ Die Bahn, findet Lauterbach, sollte schnell den Ersatzfahrplan veröffentlichen. Eine Frage wird sein, ob die Ersatzbusse jeden Bahnhof abklappern oder ob sich die Bahn doch noch für Expressbusse von Freising nach München entscheidet. Ansonsten befürchtet Christian Magerl (Grüne) eine „Ewigkeitsfahrt“.

Für S-Bahn-Pendler aus Freising Richtung München hat die Bahn während der Baustellen-Zeit noch ein ganz besonderes Bonbon parat. Sie stellt sie vor die Wahl, ob sie zehn Prozent ihres Monatsabos zurückerstattet haben wollen oder stattdessen lieber einen kostenlosen Dauerparkplatz am Münchner Flughafen („Fußweg zur S-Bahn-Haltestelle 600 Meter“) in Anspruch nehmen. Aber: Es stehen nur 50 Plätze zur Verfügung.

Dem Bahn-Schreiben lag auch eine After Work Relax Card für die Therme Erding bei. Allerdings: Im Kleingedruckten steht, dass der Feierabend unter Palmen lediglich ermäßigt ist. Statt 33 Euro zahlt der DB-Pendler dann halt 24 Euro.

Lesen Sie auch: Bahn-Ärger: Dieser Pendler verbrachte 2018 schon fast acht Stunden auf Bahnsteigen

Sperrungen der S-Bahn-Stammstrecke: Das müssen Pendler 2018 wissen

Die S-Bahn fällt aus - wir helfen Ihnen sofort auf Facebook

Unsere Online-Redaktion hat für jede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein. Hier gelangen Sie zu allen Facebook-Gruppen (S1, S2, S3, S4, S6, S7, S8 und S20).

von Wolfgang Deponte und Dirk Walter

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