Zwei Fingerhakler in Aktion beim Fingerhakeln
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Die Pratzen braucht man für das Fingerhakeln: Große, grobe Hände also, das bedeutet das Wort im Bairischen. Die Pratze ist aber auch eine Pfote, der Sensengriff oder die Kralle an der Schlittenkufe.

Mammuntprojekt

Schlapperlatz, Runkelsloch und Brumferer: Wie ein Wörterbuch Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch zusammenbringt

  • Nina Praun
    VonNina Praun
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Die „Pratze“ ist eine große Hand, klar. Doch sie ist auch eine Pfote, eine Bremsklaue oder ein Sensengriff – je nachdem, ob es ums Bairische, Fränkische oder Schwäbische geht. Die drei Dialekte bringt nun eine neues Lexikon der Akademie der Bayerischen Wissenschaften zusammen. Online.

München – Wenn Andrea Schamberger-Hirt sich an die Arbeit macht, dann betritt sie einen großen Raum voll von Zetteln. Etwa sieben Millionen davon liegen in jenem Raum in der Akademie der Bayerischen Wissenschaften in München, allesamt feinsäuberlich sortiert in kleine Kästchen. Darauf stehen Wörter wie Schlapperlatz, Schwäbisch für den Esslatz; das Runkelsloch, Fränkisch für einen Aufbewahrungsort für Rüben; oder der Brumferer, Bairisch für einen Menschen, der meckert und schimpft.

Oder auch: Dreck. Das ist das Wort, mit dem sich Schamberger-Hirt derzeit befasst. Sie ist Redaktionsleiterin für das Bayerische Wörterbuch, und sie und ihre Kollegen sammeln die Belege für bairische Begriffe, sortieren sie und werten sie schließlich aus. Im Falle des Drecks bedeutet das: über 2000 Zettel, also Belege, begutachten, sortieren und auswerten, bevor es die besten in das Bayerische Wörterbuch schaffen. Gesammelt wird seit 1913, gedruckt seit 1995, jährlich ein bis zwei Hefte.

Und nun kommt das Wissen auch: ins Internet. „Die Menschen wollen nicht mehr in Bibliotheken gehen, sondern sie schauen mal schnell im Internet bei Wikipedia nach“, sagt Schamberger-Hirt. „Die Anforderung an ein modernes Wörterbuch ist also, dass es digital greifbar ist.“ Aus dieser Erkenntnis heraus hat die Akademie nun eine Internetseite erstellt, auf der die Früchte ihrer Arbeit ab jetzt für alle Interessierten jederzeit online abrufbar sind: „Bayerns Dialekte Online“ (BDO).

Auf der Seite kann man per Suchmaske nach bairischen, fränkischen und schwäbischen Begriffen und ihren Bedeutungen forschen. Denn neben dem Bayerischen Wörterbuch hat die Akademie auch das Fränkische Wörterbuch und das „Dialektologische Informationssystem von Bayerisch-Schwaben“, also das Schwäbische Wörterbuch, unter ihren Fittichen. Diese beiden Wörterbücher wurden digital angelegt, und können so teilweise automatisch in das Internet übertragen werden. Im Falle des Bayerischen Wörterbuchs ist die Arbeit allerdings noch echtes Handwerk – siehe die sieben Millionen Zettel.

Andrea Schamberger-Hirt ist Redaktionsleiterin des Bayerischen Wörterbuches.

Noch also sind in dem Online-Lexikon mehr fränkische als bairische Begriffe zu finden, doch im Falle der „Pratze“ kann man schon erkennen, was für einen Überblick das Online-Lexikon in Zukunft verschaffen wird: Im Fränkischen sind dazu sechs Bedeutungen zu finden, im Schwäbischen 25 und im Bairischen zwölf; alle mit Hinweis auf die Belege und den Verbreitungsort. Dazu gibt es eine digitale Karte, auf der die Orte der Belege eingezeichnet sind.

Derzeit arbeiten die Wissenschaftler am Buchstaben „D/T“. Wenn Schamberger-Hirt, 47 Jahre alt, in etwa 20 Jahren in Rente geht, werden sie und ihre Kollegen beim Buchstaben „O“ angelangt sein. Der Abschluss mit „Z“ sollte planmäßig etwa im Jahr 2060 erfolgen. Ein echtes Mammut-Projekt also, das aber ungemein wichtig ist für Bayern und seine Kultur, sagt Schamberger-Hirt. „Unser vorrangiges Ziel ist es, den Menschen bewusst zu machen, was für ein unglaublicher Schatz das ist“, erklärt sie. „Die Dialekte haben eine uralte Tradition.“ Der älteste Beleg in der Akademie stammt aus dem Jahr 752.

Das Bewahren der Begriffe ist also auch ein Bewahren der Geschichte. Die Akademie hilft zudem Historikern, alte Texte oder Inschriften zu verstehen. „Es ist wichtig, dass wir diese alten Texte noch verstehen können“, sagt Schamberger-Hirt. „Wenn wir unsere Dialekte vergessen würden, würden wir unsere kulturellen Wurzeln abschneiden.“

Das Wörterbuch

ist auf der Seite https://bdo.badw.de/ zu finden.

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