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Morgenkreis der Wurzelzwerge: Die Kinder singen mit Martina Hilmer (lila Jacke) und Alexander Müller (mit Mütze) bairische Lieder.

Zum Tag der Muttersprache

Sepp, Depp, Hennadreck – Erziehung auf Bairisch

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München - Sie sprechen schönstes Bairisch – doch sobald die Kleinen im Kindergarten sind, legen sie ihren Dialekt ab und reden nach der Schrift. Warum ist das so? Und: Können Eltern das auch verhindern?

Als vor zwei Jahren das Wort „Füsch“ fällt, schnackelt es bei Alexander Müller, 49. Mit seinem Sohn Christopher sitzt er damals daheim in München am Esstisch, der Bub erzählt vom Kindergarten, in den er seit kurzem geht. Müller und seine Frau kommen aus der Oberpfalz, beide reden Dialekt. Immer. Ihr Kind ist mit Bairisch aufgewachsen, ein Muttersprachler. Und jetzt sagt der Sohnemann auf einmal „Füsch“ – statt „Fiiisch“!

In diesem Moment erfährt Müller am eigenen Vater-Leib, was er bislang nur aus Erzählungen anderer Eltern und aus Büchern kannte: Muttersprache ist kein Selbstläufer. Bairisch-sprechende Eltern sind keine Garantie für ein bairisch-sprechendes Kind. Müllers Sohn Christopher ist in seiner Kindergartengruppe mitten im bürgerlichen Viertel Haidhausen der einzige Mundart-Sprecher – schon nach wenigen Tagen knickt auch er unter dem Einfluss der Mehrheit ein, passt sich an und versucht, nach der Schrift zu reden. Auch daheim.

Die tz erscheint diesen Freitag auf Bairisch

Erzieher, Lehrer und Eltern müssen beim Dialekt an einem Strang ziehen

So geht es vielen Eltern. Aber warum? In der meist sehr emotional geführten Diskussion um Dialektpflege gibt es oft Schuldzuweisungen: Dann heißt es, die Kinder verlernen die Mundart, weil die Pädagogen das für richtig halten. Erst im Kindergarten, später in der Schule. Die dreifache Mutter Ingrid Ertl aus Lenggries im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen (siehe Umfrage rechts) hat die Erfahrung gemacht: „Einmal hat eine Lehrerin zu meinem Großen gesagt, dass er nicht 'Gelt’s Gott' sagen darf.“

Auch Alexander Müller kennt einige „Horrorgeschichten von bösen Erziehern und bornierten Lehrern, die den Kindern mit Gewalt das Bairische austreiben“. Doch er hat festgestellt: Diese Erklärung hat einen Haken. Selbst wenn der Erzieher den Dialekt fördert – das bringt nichts, solange die Eltern nicht mitziehen.

"Die Leute wissen noch, was 'Gelbe Ruam' oder 'Roude Rahner' sind"

Alexander Müller, ein kräftiges Mannsbild mit langen grauen Haaren und Mütze, steht jetzt auf einer Wiese am Waldrand südlich von München. Hinter ihm ein grüner Bauwagen: der Waldkindergarten der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband München-Land. Müller ist promovierter Erziehungswissenschaftler, forschte früher an der Ludwig-Maximilians-Universität über Schnittstellen von Hirnforschung und Pädagogik – und ging dann raus in die Praxis. Bis vor kurzem war er der Chef der „Wurzelzwerge“ im Waldkindergarten. Jetzt ist er bei der AWO für Inklusion zuständig. Doch das Thema Dialekt treibt ihn weiter um, er ist auch Mitglied im Bund Bairische Sprache.

Müller blickt über Felder auf die zwei Dörfer in der Ferne. Hofolding und Brunnthal. Sie wachsen fast zusammen, aber jeder Ort hat eine eigene Kirche mit Zwiebelturm, einen Maibaum. Es gibt hier, 20 Kilometer vom Münchner Marienplatz entfernt, sogar noch ein paar Bauernhöfe. In den AWO-Waldkindergarten gehen zur Zeit 16 Kinder, die meisten stammen aus alteingesessenen Familien. „Bavarian Native Speakers“ nennt Müller sie – ihre Großeltern sprechen noch schönstes Mittelbairisch. „Die Leute wissen noch, was ,Gelbe Ruam‘ oder ,Roude Rahner‘ sind.“ Wo, wenn nicht hier im ländlichen Bilderbuch-Bayern sollen die Kinder noch lupenreinen Dialekt reden? Falsch gedacht: Bei den Wurzelzwergen sind es nur zwei. Und das, obwohl sie die Mundart in diesem Waldkindergarten sehr wohl pflegen, AWO-Geschäftsführer Michael Wüstendorfer unterstützt und wünscht das ausdrücklich.

"Sepp, Depp, Hennadreck" ist das Lieblingslied der Wurzelzwerge

Sprachpflege steht und fällt mit dem Personal. Alexander Müller, eh klar, ein Parade-Bayer. Die jetzige Leiterin Martina Hilmer, 44, lebt in Hohenbrunn. Praktikantin Barbara ist aus Tirol. Dann gibt es noch Erzieher Johannes aus Sachsen. Bis auf ihn reden alle bairisch mit den Kindern. Und das macht denen richtig Spaß.

Es ist Donnerstag, 9 Uhr. Gerade haben die letzten Mamas ihre Kinder zum Bauwagen gebracht, jetzt ist Zeit für den Morgenkreis. Die Stopsel sitzen auf Baumstämmen, sie tragen dicke Jacken und Matschhosen. Erzieherin Martina Hilmer, dunkle Haare, lila Funktionsjacke, hält ein bayerisches Liederbuch. Sie fragt: „Wos wuit’s singa?“ Und die Kinder schreien: „Sepp, Depp, Hennadreck.“ Das Lieblingslied der Wurzelzwerge. Und schon krähen sie die erste Strophe, es geht um „d’Elefantn, die gega d’Meis Fuaßboi spuin“. Alle können den Text auswendig und alle klingen verdammt original bairisch. Aber verstehen die Kleinen auch immer, worum es in dem Lied geht? „Freilig“, sagt Ludwig, 5, Sohn eines Biobauern und einer der Dialektsprecher bei den Wurzelzwergen. Klar. „Ja looooogisch“, ruft Altersgenosse Theo. Seine Eltern kommen aus Bremen. „Am Anfang hab’ ich nicht kapiert, was die Meis sind“, sagt er, kichert und schlägt eine Hand gegen seine Stirn. „Ich dachte, es geht um Mais!“ Seine Spielkameraden tönen „Oooooohhh Maaaaannnn!“ Theo weiß längst Bescheid, hat auch Mama und Papa den Unterschied erklärt.

Wenn die Mehrheit nach der Schrift spricht, zieht die Minderheit nach

Erzieherin Martina Hilmer ist klar, dass Theo nie ganz bairisch sprechen wird. Aber immerhin hat er den passiven Wortschatz und versteht die Sprache seiner Heimat. Und die Dialektpflege im Waldkindergarten hat noch einen Effekt: Bairische Kinder wie Ludwig trauen sich, ihren Dialekt zu behalten.

Das ist nicht einfach, weiß Erziehungswissenschaftler Alexander Müller. Ein Kind möchte kein Außenseiter sein. Der evolutionsbiologische Hintergrund: Die Gruppe schützt den Einzelnen vor Gefahren. Für die Sprache bedeutet das: Wenn die Mehrheit nach der Schrift spricht, zieht die Minderheit nach. Dazu kommt, dass der Dialekt der Eltern verwässert. Während Oma und Opa noch bairisch reden, sprechen immer mehr Eltern das, was Müller „Anpassungsbairisch“ nennt. Die Kinder orientieren sich daran.

Hochdeutsch-freie Zone ab der Haustür

Alexander Müller wurde nach der „Füsch“-Szene mit seinem Sohn klar: Muttersprache ist vor allem Erziehungssache. Und deshalb stellte er Regeln auf. „Daheim ist unsere Sprache Bairisch – im Kindergarten kannst du reden, wie du magst“, sagte er zu Christopher. Hochdeutsch-freie Zone ab der Haustür. „Nicht, weil ich ein Kampfbayer bin“, erklärt er. Aber klar, er liebt seine Heimat und seinen Dialekt. Es stört ihn nicht, dass im Münchner S-Bahnbereich immer mehr Familien leben, die aus allen Teilen Deutschlands und der Welt stammen. Müller hat nur Angst vor Einheitsbrei, wenn von vielen Dialekten am Ende nur noch ein Kompromiss übrigbleibt: „Ein Orchester klingt auch nicht mehr schön, wenn nur noch Posaunen drin sind“, findet er. Geschmackssache. Doch Müller hat auch wissenschaftliche Argumente.

Wenn ein Kind zur Welt kommt, egal in welchem Sprachraum, verfügt es über einen kompletten Schatz allen Lauten. Bis zum Schulalter ist die Hälfte weg. Erst eine zweite Sprache füllt den Vorrat wieder auf. Das Bairische kennt viele Laute, die es im Hochdeutschen nicht gibt. Den gestürzten Diphtong zum Beispiel – in „Broud“ für „Brot“. „Wer den aussprechen kann“, sagt Müller, „der kann ganz leicht auch englische Wörter wie ,motion‘ aussprechen.“ Das künstliche Pauken von Vokabeln in der Grundschule könne man sich dann getrost sparen. Unerlässlich für das Erlernen fremder Sprachen ist auch das Code-Switching – die Fähigkeit, zwischen Bairisch und Schriftdeutsch hin- und herzuspringen. Wer als Kind lernt, zwischen zwei Sprachen zu unterscheiden, tut sich später leicht.

Viele Eltern haben Angst, dass der Dialekt die Kinder in der Schule benachteiligt

Das sind keine neuen Erkenntnisse. Dennoch sind viele Eltern skeptisch: Sie haben Angst, ihre Kinder hätten mit Dialekt Nachteile in der Schule. Denen will der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes Klaus Wenzel Mut machen. Er gab zum Tag der Muttersprache mit dem Förderverein Bairische Sprache eine Mitteilung heraus: „Sie müssen sich vor Augen halten, dass Dialekte eine Bereicherung im Wortschatz darstellen und einen großen sprachbildenden Wert haben.“

Das weiß langsam auch die Politik. Sepp Obermeier, Chef beim Bund Bairische Sprache, dem auch Müller angehört, lobt das Kultusministerium für die Lehrerhandreichung ,Dialekte in Bayern‘ über bairische Sprachgeographie, Grammatik und Sprachgeschichte. „Das wertet Dialekte enorm auf“, sagt Obermeier. Nur bei der Erzieherinnenausbildung sei das zuständige Sozialministerium auf dem Stand von 1970. In einem Lehrbuch steht, dass „die erzieherische Praxis nicht der geeignete Ort für die Dialekte ist“.

Dialekt, der im Kindergarten verloren geht, ist für immer weg

Alexander Müller sieht das anders. Dialekt, der im Kindergarten verloren geht, ist für immer weg – und das widerspreche Artikel 131 der bayerischen Verfassung. Darin steht, Schüler seien in der Liebe zur Heimat zu erziehen. „Wie soll das funktionieren ohne Sprache?“ Doch die Verantwortung liege nicht bei den Erziehern, sondern auch bei den Eltern: „Wenn man sich nicht das Heft aus der Hand nehmen lässt und seine Kinder selber erzieht, erreicht man auch etwas.“

Sein Sohn Christopher ist ein exzellenter „Code-Switcher“ geworden. Nach einem Jahr sagten die Erzieherinnen, dass sich die anderen Kinder aufgehört haben, sich zu beschweren. Sie verstehen ihn jetzt.

Carina Lechner

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