In Lusern, einem Bergdorf in Italien, hüten sie einen Schatz: ihre Sprache, das „Zimbrische“.

Das Bajuwaren-Dorf im Trentino

Lusern - In Lusern, einem Bergdorf in Italien, hüten sie einen Schatz: ihre Sprache, das „Zimbrische“. Es ist eine Art Bairisch. Gerade 1000 sprechen es noch. Es ist vom Aussterben bedroht. Aber dagegen kämpfen sie - mit Speck, Kindern und Briefen an die CSU. Ein Besuch auf einer bairischen Sprachinsel.

Der Mann mit dem struppigen Schnauzbart und der Glatze braucht Kinder, so viele Kinder wie möglich. „Dieses Jahr sind drei angemeldet“, sagt Luigi Nicolussi, Jahrgang 1949, während er in seinem Büro sitzt. Hinter ihm wacht ein Kruzifix. „Drei schwangere Frauen in 365 Tagen“, sagt der Altbürgermeister, das sei gut, damit kann er ausgezeichnet leben. Damit hat sein Dorf das Soll erfüllt. Damit ist die Zukunft von Lusern gesichert, vorerst gesichert. Nicolussi lächelt gütig.

Hier oben auf der Hochebene von Lavarone, 1333 Meter über null, mitten in den Bergen des Trentino ist alles etwas sonderbarer als sonstwo. 300 Menschen leben hier, die nächste Gemeinde liegt viele Kurven und einen zünftigen Gewaltmarsch entfernt. Der Arzt kommt nur dreimal die Woche, der letzte Bäcker ist gerade in Rente gegangen - und dann ist ja noch diese merkwürdige Sprache, die sie hier mitten in Italien sprechen. Wenn die Bewohner von Lusern von der Heimat sprechen, sagen sie „huamat“, die Ziege ist die „goas“, die Sonne die „sunn“, die Frauen sind die „baibar“, Kühe die „küha“. Wenn sie Schwammerl suchen gehen, gehen sie „in sbemm“. Die Sprache heißt „Zimbrisch“ - und sie hört sich irgendwie bekannt an. So gar nicht Italienisch, sondern eher Bairisch, altbacken Bairisch.

Aber kann das gehen? Nicolussi nickt, ja, das könne sehr gut gehen. „Unsere Vorfahren kommen aus Bayern.“ Vor knapp 1000 Jahren, erzählt er, habe in der Gegend um das Kloster Benediktbeuern eine große Dürre geherrscht, die Menschen hungerten, viele starben. Da die Kirche große Besitztümer in Italien hatte, begann eine groß angelegte Völkerwanderung. Etliche Familien fanden in den kaum besiedelten Bergen in der Nähe von Trient ihre neue Heimat. Die bayerischen Auswanderer hatten damals nicht mehr dabei als ein paar Habseligkeiten - und ihre Sprache. Und diese Sprache sprechen sie heute noch.

Wie unter einer Glasglocke hat sich in der abgelegenen Gemeinde Lusern ein mittelhochdeutscher Dialekt gehalten, wie er in Bayern vor vielen Jahrhunderten gesprochen wurde. Eine Reise nach Lusern ist eine Reise in die Vergangenheit Bayerns. Wer wissen will, wie sich seine bayerischen Urahnen angehört haben, kann es hier erfahren - live und in Farbe. „Das Zimbrische ist sprachlich sozusagen auf dem Stand kurz nach der Besiedlung stehen geblieben“, sagt Professor Anthony Rowley, Bairisch-Experte an der Uni München. Es gibt Wissenschaftler, die nennen das Bergdorf ein „lebendes Sprachmuseum“.

Fast jeder Bewohner von Lusern spricht Zimbrisch, zudem natürlich Italienisch, manchmal auch Deutsch. Insgesamt gibt es jedoch gerade mal noch 1000 Menschen, die diesen sagenhaften Dialekt sprechen. Das Zimbrische ist vom Aussterben bedroht - und dagegen, na klar, helfen nur Kinder. „Ich habe leider keine“, sagt Nicolussi. „Der Chef hat bestimmt, dass ich keine Kinder bekomme.“ Mit Chef meint er den Chef da oben, Gott. Dem und seinem Dorf, findet er, ist er schuldig, dass es auch in den nächsten paar hundert Jahren noch das Zimbrische gibt. Das ist die Mission seines Lebens.

Nicolussi ist der oberste zimbrische Sprachschützer. 25 Jahre lang war er Bürgermeister, jedes Neugeborene hat er persönlich begrüßt. Es gibt inzwischen ein Heimatmuseum, ein Kulturinstitut, Comics auf Zimbrisch, einen zimbrischen Chor und jeden Samstagabend, 19.30 Uhr, kommen im Fernsehen die Nachrichten auf Zimbrisch. Nicolussi hat hier oben ein Call-Center eröffnet, damit die Frauen zum Arbeiten nicht in die Stadt müssen. Demnächst soll sich eine Speckfirma ansiedeln. „Die Speckproduktion wird sechs bis sieben Arbeitsplätze bringen“, sagt er. „Die Vorverträge habe ich noch als Bürgermeister unterschrieben.“ Nicolussi kämpft um jeden einzelnen Zimbern, denn nur eines mögen sie hier oben nicht: Zuagroaste.

Jeder ist aufs Herzlichste willkommen in Lusern: Besucher, Touristen sowieso, Wanderer, Pilzsucher, aber, bittschön, keine Zuwanderer. „Leider haben auch einige Fremde hier Zweitwohnungen“, sagt Nicolussi. Fremde sind Menschen, die kein Zimbrisch sprechen. Fremde könnten irgendwann den Dialekt verwässern, das ist seine Sorge. Viele Jahrhunderte lang lebten die Zimbern isoliert und für sich allein - so soll es auch bleiben. Wer auf einer Sprachinsel lebt, mag es nicht, wenn fremde Boote an Land gehen. Man müsse ein leer stehendes Haus schließlich nicht verkaufen, sagt Nicolussi, es gebe andere Möglichkeiten: „Man kann es auch für die Enkel aufheben.“

Sprache verbindet, Sprache trennt. Und wer eine retten will, darf nicht zimperlich sein - der muss alles versuchen. Die Faschisten unter Mussolini haben den Zimbern verboten, ihre Sprache zu sprechen. Es ist ein ewiger Kampf hier oben in den Bergen, Nicolussi kann sich noch an Pfarrer erinnern, die vor dieser „barbarischen Sprache“ warnten. Hölle und Fegefeuer haben die Pfaffen den Zimbern angedroht. Aber die Bewohner von Lusern haben nicht aufgehört „hümbl“ (Himmel), „belt“ (Welt) und „schual“ (Schule) zu sagen. Sprache ist für sie Widerstand, Heimat, Herkunft.

Noch vor 200 Jahren soll es 20 000 Menschen gegeben haben, die Zimbrisch konnten. Heute ist die Sprache eine der am seltensten gesprochenen - weltweit. Das ist schlecht, klar. Aber immerhin dürfen die Zimbern an der „Fußballmeisterschaft der Sprachminderheiten“ teilnehmen, das ist so was wie eine Weltmeisterschaft für bedrohte Arten. Rätoromanen machen da mit, Friesen, Roma, Katalanen. Das Turnier lief nicht gut für die Zimbern. „Aber gegen die Sorben haben wir remis gespielt“, sagt Nicolussi. „Die Mannschaft hat unsere Ehre hochgehalten.“

Nicolussi hat selbst zehn Jahre in München gelebt, er hat italienische Landsmänner bei arbeitsrechtlichen Dingen beraten. Als er dann Bürgermeister wurde, ist er jeden Freitag in sein Heimatdorf gefahren - um samstags die Sitzungen zu leiten. Vor einiger Zeit wollte er seine Kontakte nach München wieder auffrischen: Er hat einen Brief an den damaligen Umweltminister Werner Schnappauf geschrieben - mit der Bitte, den Zimbern für einige Zeit doch bitte den ausgestopften Bruno zu überlassen. Damit könne Bayern ein eindrucksvolles Zeichen setzen, hat er nach München durchgegeben: „Bayern kann zeigen, dass es sich an seine Ausgewanderten erinnert.“

Außerdem sei Bruno vom Trentino aus nach Bayern ausgewandert - genau umgekehrt wie die Urahnen der Nicolussi. Natürlich dachte der Altbürgermeister auch an die Touristen, die Bruno nach Lusern locken könnte. Es war der Versuch eines Marketing-Coups für das sympathische, aber verschlafene Bergdorf. Die Antwort aus dem Ministerium war niederschmetternd: Nein, geht nicht, hieß es kurz und knapp: Man wolle Bruno erst selbst studieren. Er bleibe in Bayern.

Die Liebe zur Heimat seiner Vorfahren hat das nicht zerstört. Im Gegenteil. Bis vor ein paar Jahren hatte Lusern keine eigene Fahne - unerträglich für den stolzen Herrn Nicolussi. Kurzerhand entwarf er selbst eine. Farbe: Weiß-Blau. „In Bezug auf unsere Herkunft“, sagt Nicolussi. Klar.

Dann springt Nicolussi auf. Er will sein Dorf zeigen. Aber das ist nicht alles: In den nächsten 30 Minuten wird er zudem den eindrucksvollen Beweis führen, dass Gschaftlhuberei kein Privileg der Inlands-Bayern ist. Auch Bayerns verlorene Bayern sind dazu in der Lage.

Nicolussi hüpft die Treppen des Kulturzentrums runter, setzt sich in sein Auto - und nimmt den Besucher mit auf eine Tour durch den Ort. Es geht steile Straßen hoch, steile Straßen wieder runter. Nicolussi deutet auf Baustellen, die zeigen sollen, dass Lusern brummt, zumindest aber ein Mini-Bau-Boom ausgebrochen ist. Er lenkt, redet, fährt, redet. „Unsere Vorfahren waren Maurer und Steinmetze“, sagt er. Und: „Das ist meine größte Zufriedenheit. Die Leute denken nicht mehr, dass Lusern keine Zukunft hat.“

Dann kehrt er um - jetzt will er ins Rathaus. Er will die von ihm entworfene Flagge zeigen, die hängt da. Aber vorher fährt er sich seinen Reifen kaputt, der Bordstein, auf dem er parken wollte, ist hoch, viel zu hoch. Es macht pschhh, pschhhh, pschhhh - die Luft schießt raus. Er hat einen Platten. Ist ihm wurscht. Er lässt das Auto neben dem Rathaus stehen, läuft zum Sitzungssaal hoch, geht zur Flagge, geht wieder runter, hält einen Plausch mit einer Touristengruppe, im Stechschritt weiter zum Heimatmuseum, rein, wieder raus, dann rüber in die Bar „Ferdy“. Die Kondition des Mannes ist beeindruckend, aber wer ein Volk retten will, braucht nun mal Feuer. Moses hat auch nie Mittagsschlaf gebraucht.

„Prosecco, bitte!“, sagt Nicolussi zur Wirtin. Dann schnauft er durch, aber nur kurz, er blickt zu Loredana, der Wirtin, und sagt: „Das ist die Frau, die uns schon drei Kinder geschenkt hat.“ Drei Zimbern. Drei kleine südtiroler Bajuwaren. Dreimal Zukunft.

Loredana schaut verlegen, Nicolussi hebt sein Glas. Darauf trinken wir. Auf die fruchtbaren Frauen von Lusern. Auf die Zukunft. Auf die „huamat“.

Stefan Sessler

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Polizei nimmt Fernreisebusse ins Visier
Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord beteiligte sich an einer bayernweiten Kontroll- und Fahndungsaktion. Dabei nahmen sie vor allem Fernreisebusse ins Visier. 
Polizei nimmt Fernreisebusse ins Visier
Schweinehoden an Haustür des Nachbarn gehängt
Ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit in Unterfranken scheint zu eskalieren. Nun hat ein Mann seinem Nachbarn Schweinehoden an die Haustür gehängt. 
Schweinehoden an Haustür des Nachbarn gehängt
Anzeige statt Telefonnummer für Möchtegern-Casanova
Mit einer Verfolgungsjagd und einem riskanten Fahrmanöver hat ein Möchtegern-Casanova in Oberfranken die Handynummer einer Autofahrerin bekommen wollen.
Anzeige statt Telefonnummer für Möchtegern-Casanova
Fliegerbombe neben Schwandorfer Krankenhaus gefunden
Bei Bauarbeiten wurde in Schwandorf eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Für die Entschärfung muss das Krankenhaus evakuiert werden. 
Fliegerbombe neben Schwandorfer Krankenhaus gefunden

Kommentare