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Hausbau mit Hindernissen: Im Schnitt vergehen gerade 66 Tage, bis der Handwerker kommt – so voll sind die Auftragsbücher.

Zermürbende Wartezeiten und hohe Preise

Bauboom mit Nebenwirkungen: Handwerker händeringend gesucht

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München – Das Betongold lockt wie nie zuvor: In Bayern wird so viel gebaut wie schon lange nicht mehr. Aber der Weg zum Eigenheim ist steinig – denn die Handwerker in der Region können sich vor Aufträgen kaum retten. Die Folge: zermürbende Wartezeiten und hohe Preise.

Wer in Oberbayern baut, der braucht gerade Geduld. Viel Geduld. Das sieht man zum Beispiel daran: Eine Familie, die anonym bleiben möchte und gerade im Münchner Speckgürtel ein Häuschen bauen will, berichtet von ihrer komplizierten Suche nach Handwerkern. „Der Bauleiter schreibt die Arbeiten aus – und verschickt 30 bis 50 Anfragen, je nach Gewerk. Aber nur zwei bis drei Firmen sagen ab. Der Rest meldet sich gar nicht mehr – und zwei geben ein Angebot ab.“ Manchmal kommt auch nur ein Angebot zurück. „Elektrik und Sanitär ist sehr, sehr schwer“, sagt die junge Bauherrin. Es ist nicht so, dass man gar keinen Handwerker findet, „aber dann muss man höhere Preise bezahlen – weil man ja nur den einen hat, der ein Angebot abgegeben hat.“ Für Rohbau und Keller sind die Münchner schon jetzt 30 000 Euro über dem Budget.

Willkommen im Bauland Bayern! Willkommen im Land der tüchtigen Handwerker, die mancherorts gerade 16 Stunden am Tag arbeiten könnten, ohne dass die Arbeit je ausginge. Denn es ist kein Einzelfall, was die Familie berichtet. Die bayerische Baubranche boomt, sie kann sich vor Aufträgen kaum retten.

Deutschlandweit wurde seit der Jahrtausendwende nicht mehr so viel gebaut wie heuer. In der ersten Jahreshälfte wurden allein 180 000 Wohnungen und 50 000 Häuser genehmigt. Die Branche freut sich, die Kunden leiden: Der Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks berichtete gerade erst, dass nach der Auftragsvergabe im Schnitt 66 Tage vergehen, bis der Handwerker kommt. Hört man sich bei oberbayerischen Handwerken um, dann wird schnell klar, dass die Lage wahrscheinlich noch dramatischer ist. Dass die Auftragsbücher in der Wachstumsregion München noch voller sind.

„Bis Ende des Jahres voll“, sagt Johann Schlemmer, der in Jesenwang im Kreis Fürstenfeldbruck eine Zimmerei und ein Sägewerk betreibt (r.). Er kann keine Aufträge mehr annehmen.

„Bis Ende des Jahres sind wir voll“, sagt Johann Schlemmer, der in Jesenwang im Kreis Fürstenfeldbruck eine Zimmerei und ein Sägewerk betreibt. Die Firma hat knapp 20 Mitarbeiter. Kunden, die jetzt anrufen, müssen sich oft bis 2017 gedulden. „Wir waren Anfang des Jahres sehr fleißig, was Angebote betrifft“, sagt er. „Aber die lukrativen Sachen würden jetzt erst kommen.“ Das Problem: Er kann sie nicht mehr annehmen, seine Mitarbeiter sind schon voll ausgelastet. Trotzdem freut er sich natürlich über die gute Konjunktur. Viele Menschen lassen gerade ihr Eigenheim renovieren, bauen neu oder das Dachgeschoss aus. Es läuft gut in der Branche. Auch über Nachwuchsmangel kann Schlemmer nicht klagen. Das ist in anderen Handwerksberufen anders – Maler, Maurer und Klempner suchen händeringend Lehrlinge. Viele junge Menschen studieren lieber, als einen Handwerksberuf zu erlernen (siehe auch Umfrage). „Wir können uns unsere Lehrlinge aussuchen“, sagt hingegen Johann Schlemmer, „wir hätten noch fünf mehr haben können.“ Die Ausbildung zum Zimmerer, das Arbeiten mit Holz ist gerade extrem beliebt, sagt er.

Albert Aumann hat eine Zimmerei und Dachdeckerei in Oberhaching im Kreis München. Der Obermeister der Zimmerer-Innung München sagt: „Es jammert gerade keiner in der Branche, dass er zu wenig arbeitet.“ Auch er kann momentan keine spontanen Aufträge annehmen. Manche Aufträge muss er ganz ablehnen, wenn sie zu groß sind. Aumann macht vor allem kleinere Holzbauten, Dachfenster, Vordächer, Carports. „Es geht der Reihe nach“, sagt er, „der nächste freie Termin ist im November.“ Nur eines versteht der Handwerker nicht: Obwohl viel Arbeit da ist, obwohl die Nachfrage gigantisch ist, „die Preise ändern sich nicht. Wir haben im Moment Preise wie vor zehn oder 15 Jahren“.

Gerade in Bayern spürt man den Bau-Boom extrem: Ein Drittel mehr Baugenehmigungen verzeichnete der Freistaat im vergangenen Jahr. Die bayerischen Sparkassen vergaben 30 Prozent mehr Kredite für Immobilien. Laut Sparkasse stieg auch die Summe, die in Bayern in Wohnungsbaukrediten steckt – im vergangenen Jahr um sieben Prozent, auf knapp 64 Milliarden Euro.

Auch der Archäologen Matthias Wemhoff (l.) rechnet wegen des Baubooms mit viel Arbeit in den nächsten Monaten.

Die Nachfrage nach Immobilien ist ungebrochen, seit Jahren steigen die Preise. Immobiliengutachter haben 2016 den „Immobilienmarktbericht Bayern“ herausgegeben. Innen- und Bauminister Joachim Herrmann (CSU) stellte ihn höchstpersönlich vor. Das Ergebnis: Von 2000 bis 2015 stiegen die Immobilienpreise im Schnitt um drei Prozent pro Jahr. Das klingt nach wenig, bedeutet aber: Wer ein Haus für 100 000 Euro gekauft hat, konnte es 15 Jahre später für knapp 155 000 Euro weiterverkaufen. Das gilt natürlich nur im Schnitt und nicht für alle Regionen gleich. In Bayern gibt es ein starkes Nord-Süd-Gefälle. In Franken gibt es Gegenden mit so gut wie keiner Preissteigerung, hier dürfte man auch leichter Handwerker finden. In Oberbayern ist die Preissteigerung dagegen umso höher. Und die Bayerische Landesbank geht davon aus, dass sich dieser Trend in den kommenden 25 Jahren fortsetzt. Bis 2040, so schätzt man bei der Bank, sollen die Preise in München und Umgebung noch mal um gut ein Viertel steigen, in Franken dagegen kaum oder sogar abnehmen. Will heißen: Tüchtige Handwerker werden noch lange gefragt sein.

Es sind aber nicht nur die privaten Hausbauer, die ihre liebe Not haben, einen Fliesenleger oder einen Gerüstbauer zu finden. Die Suche nach Handwerkern wird auch für öffentliche Projekte immer schwerer. Bei einzelnen Gewerken werde es „zunehmend schwierig“, heißt es bei der Münchner Wohnungsbaugesellschaft Gewofag. Es gibt es Fälle, „in denen Ausschreibungsverfahren mehrfach aufgelegt werden müssen“, heißt es dort, „da die Beteiligung der Bewerber sehr gering ist.“ Vor allem betroffen sei die Haustechnikbranche, insbesondere das Gewerk Elektro.

Auch bei der städtischen Baugesellschaft GWG wird die Suche nach Handwerkern mühsamer. Ein Sprecher sagt, die Zahl der Unternehmen, die sich für Gewerke bewerben, sei in den vergangenen zwei bis drei Jahren „schleichend“ gesunken. Allerdings nicht in einem Ausmaß, dass sich Neubauten verzögern würden. GWG und Gewofag seien beliebte Aufraggeber, auch weil die Rechnungen pünktlich bezahlt werden. Dennoch nimmt die Zahl der Bauunternehmen ab, die für die Stadt arbeiten wollen oder können – das gilt auch für kleinere Aufträge im Bestand.

Rund um München wird wie der Teufel gebaut – das liegt natürlich auch an den historisch günstigen Zinsen. Für langfristige Darlehen lag der Zins Ende des zweiten Quartals im Schnitt bei gerade einmal 1,8 Prozent. Zugleich suchen die Investoren händeringend Anlagemöglichkeiten. Da viele Aktien und Finanzprodukte kaum noch was abwerfen, flüchten viele in Betongold und hoffen, dass die Immobilienpreise weiter anziehen. Hinzu kommt die Zuwanderung: Die Baugenehmigungen von Wohnheimen, zu denen Flüchtlingsunterkünfte gerechnet werden, stiegen im ersten Halbjahr 2016 um 174 Prozent.

Es geht bergauf – in den letzten Jahren werden immer mehr Wohnungen gebaut.

Es sind die Handwerker, die gerade alle Hände voll zu tun haben, aber auch eine andere Branche rechnet mit verstärkter Auftragslage. Eine Branche, die man so nicht auf der Rechnung hatte – die Archäologen. Prof. Matthias Wemhoff, der Landesarchäologe von Berlin, erwartet wegen der vielen Bauprojekte noch zahlreiche archäologische Überraschungen. „Der Bauboom führt zu einer Vielzahl neuer Fundplätze, die alle untersucht und begutachtet werden müssen“, sagte Wemhoff. „Wir stehen vor großen Herausforderungen, unsere Aufgaben explodieren.“

So weit, so stressig. Aber es gibt auch Menschen, die die Suche nach Handwerkern ganz locker sehen. Martina Pöttinger baut gerade in Moorenweis im Kreis Fürstenfeldbruck. Sie sagt: „Generell habe ich nur Firmen genommen, die ich persönlich kenne und die vor Ort sind, und da muss ich sagen, dass ich sehr zufrieden bin und mich bisher auf jeden verlassen konnte. Es war auch nicht schwer, welche zu finden.“ Wartezeiten? Fast Fehlanzeige. „Mal ein paar Tage, weil sich was verschoben hat, aber alles im Rahmen.“

Vielleicht ist es in diesen Tagen das größte Glück, in einem kleinen Dorf zu wohnen, in dem man alle Handwerker persönlich kennt. Und sich gleichzeitig ein Haus leisten zu können.

S. Sessler, U. Lobinger und B. Hiergeist

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