Die Bauern und ihr Herrgott

München - Agrarstaat war früher: Das Verhältnis von Verbrauchern zur Landwirtschaft hat sich geändert. Die Wertschätzung von Lebensmitteln in der Überflussgesellschaft nimmt ab. Am Sonntag feiern Landwirte und Kirche Erntedank.

„Wir müssen zufrieden sein und dem Herrgott für die äußeren Bedingungen danken“, sagt Anton Kreitmair. Der Landwirt aus Erdweg (Landkreis Dachau) ist oberbayerischer Bauernpräsident. Zumindest für seinen Regierungsbezirk gelte: „Zuckerrüben waren sehr zufriedenstellend. Kartoffeln waren sehr zufriedenstellend. Weizen war sehr zufriedenstellend.“ Und auch die momentan laufende Maisernte sei „sehr zufriedenstellend“. Im Norden Bayerns machte das Wetter hingegen eine Achterbahnfahrt, die Ernte fiel deutlich schlechter aus.

Für die Landwirte ist der erste Oktobersonntag, an dem das Erntedankfest in den Kirchen gefeiert wird, ein großer Eintrag im Kalender. „Gerade in der Bauernschaft ist das ein wichtiger Anlass zum Danken. Ausreichend Niederschläge und gute Temperaturen sind für uns nicht selbstverständlich“, betontKreitmair, der auf seinen Ackerflächen Mais, Zuckerrüben, Weizen und Gemüse anbaut.

Der Dank für die Gaben der Ernte ist auch im Jahr 2012 noch fixer Bestandteil des christlichen Kalenders. Denn: „Kirchliche Feste sind immer zeitgemäß.“ Das findet jedenfalls Bettina Göbner, Sprecherin beim Erzbischöflichen Ordinariat München. „Und gefeiert wird Erntedank eigentlich überall, vor allem im ländlichen Raum.“ In Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) etwa, wo eine Prozession durch den Ort stattfindet. Gleiches gilt für Wackersberg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen oder Marktschellenberg (Berchtesgadener Land).

Für Landvolkpfarrer Josef Mayer hat sich die Art zu feiern in den letzten Jahren aber geändert: „Heute gehen wir verstärkt auf das Verhältnis von Verbrauchern und Landwirten ein. Der Bezug zu Lebensmitteln ist mittlerweile ganz anders.“ Das gilt gerade für den Freistaat Bayern, dessen Ökonomie bis vor wenigen Jahrzehnten überwiegend aus Landwirtschaft bestand. Wenn die Ernte ausfiel, litt darunter die ganze Bevölkerung. Für Mayer lautet deshalb der neue Ansatzpunkt, etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu tun – gerade auch mit Blick auf die Länder der „Dritten Welt“, deren Bevölkerung Überfluss nicht kenne.

Durch diesen neuen Blickwinkel bleibt das Erntedankfest modern. Und trotz neuester Technologien, die Ackerbau und Viehwirtschaft erleichtern, ist das Wetter für die Landwirte ein unberechenbarer Faktor geblieben. Einer, von dem der Ertrag eines ganzen Jahres abhängt. Deshalb feiern sie auch im Jahr 2012 gemeinsam mit der Kirche. „Als Dank dafür, dass wir all das einbringen konnten, was die Leute brauchen“, sagt Pfarrer Mayer.

Bauer Kreitmair findet, dass neben den Landwirten auch die Verbraucher am Sonntag allen Grund haben, zu danken: „Denn wo sonst gibt es Grundnahrungsmittel bester Qualität zu einem vergleichsweise so niedrigen Preis?“

Johannes Markmann

Rubriklistenbild: © dpa

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