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Spontan-Konzert während der Nassrasur: Franz Himpsl von der „Unterbiberger Hofmusik“ beim türkischen Frisör. 

Film über die Helden der neuen Volksmusik

Der Bavaria Vista Club

München - Blues auf Bairisch. Volksmusi plus Jazz. Gstanzl plus Reggae. Oberbayerische Musik ist manchmal bunter als die Polizei erlaubt. Die Hauptfiguren der Szene treten jetzt in einem einzigartigen Dokumentarfilm auf.

Heute ist ein wunderbarer Tag für Musiker Franz Himpsl: Er darf endlich wieder zum Frisör. Das ist so was wie sein Hobby. Himpsl, Jahrgang 1955, ehemaliger Realschullehrer und Kopf der „Unterbiberger Hofmusik“, steht in der Goethestraße in München vor dem türkischen Frisör „Kubi“, die Nassrasur kostet hier zehn Euro, Haareschneiden zwölf. Himpsl marschiert rein – und wird gleich von allen Seiten angeschaut. So läuft das immer, wenn er sich die Haare machen lässt. Franz Himpsl ist ein Hingucker, eine Ein-Mann-Attraktion.

Ehrenmitglied des Bavaria Vista Club mit karibischen Wurzeln: Der Münchner Reggae-Sänger Wally Warning hat Bayerns Szene mit seinem Sound geprägt. Fotos (4): Marcus Schlaf

Denn man sollte vielleicht noch ein Detail verraten. Unterm Arm trägt der gut gelaunte, bärtige Bayer ein bauchiges Zupfinstrument. Es handelt sich um eine Saz, ein Instrument, das in fast keinem türkischen Haushalt fehlt. Gleich wird er damit ein spontanes Frisör-Konzert mit türkischen Volksliedern geben – und das, während der Barbier Rasierschaum auf sein Gesicht schmiert. Herrlich verrückt. Vorher sagt er: „Die Türken sind bei uns nicht richtig willkommen geheißen worden und haben sich abgeschottet. Aber wir wollen die Kulturen aufbrechen.“ Und zwar mit Musik made in Unterbiberg, die bayerische Volksmusik, auf wundersame Weise mit Jazz und orientalischen Klängen verschweißt.

Musikergeschichten aus Oberbayern: Das ist es, was Walter Steffen aus Seeshaupt in seinem neuen Film erzählen will.

Himpsl ist Berufsmusiker, Sänger, Überzeugungstäter und ehrenamtlicher Streetworker in Personalunion. Das mit den Spontan-Konzerten bei türkischen Friseuren irgendwo in München macht er alle paar Wochen. Eigentlich kommt er alleine, ratscht, setzt sich, singt und lässt sich nebenbei den Bart stutzen. Doch heute hat er ein Filmteam im Schlepptau. Das ist aus zwei Gründen ganz und gar wunderbar. Erstens, weil einem ja keiner glaubt, dass es in dieser zumindest mancherorts furchtbar oberflächlichen Bussi-Bussi-Stadt so herzergreifend-schräge Menschen mit so herzergreifend-schrägen Ideen gibt – solange man keine Beweise hat. Und zweitens, weil der renommierte Filmemacher Walter Steffen aus Seeshaupt am Starnberger See hinter der Sache mit dem Kamerateam steckt. Er arbeitet gerade an seinem neuesten Dokumentarfilm, diesmal soll es um Musiker in Oberbayern gehen, um Volksmusik-Pioniere, um Freigeister, um Querdenker mit Geige und Kontrabass, um Gstanzlsänger, die die Brücke zum Hip-Hop schlagen, um Wirtshaus-Musikanten, die keine Scheu vor südamerikanischen Rhythmen haben. Um Typen wie Franz Himpsl. Der Titel des Films, der schon bald auch im Kino zu sehen sein soll: „Bavaria Vista Club“.

Beim Dreh für den Film „Bavaria Vista Club“: Walter Steffen und sein Team besuchen Wally Warning (r.) in seinem Tonstudio.

Der Name ist natürlich eine Anspielung auf den „Buena Vista Social Club“. Dahinter verbirgt sich eine CD und ein Kinofilm, der sich vor Jahren ausschließlich um die Altmeister kubanischer Musik drehte. „Buena Vista Social Club“ ist ein Welterfolg geworden. „Bavaria Vista Club“ steckt noch in den Kinderschuhen. Ein Großteil der Bilder ist allerdings schon im Kasten. Walter Steffen und sein Team waren schon bei den charmant-alternativen Volksmusikanten von Zwirbeldirn, bei den bairischen Blues-Sängern Williams Wetsox und Schorsch Hampel, bei IRXN, bei Zwoastoa und bei Barbara Lexa aus Wolfratshausen, die Jodelmantras singt.

Zwoastoa zaubern mit Dialekt, Dub, Elekro und Hip-Hop eine neue Form bayerischer Volksmusik aus dem Hut.

„Beim Bavaria Vista Club“, sagt Walter Steffen, „geht es um einen musikalisch-geistigen Raum, der sich über Bayern ausdehnt.“ Hört sich ein bisserl kompliziert an, meint aber was ganz Einfaches, nämlich bairisch singende Musiker, die alte Zöpfe abschneiden, experimentieren und Musikstile vermischen, aber die Tradition nicht vergessen. Oder noch kürzer: Der „Bavaria Vista Club“ ist Bayern, wie es geigt, plattlt, singt, jodelt, tanzt und groovt. Natürlich hätten auch noch Bands wie Kofelgschroa oder LaBrassBanda gut in den musikalischen Heimatfilm gepasst, genau wie der ewige Hans Söllner, aber nicht alle Musiker hatten Zeit oder Lust für einen Drehtermin. Aber dieser Bavaria Vista Club ist sowieso kein geschlossener Verein: Es geht um eine Idee. Um die Seele eines Landstrichs, die sich in der Musik spiegelt.

Unterbiberger Hofmusik. Das Ensemble vermischt Volksmusik mit Jazz und jetzt auch mit türkischer Musik. Unterbiberger Hofmusik

An einem anderen Drehtag steht Walter Steffen, Jahrgang 1955, im Tonstudio des Münchner Reggae-Urgesteins Wally Warning, der mit seinem Song „No Monkey“ seinen größten Hit hatte und den er gleich interviewen wird. Steffens Helfer richten gerade Licht und Ton, Wally Warning singt schon mal ein bisserl und ruft dann in Richtung des Regisseurs: „Life is wonderful, Walter!“ Das Leben ist wunderbar – und die Stimmung gelöst. Wer diesem begnadeten, auf der Karibikinsel Aruba geborenen Musiker Wally Warning auch nur für ein paar Minuten zuhört, vergisst auf der Stelle, dass es draußen gerade regnet und auch sonst im Leben nicht immer alles hinhaut. Wally Warning, der seit 35 Jahren in München lebt, ist ein Gute-Laune-Macher vor dem Herrn. Walter Steffen hört ihm zu, lacht und kommt plötzlich ins Philosophieren. „Wenn die Musik noch mehr Raum kriegt“, sagt er, „dann haben wir irgendwann die Utopie, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind.“

Zwirbeldirn. Die Volksmusiker verbinden morbide Texte, Geigen und kräftige Stimmen zu einem ganz eigenen Mix. Zwirbeldirn

Träumen, man wird ja wohl noch träumen dürfen. Das ist es natürlich auch, was Steffen in seinem Film einfangen will: die Magie, die von richtig spitzenmäßiger bayerischer Musik ausgeht. Das Leben eines jeden Durchschnittsbayern ist heutzutage ja meistens ziemlich ernst – viel Arbeit, Leistungsdruck, CSU, selbst ein Rausch auf der Wiesn ist für Normalverdiener inzwischen kaum mehr zu finanzieren. Alles Dinge, die nicht spurlos an einem vorüber gehen. Da braucht es manchmal Urlaub vom Alltag, wenn auch nur für ein paar Minuten. Für ein, zwei Songs, die einen vielleicht in den Bavaria Vista Club entführen.

Wolfgang Ramadan steht zusammen mit Wally Warning auf der Bühne. Zusammen sorgen sie für karibisch-bairischen Sound.

Inzwischen ist auch Lyriker, Musiker und Tausendsassa Wolfgang Ramadan, Jahrgang 1960, ins Tonstudio gekommen. Früher, als Wally und Wolfgang noch blutjung waren, haben sie in Milbertshofen in der gleichen Straße gewohnt. Wolfgang Ramadan hat gesehen, wie sein Nachbar immer mit dem Gitarrenkoffer in sein Haus gegangen ist. Irgendwann hat er ihn gefragt: „Kannst Du mir das mit der Gitarre auch beibringen?“ Wally hat sofort zugesagt. Das war der Beginn einer langen karibisch-bayerischen Freundschaft. Wally hat Wolfgang zum Musiker gemacht. Inzwischen machen die beiden Musikkabarett. „Warning Ramadan“ nennen sie sich. Gstanzl trifft Reggae. Eine wilde Mischung, die funktioniert.

„Der, der des Bier ned mog, der kimmt ins koide Grob“, gstanzlt Wolfgang Ramadan in diesem Augenblick los. Wally Warning begleitet ihn mit karibischen Rhythmen. „Das ist Weltpremiere“, sagt Wolfgang Ramadan. Das Stück haben sie vorher noch nie gespielt. Es ist gerade aus ihnen rausgerutscht. Ein wunderbarer Moment und ein kleiner Beweis dafür, dass Anarchie, Kunst und Lebenskunst in guten Augenblicken nirgends so daheim sind, wie unterm weiß-blauen Himmel – und im Bavaria Vista Club.

Das große Finale auf der Kreut-Alm

Es soll ein würdiger Abschluss werden. Ein Abschluss mitten im Herzen Bayerns. Die letzten Aufnahmen seines Dokumentarfilms will Regisseur Walter Steffen auf der Kreut-Alm bei Großweil im Kreis Garmisch-Partenkirchen drehen. Und zwar beim erstmals stattfindenden „Bavaria Vista Club Open Air Festival“ am Sonntag, 22. Juni. Beginn 14 Uhr. Mit dabei: Barbara Lexa, IRXN, Schorsch Hampel, die Unterbiberger Hofmusik, Wally Warning, William Wetsox, Wolfgang Ramadan, Zwirbeldirn und Zwoastoa. Adresse: Kreut-Alm, Kreut 1, 82439 Großweil. Noch gibt es Karten, sie kosten 19,50 Euro pro Person (Kinder bis zwölf Jahre sind frei). Kartenvorverkauf: OKticket.de oder auf der Kreutalm. Bei schönem Wetter findet das Festival im Biergarten statt, bei schlechtem Wetter im Festsaal.

Für den Kino-Dokumentarfilm „Bavaria Vista Club“ verzichten alle Musiker auf ihre Gagen. Der Bezirk Oberbayern unterstützt das Projekt, ansonsten stemmt der erfahrene Filmemacher Walter Steffen („München in Indien“, „Trüffeljagd im 5Seenland“) die Low-Budget-Produktion aus der eigenen Tasche. Für das einzigartige Projekt sucht er noch private Sponsoren. Wer dem Film mit einer kleinen Spende unter die Arme greifen will, der kann dies unter www.startnext.de/bavaria-vista-club tun.

Stefan Sessler

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