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Bayan Alrazzah schreibt über den Verkehr in Syrien. 

Tagebuch eines 21-jährigen Syrers

Bayan über Busse und Bahnen: „Hier verliert man keine Zeit“

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er alleine nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er als anerkannter Flüchtling in München. Für unsere Zeitung führt er Tagebuch über seinen Alltag.

Heute berichtet er über den Verkehr in Aleppo – und wie er sich durch den Krieg verändert hat.

Als ich in Aleppo gelebt habe, bin ich fast immer mit dem Bus zur Schule gefahren. Weil es billiger ist als mit dem Taxi. Manchmal ging ich auch zu Fuß in die Stadt, das war nicht so weit. Ich hatte keinen Führerschein, weil ich kein Auto hatte. Ein Führerschein kostet in Syrien nicht so viel wie in Deutschland, vielleicht 100 Euro. Er ist ganz leicht zu bekommen, die Prüfung ist nicht so schwer. Allerdings sind die Autos sehr teuer. Ein paar Mal bin ich trotzdem Auto gefahren, ich wollte es ausprobieren.

Der Verkehr in Aleppo ist anders als hier. Wir haben keine U-Bahn, keine S-Bahn und keine Straßenbahn. Bei uns fahren die Leute in der Stadt mit dem Auto, dem Bus oder dem Taxi. Mit dem Fahrrad fährt man in Aleppo nicht, weil es keine Fahrradwege gibt. Man müsste entweder auf der Straße zwischen den Autos fahren oder auf dem Gehsteig zwischen den Leuten. Es wäre gefährlich. Deshalb habe ich nie das Fahrrad benutzt. Frauen fahren nie Fahrrad. Es ist nicht verboten für sie, in unserer Kultur aber sehr ungewöhnlich.

„In Syrien weiß man nie, wann der nächste Bus kommt“ 

Die erste Straßenbahn gab es in Aleppo 1928. Es sind immer mehr geworden. Bis die Stadt angefangen hat, Straßenbahnen durch Busse zu ersetzen. Vor dem Krieg gab’s viele neue Busse, manche gehörten der Stadt und manche privaten Firmen. Früher gab’s nur alte Busse, die sehr groß waren, deshalb hat die Stadt neue gekauft. Dann kam der Krieg. Fast alle Busse wurden gestohlen oder zerstört. Deshalb gab es die alten Busse wieder, die damals eigentlich schon verboten waren, weil es so viele Unfälle gegeben hatte. Seit der Krieg begann, fahren in Syrien keine Züge mehr zwischen den Städten, weil die Milizen Bomben auf die Gleise legen.

Das Busfahren war bei uns ganz anders als hier in Deutschland. Man kann in Syrien nie wissen, wann der letzte Bus gefahren ist und wann der nächste kommen wird. Wir haben keine Fahrpläne. Früher habe ich viel auf Busse gewartet. Wenn keiner kam, ging ich entweder zu Fuß oder musste ein Taxi nehmen. Als Fußgänger wartet man in Aleppo nicht darauf, dass eine Ampel grün wird. Nur bei großen Straßen, auf denen viele Autos fahren – um sich selbst zu schützen. Wenn Ramadan war, waren die öffentlichen Verkehrsmittel den ganzen Monat übervoll. Bis der Muezzin zum Gebet in die Moschee ruft. Dann sah man keinen einzigen Bus mehr auf den Straßen. Dann musste man entweder zu Fuß gehen oder das Auto nehmen, falls man eins hatte.

Mir gefallen die Navigationsgeräte in Deutschland. In Syrien haben wir so etwas bis jetzt nicht. Gut ist auch, dass man hier immer weiß, wann ein Bus oder ein Zug kommt. So verliert man weniger Zeit. In München fahre ich mit allen Verkehrsmitteln außer den Taxis, weil sie zu teuer sind. Ich ärgere mich, wenn ich eine Bahn oder einen Bus verpasse. Manchmal rennt man, um einen Bus noch zu erreichen, aber manche Fahrer warten nicht mal zehn Sekunden. Ist mir schon oft passiert. Ich würde gerne einen Führerschein machen und ein tolles Auto haben. Aber das wünscht sich wohl jeder Mensch. 

Bayan Alrazzah

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