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Der Felsenflüsterer: Landschaftsgärtner Werner Wick hat in seinem Garten den inneren Kreis von Stonehenge nachgebaut. Zur Sommersonnwende will er die ersten Sonnenstrahlen im Schneidersitz auf einem Steintor genießen.

Firmenchef hat englische Kultstätte im Garten

Bayer baut sich Stonehenge nach

Velden – An diesem Wochenende lodern wieder bayernweit die Feuer zur Sonnwendfeier. Werner Wick verbringt den längsten Tag des Jahres in seinem Garten, wo er sich ein originalgetreues, bayerisches Stonehenge nachgebaut hat. Würden nur nicht die Druiden seinen Frieden stören.

Bei Druiden hört der Spaß auf. „Voodoo-Zauberer brauch ich hier nicht“, da ist Werner Wick konsequent. Es ist noch gar nicht lange her, als er wieder so einen „Wurzelsepp“ in seinem Garten sitzend vorfand. „Der hatte so einen komischen Jutesack an und Hühner-Federn in den Haaren.“ Er behauptete, schon seit 900 Jahren Druide zu sein. „Und geschaut hat er wie der Teufel selbst.“ Dafür sprach er ein ganz passables Bairisch. Aber in Werner Wicks Garten werden keine Tiere geopfert und auch keine Totenschädel verehrt. Den „halbseidenen Hühnerkopf“ hat er schnell wieder nach Hause in die Schamanenhütte gejagt.

Dass sich hinter Werner Wicks Haus hin und wieder fragwürdige Gestalten blicken lassen, hat einen Grund: Der 59-jährige Landschaftsgärtner hat sich sein eigenes, originalgetreues Stonehenge nachgebaut. Der innere Kreis des jungsteinzeitlichen Bauwerks in Süd-England steht nun eben auch im oberbayerisch-niederbayerischen Grenzgebiet, in Kreuz bei Velden an der Vils, kurz hinter der Grenze zum Landkreis Erding. Zwischen Feldern und Wiesen. In Werner Wicks Garten.

Wenn man sich vorbei an staubigen Baumaschinen und Lkw-Anhängern von Wicks Firma in seinen Garten durchgekämpft hat, steht man auf einmal in einer kleinen Oase der Ruhe. Alte, kräftige Bäume, ein Teich, Vogelgezwitscher. Auf einer Anhöhe von sechs steinernen Stufen stehen sie, die mächtigen Steinformationen – und ziehen den Besucher schon beim Anblick fast magisch in ihre Mitte. Fünf Steintore, ein Altarstein, insgesamt 45 Brocken, zum Teil bis zu 20 Tonnen schwer.

Die Faszination Stonehenge packte Werner Wick ganz unverhofft. Vor vielen Jahren während einer Studienreise. Bei seinem Zweitstudium zum Agrar-Ingenieur besuchte er mit Kommilitonen englische Landwirtschaftsbetriebe. Aber als seine Mitstudenten überdimensionale Mähdrescher begutachteten, fehlte Werner Wick in der Gruppe. Er war in Stonehenge hängen geblieben. Zwei Tage und drei Nächte. „Ich bin einfach nur dagesessen.“ Die Energie des Ortes hatte ihn überwältigt. Seitdem trieb ihn die Frage um, wie die Menschen es vor Jahrtausenden schafften, so einen Kraftakt zu vollziehen. Er nahm sich vor: Irgendwann versuche ich das auch. Doch es brauchte einen Schicksalsschlag, damit er sein Herzensprojekt endlich anpackte.

Es ist Dienstag, 23. Juli 2002. Kurz vor Mitternacht. Wick ist mit dem Auto unterwegs. „Wenn die Straße eine Kurve macht, aber man fährt geradeaus weiter, dann ist das nicht gut.“ Wick schoss von der Fahrbahn und überschlug sich fünf mal. „Mein Leben hing am seidenen Faden.“ Ein Münchner Chirurg, den Wick voller Respekt nur „den Mechaniker“ nennt, schraubte seinen kaputten Körper wieder zusammen. Jetzt fehlt ihm die fünfte Bandscheibe, er hat eine Titanplatte im Hals. Seinen Kopf kann er nicht mehr so weit drehen wie früher. Abgesehen davon ist er topfit.

„Nach dem Unfall habe ich gesagt, jetzt muss ich es machen. Sonst mache ich es nie.“ Der Stein kam ins Rollen, sozusagen. Material hatte er sich schon ausgesucht. Für sein Unternehmen ist Wick regelmäßig in Steinbrüchen im Bayerischen Wald. Dort ließ er sich einige Steine bei Seite legen. Aber nur ganz bestimmte. „Die Steine haben mit mir gesprochen“, sagt er. „Nimm mich mit!“ Mitgenommen.

Mit Hilfe seines besten Freundes, dem ältesten Sohn und dem „oiden Deife“ – einem schon fast antiken Radlader – machte sich Wick ans Werk. Am Gründonnerstag 2003 ging’s los. Bis Pfingsten stand das bayerische Stonehenge. Zwischendrin wäre Wick um Haaresbreite von einem seiner flüsternden Giganten erschlagen worden. Ein Seil war gerissen. „Da wollte ich aufhören.“ Sein Bekannter überzeugte ihn, weiter zu machen.

Das Gefühl nach der Vollendung war überwältigend. Seitdem hat Werner Wick viele Stunden in seinem Steinkreis verbracht. Und jede Menge interessierte Gäste empfangen. Aus der Gegend, aber auch aus den USA, Russland, Japan. „Wer keinen Schmarrn macht, ist willkommen“, sagt er. Auch ein Konzert des Klangkünstlers Klaus Feßmann vom Salzburger Mozarteum mit über 600 Gästen fand zwischen Wicks Steinen schon statt.

An diesem Wochenende bietet sich in dem verwunschenen Garten ein besonderes Schauspiel. Wie beim Original in England sind die Steine nach der Sonnenwende und Tagundnachtgleiche angeordnet. Am Sonntagmorgen wird die Sonne genau durch das mittlere Tor scheinen. Wick hebt den Finger: „Genau hinter der Lärche geht sie auf.“ Am Sonntagmittag erreicht die Sonne dann den höchsten Stand über dem Horizont in diesem Jahr. Von da an werden die Tage wieder kürzer.

Wenn das Wetter mitspielt, wird Werner Wick frühmorgens aus dem Bett steigen und auf eines seiner Steintore kraxeln. „Da sitze ich dann. Und genieße.“ Am liebsten allein. Aber das ist selten. Meist kommt doch noch irgendjemand dazu. Macht aber nichts. Solange die Hühnerfedern zu Hause bleiben.

Dominik Göttler

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