Die Anlegestelle am Tegernseer Rathaus ist noch geschlossen – doch bald könnten hier wieder erste Schiffe ablegen. Kapitänin Najd Boshi freut sich auf den verspäteten Saisonstart. Sie hat lange darauf gewartet.
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Die Anlegestelle am Tegernseer Rathaus ist noch geschlossen – doch bald könnten hier wieder erste Schiffe ablegen. Kapitänin Najd Boshi freut sich auf den verspäteten Saisonstart. Sie hat lange darauf gewartet.

Bayerische Seenschifffahrt

Schifffahrt Tegernsee: Kapitänin erzählt von langer Winterpause ohne Fahrgäste - „das ist das Schlimmste“

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Die ehemalige Syrerin Najd Boshi war in Tegernsee angekommen - als Kapitänin. Dann kam Corona. Jetzt berichtet sie von ihren Erfahrungen in der Winterpause.

Tegernsee – Najd Boshi steuert Ausflugsschiffe über den Tegernsee. Seit einem halben Jahr stehen die Motoren still. Der Start der Schifffahrt wurde Corona-bedingt verschoben – jetzt steht er unmittelbar bevor. Die Geschichte einer Kapitänin, die lange auf dem Trockenen saß und trotzdem in die Zukunft lächelt.

Najd Boshi sitzt verträumt am Küchentisch. Erste Sonnenstrahlen fallen durch eine Glastür in ihre Wohnung nahe des Tegernsees. In der Luft liegt der Geruch nach frischen Brezen und arabischem Kaffee. Die gebürtige Syrerin lächelt, hebt ihre Tasse und sagt: „Prost“. Eilig zieht sie die Hand zurück, lacht und fragt: „Das sagt man nur abends, oder?“ Schmunzelnd erklärt sie, auch manchmal Wein und Kaffee zu verwechseln – so durcheinander ist ihr Alltag momentan. Die Kapitänin ist es nicht gewohnt, zu dieser Uhrzeit zu frühstücken.

Eigentlich wäre sie jetzt längst auf dem Schiff – Boshi steuert seit zwei Jahren die Ausflugsschiffe Wallberg, Kreuth und Gmund über den Tegernsee. „Dass ich keinen geregelten Alltag mehr habe, ist das Schlimmste“, sagt die Kapitänin. Seit Mitte November stehen die Motoren still. Der saisonale Start der Schifffahrt zu Ostern wurde Corona-bedingt verschoben. Michael Grießer, Geschäftsführer der Bayerischen Seenschifffahrt GmbH, sagt: „Wir wollen starten, sobald die Biergärten öffnen.“ Das ist zwar eine Perspektive – aber noch immer abhängig von der Inzidenz. Für Boshi bedeutet der Start das Ende einer verlängerten Durststrecke – sie hat einen harten Winter hinter sich.

Schifffahrt Tegernsee: Kapitänin fand durch Zufall ans Steuerrad - wegen des Coronavirus vermisst sie die Gäste

Die 44-Jährige kam vor sieben Jahren aus der syrischen Stadt Aleppo nach Tegernsee*. Schnell fand sie einen Job in einer Bäckerei, wenig später arbeitete sie als Kassiererin für die Schifffahrt. Bis ihr Chef sie darum bat, den Kapitänsführerschein zu machen. An diese Arbeit hat sie sich längst gewöhnt. „Ich vermisse die Gäste, die Touristen – und allgemein das Leben in der Stadt“, sagt die Tegernseerin.

Sie fühlt sich wohl, wenn sie morgens vom Kai ablegt, in die Sonne blinzelt und mit Blick auf die Berge in einen neuen Tag startet. „Im Führerstand mache ich mir oft Musik an, so leise, dass es die Fahrgäste nicht hören“, verrät die Kapitänin. Wenn der See dann in türkisgrünem Wasser vor ihr liegt, weiß sie: „Hier bin ich daheim.“ Ein Satz, den sie mit so herzlichem Lächeln sagt, dass er ehrlicher nicht klingen könnte – auch 3000 Kilometer von ihrer Geburtsstadt entfernt. Die 44-Jährige ist endlich angekommen – doch dann kam Corona. Und dann der Herbst.

Wie in der Branche üblich, ist Boshi als Saisonarbeitskraft angestellt, im Winter braucht sie einen anderen Job. „Ich hatte mich als Liftwartin beim Skigebiet Sudelfeld beworben“, erinnert sie sich. Doch der Skibetrieb fiel aus. Knapp sechs Monate war die Tegernseerin deshalb arbeitslos.

Kapitänin wollte im Skibetrieb arbeiten - stattdessen betreute sie ihre Kinder im Homeschooling

Mit ihrer 18-jährigen Tochter Nai und ihrem 13-jährigem Sohn Ali verbrachte die alleinerziehende Mutter viel Zeit zu Hause, beide Kinder waren im Homeschooling. Erst Anfang April wurde Boshi regulär von der Seenschifffahrt wieder eingestellt – seitdem bezieht die 44-Jährige Kurzarbeitergeld. Kaffee mit Wein verwechseln – das wollte Boshi auf Dauer trotzdem nicht. Einem befreundeten Landwirt half sie deshalb ehrenamtlich im Stall. „Musik gehört haben wir da auch, meistens Volksmusik“, sagt die Kapitänin schmunzelnd. „Inzwischen verstehe ich einwandfrei Bairisch.“

Dann starb der 70-jährige Landwirt überraschend – und für Boshi ging ein guter Freund verloren. Dass er in der Pandemie bis zuletzt auf die Geselligkeit verzichten musste, bedauert Boshi am meisten: „Für ihn haben seine Freunde zur Lebensfreude dazugehört.“ Um sich selbst sorgt sie sich weniger – sie hat ihre Kinder. „Aber mir fehlt das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun.“ Boshi ist gerne im Stress, sie mag es, in ihrer Mittagspause nach Hause zu kommen und eilig mit ihren Kindern zu essen. Richtig Zeit hatte sie in der vergangenen Saison nur abends. „Dann saß jeder am Tisch und hat von seinem Tag erzählt.“

Najd Boshi vermisst die Schifffahrt am Tegernsee und ist trotzdem optimistisch: „Es gibt Schlimmeres“

Heute hat Boshi keinen Stress. „Oft liege ich nachts im Bett und ich denke darüber nach, dass ich morgen Wäsche machen muss.“ Oder Geografie mit ihrem Sohn lernen – „was gibt es Schlimmeres“. Boshi erzählt gut gelaunt von ihrem Winter. Obwohl für sie nichts so gelaufen ist wie geplant. Und aus ihrem scheinbar sicheren Hafen ein unberechenbares Fahrwasser wurde. Doch sie weiß: „Es gibt Schlimmeres.“

Die Kapitänin ist aus Syrien geflohen und hat dabei „alles, wirklich alles“ gesehen. „Wer Krieg und Flucht erlebt hat, weiß, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann.“ Mit dieser Devise blickt Boshi mit ihrem herzlichen Lächeln weiter in die Zukunft. Türkisgrünes Wasser, Berge und viele Touristen warten auf sie. Und Boshi selbst? Sie wartet darauf, ihre Heimat zurückzugewinnen. Auf dem Wasser, zwischen den Bergen. Dort, wo sie sich wohlfühlt.

Noch im Mai könnte die Schifffahrt ihren Betrieb am Tegernsee wieder aufnehmen*. Betriebsleiter Stephan Herbst hofft auf einen Start vor Pfingsten. (nap) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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