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Rutschpartie auf dem Starnberger See: Die Bucht bei Percha ist so stark zugefroren, dass sich nicht nur diese beiden Winterfreunde auf das Eis trauen.

Bibbertage in Bayern

So kalt war’s scho ewig nimmer!

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München - Rekordkälte im Freistaat: Flüsse und Seen frieren zu, Autos fahren nicht mehr – der bayerische Winter in sieben Kapiteln. 

1. Der Januar bricht die Eis-Rekorde

Dieser Januar hat das Zeug zum Rekord-Monat: Schon jetzt beträgt die Mitteltemperatur -3,5 Grad – und ein Ende der Kälte ist nicht in Sicht. Uwe Zimmermann vom Deutschen Wetterdienst hat für uns in die Statistik geschaut: Eisiger war es zuletzt 1987, damals war der Januar im Schnitt -4,5 Grad kalt. Und noch ein Vergleich: „Der Januar ist der fünftkälteste seit 63 Jahren“, sagt Zimmermann. Die tiefsten Temperaturen, die der Wetterdienst in diesem Januar in Bayern gemessen hat, waren -31,2 Grad in Reit im Winkl und -31,1 Grad bei Oberhaching. Diese Rekorde wurden jeweils am 7. Januar verzeichnet, gemessen wurde fünf Zentimeter über dem Boden.

2. Die Seen frieren zu – oder doch nicht?

Ein eisiges Gewand trägt dieses Brunnenbuberl in der Münchner Fußgängerzone. 

Das wollen zur Zeit alle Schlittschuhläufer und Eisstockschützen von Peter Astashenko wissen: Trägt das Eis auf unseren Seen? Doch der Geschäftsführer der Wasserwacht in Bayern ist vorsichtig. „Das ist sehr unterschiedlich“, sagt er. Eine offizielle Freigabe würde er nie erteilen – zu gefährlich. Eisfreunde spazieren derzeit schon über Wörthsee oder Pilsensee, auch Schliersee und Spitzingsee sind komplett zugefroren. Der Königssee könnte der nächste sein, obwohl er groß und tief ist – noch untersagt die Gemeinde aber, das Eis zu betreten. Zuletzt war der Königssee 2006 zugefroren – damals konnte man an 29 Tagen von Schönau nach Sankt Bartholomä gehen. Und zwar mit offizieller Erlaubnis der Gemeinde.

Auch der Chiemsee friert nach Angaben der Chiemsee-Schifffahrt allmählich zu. Schiffe verkehren derzeit nach einem Eisfahrplan: Damit sind Herrenchiemsee und die Fraueninsel nur noch von Gstadt aus erreichbar. Ammersee, Tegernsee und Starnberger See sind derzeit noch weitgehend eisfrei: „An den großen Seen frieren eher manche Buchten zu“, sagt Wasserwachtler Astashenko.

Wovon hängt das ab? Laut dem Münchner Eisforscher Achim Heilig spielt die Größe des Sees eine große Rolle. „Ein großer See kühlt langsamer ab als ein kleinerer“, sagt der Glaziologe von der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Viel hänge aber auch von der Lage ab. Gewässer, deren Oberfläche immer wieder von Windböen aufgewirbelt werde, frieren langsamer zu als Seen in windgeschützten Tallagen. Auch starke Zu- und Abflüsse verhindern schnelles Zufrieren.

3. Die Schifffahrt hat keine Chance mehr

Auch München ist ein Winterwunderland: Mike Brilli fährt mit Sohn Leo (3) am Monopteros Schlitten.

Auf dem Main-Donau-Kanal war Schiffsverkehr seit Tagen nur noch dank des Einsatzes von Eisbrechern möglich. Am Montag aber kapitulierte die Schifffahrtsbehörde vor der Kälte: Am Vormittag gab es eine eisbedingte Komplettsperrung der Wasserstraße zwischen Donau und Main. Selbst leistungsstarke Spezialschiffe schafften es nicht mehr, eine Fahrrinne frei zu brechen. Ein im Eis eingeschlossenes Schiff wurde von einem Eisbrecher zum nächsten Hafen geschleppt. Weitgehend zum Erliegen gekommen ist auch die Schifffahrt auf der Donau, die Schleuse Kachlet bei Passau stellte am Samstag ihren Betrieb ein. Zunehmend kritisch wird die Lage auch auf dem Main.

4. Perfekte Pisten für Skifahrer

Betreten verboten – doch der Königssee ist fast zugefroren. 

Die Angst der bayerischen Liftbetreiber war Anfang der Saison groß – verhagelt uns der warme Winter die Saison? Die Antwort, Ende Januar: Das Gegenteil ist der Fall. Oberbayern ist gerade ein Skiparadies. „Es ist perfekt“, sagt Antonia Asenstorfer von Alpenplus, zu dem die Skigebiete Brauneck-Wegscheid, Spitzingsee-Tegernsee und Sudelfeld gehören. „Die Bedingungen könnten nicht besser sein.“ Sonne, Schnee, Eiseskälte – dieser Skiwinter ist der Hit.

Und noch was hat Antonia Asenstorfer bemerkt: Die Skifahrer sind bei diesen Bedingungen entspannter als sonst. Eine kleine Schlange an der Kasse? Kein Problem. Ein bisserl am Lift anstehen? Kein Grund für schlechte Laune. „Wenn ich es mir wünschen könnte“, sagt sie, „dann hätte ich in zwei Wochen gerne noch mal einen kleinen Schnee-Nachschlag.“ Aber sonst gibt’s in der Skibranche gerade rein gar nichts zu meckern.

5. ADAC: Die Autos fahren nicht mehr

Dieselfahrer haben bei den extremen Minustemperaturen schlechte Karten. Denn bei der Kälte kann es passieren, dass der Diesel nicht mehr fließt, sondern versulzt. Die Folge: Das Auto springt nicht mehr an oder der Motor geht einfach aus. Kerstin Lunzner vom ADAC Südbayern bestätigt, dass es in den vergangenen Wochen verstärkt Panneneinsätze wegen des Versulzens des Kraftstoffes gab. Sie empfiehlt: Möglichst volltanken und den Tank nicht leer fahren, denn das Kondenswasser im Tank fördert die Versulzung. Und: „Der wichtigste Tipp: Das Auto möglichst warm halten, also in einer Garage, einem Carport oder in einer geschützten Ecke abstellen.“

6. Tücken der Kälte: Gefahr für das Herz

So ein Eiswinter birgt auch Gefahren: Die Kälte kann zu einem lebensbedrohlichen Angina pectoris-Anfall oder einem Herzinfarkt führen, heißt es bei der Deutschen Herzstiftung. Menschen mit Herzproblemen sollte bei diesen Temperaturen auf anstrengende Aktivitäten wie Schneeschippen verzichten. Und wenn man in die Kälte geht und plötzlich einen Druck oder Brennen im Brustkorb spürt, dann sollte man sofort einen Arzt aufsuchen.

7. Die Aussichten: Bleibt es so frostig?

Über traumhafte Loipen freuen sich diese Langläufer zwischen Wildbad Kreuth und Glashütte.

„Die Kaltluftfront bleibt uns noch einige Tage erhalten“, sagt Dirk Mewes vom Deutschen Wetterdienst in München. Die nächsten sechs bis sieben Tage seien die Wetteraussichten recht stabil. Es bleibt freundlich – doch die Kraft der Sonne reicht nicht aus, um die Temperaturen am Tag über null Grad zu bringen. Das Problem: Die Sonne bringt den Schnee zum dampfen, dadurch entsteht Nebel. Und der verwandelt sich in den kalten Nächten zu gefährlichem Glatteis. Ab -10 Grad sprechen Meteorologen von „strengem Frost“ – den erwartet Mewes für die kommenden Nächte auf jeden Fall für das Münchner Umland.

Erst Anfang nächster Woche dürfte die Kaltluftzufuhr unterbrochen werden. Allerdings wird es dauern, bis sich der Kaltluftsee, in dem wir derzeit frieren, verzieht.

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