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Sie haben den Überblick: Referatsleiter Martin Riemensperger und Archivar Johann Lang (v.l.) wissen genau, in welchem Regal sie ein bestimmtes Luftbild finden.

Ein Besuch im Landesluftbildarchiv

So faszinierend sieht Bayern von oben aus

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Es gibt keinen Fleck in Bayern, der undokumentiert ist. Alle zwei Jahre wird jeder Quadratmeter aus der Luft abfotografiert. Seit 1945 sind mehr als eine Million Aufnahmen entstanden. Sie lagern gut sortiert im Landesluftbildarchiv – und beweisen, wie sehr sich der Freistaat verändert.

München – Bayern hat viele Gesichter. Besonders von oben. Und Johann Lang kennt sie fast alle. Das verdankt er seinem Beruf. Der 57-Jährige ist seit 19 Jahren Archivar im Landesluftbildarchiv. Wer in wenigen Minuten durch Zeit und bayerischen Raum reisen will, der wendet sich am besten an ihn oder einen seiner Kollegen.

Denn im Luftbildarchiv sind die Veränderungen jedes bayerischen Quadratmeters seit 1945 festgehalten. Gut geschützt in Kartons, die eingeordnet in zimmerhohen Regalen stehen. Die jüngeren Bilder sind bereits digital erfasst und leichter zu finden. Johann Lang braucht nur wenige Sekunden, wenn er zum Beispiel nachsehen möchte, wie sein Wohnhaus in Königsbrunn bei Augsburg vor vier Jahrzehnten ausgesehen hat. Er tippt am Computer in die Archiv-Datenbank Jahreszahl und geografische Angaben ein – und schwupp ist das Wohngebiet auf dem Bildschirm zu sehen. Wenn er das Gleiche für die 50er-Jahre machen will, dauert es schon etwas länger. Dann muss er im System nach der Nummer des richtigen Kartons suchen und hinunter gehen in den Keller.

Die meiste Zeit sucht Lang natürlich nicht nach seinem Zuhause – sondern nach den Wünschen der Menschen, die ins Luftbildarchiv im Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung kommen, um eine Aufnahme zu kaufen. „Manchmal sind das Privatpersonen, die ein originelles Geburtstagsgeschenk suchen“, erzählt er. Oft helfen die Archive mit Luftaufnahmen Ortsplanern oder Heimatforschern bei ihrer Arbeit. Gelegentlich kommen Umweltexperten, die zum Beispiel einschätzen wollen, wie es um Bayerns Wälder steht. Und hin und wieder brauchen sogar Juristen die Hilfe der Archivare. Lang erinnert sich an einen Fall, bei dem durch ein Luftbild geklärt werden konnte, wie lange ein Schwarzbau bereits steht. In 19 Jahren Luftbildarchiv erlebt man so einiges – auch so manche Kuriosität.

Der Präsident des Landesamts für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, Wolfgang Bauer, ist überzeugt, dass die Bedeutung von Luftbildern zunehmen wird.

Einige davon haben Referatsleiter Martin Riemensperger und sein Team sogar in einem der vielen Gänge aufgehängt. Da wäre zum Beispiel die Fliege, die sich ganz frech auf das Objektiv der Kamera gesetzt hat, als der Fotograf im Flugzeug abdrückte. Auch ein Segelflieger hat sich dank richtiger Flugroute auf einem der Bilder verewigt. Und sogar einen Heiratsantrag haben sie archiviert. Ein Foto zeigt ein Feld, in das der Schriftzug „Jana heirate mich“ gemäht wurde. Janas Antwort hingegen ist bedauerlicherweise nicht dokumentiert.

Mehr als eine Million Luftbilder befinden sich im Archiv. 870 000 analog in Spezialhüllen, gut sortiert in Regalen und 267 000 digital im Computer. Damit besitzt Bayern deutschlandweit das größte Luftbildarchiv. Die ältesten stammen aus dem Jahr 1941. Rund 64 000 Luftaufnahmen haben die Alliierten während des Zweiten Weltkriegs gemacht. Auch sie werden noch gelegentlich gebraucht – zum Beispiel vom Kampfmittelräumdienst, um Blindgänger zu finden.

Alle Aufnahmen digitalisieren

Ziel ist es, nach und nach alle Aufnahmen zu digitalisieren. „Pro Foto dauert das acht Minuten am Präzisionsgerät“, erklärt Riemensperger. Es ist ein Projekt, das die Zeit im Landesamt für Digitalisierung in München überdauern wird. Denn das Luftbildarchiv wird kommendes Jahr nach Neustadt an der Aisch umziehen. In Mittelfranken soll ein Hotspot für Vermessung und Digitalisierung entstehen, wünscht sich Bayerns Heimatminister Markus Söder (CSU). Dort ist neben dem Archiv auch ein Museum geplant. „Wir wollen diese einzigartige Sammlung Bayern von oben für die Öffentlichkeit zugänglich machen“, kündigt Söder an. Die Eröffnung ist in der zweiten Jahreshälfte 2018 geplant. Bis dahin gibt es für Martin Riemensperger und sein Team eine ganze Menge Kisten zu packen.

Poing von oben.

Wolfgang Bauer, der Präsident des Landesamts, ist sich sicher, dass die Bedeutung der Luftbilder weiter zunehmen wird, besonders für Normalbürger. Das beweisen die vielen Anfragen. Bestellvorgänge werden auch künftig von München aus möglich sein. „Irgendwann vielleicht sogar über das Internet“, sagt er. Und die Arbeit im Luftbildarchiv wird wohl niemals ausgehen. Nicht nur, weil im Zwei-Jahres-Rhythmus alle Aufnahmen erneuert werden. „Damit sind wir aktueller als Google Earth“, betont Bauer. Auch die digitalisierten Bilder machen weiterhin Arbeit. Die Mitarbeiter müssen die Festplatten ständig prüfen und eventuell umspielen. Und immer wieder einmal wird es vorkommen, dass dabei ein Archivar schmunzeln muss. Zum Beispiel, wenn wieder einmal ein Bayer am richtigen Ort und zur richtigen Zeit einen unübersehbaren Heiratsantrag macht.

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