Bayerisches Wasser und sein Reinheitsgebot

München - Rund 100 000 Menschen im Raum Rosenheim mussten zwei Wochen lang ihr Leitungswasser abkochen – es war verschmutzt mit gefährlichen Keimen. Wie ist es eigentlich um Bayerns Trinkwasser bestellt?

Bayerns Leitungswasser gilt als eines der saubersten der Welt – das zeigt schon ein Aufenthalt im Ausland. Selbst in Urlaubsländern mit westlichen Standards wie Frankreich oder Italien sind Trinkwasser-Chlorungen nicht ungewöhnlich. Das ist im Freistaat selten nötig. Im Landkreis Rosenheim aber haben starke Unwetter in den vergangenen Wochen das Trinkwasser verschmutzt – die Bürger mussten es 14 Tage lang abkochen, jetzt wird es gechlort, bis das Wasser wieder sauber ist. Bis die Kontrolleure Entwarnung geben. Denn die Trinkwasserverordnung in Bayern ist streng.

Im Freistaat gibt es 520 Anlagen, die jeweils Trinkwasser für 5000 Personen oder mehr liefern. Dort finden regelmäßig Kontrollen statt – bei den großen Wasserversorgern mehrmals täglich, bei sehr kleinen nur einmal im Jahr. Gibt es Verunreinigungen, müssen diese sofort an das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gemeldet werden, so schreibt es die EU vor. Im Jahr 2010 war das bayernweit sechs Mal der Fall – in fünf Fällen waren coliforme Bakterien im Wasser. Das sind Keime aus Exkrementen, die beim Menschen unter anderem Durchfall auslösen. Auch im Rosenheimer Trinkwasser wurden sie nachgewiesen.

Werden solche Bakterien festgestellt, werden die Gesundheitsämter eingeschaltet. Diese lassen das Wasser meistens über einen bestimmten Zeitraum chloren – bis die gewünschte, gute Qualität wieder erreicht ist.

Damit möglichst wenig Keime ins Trinkwasser gelangen, zum Beispiel über Gülle, gibt es ausgewiesene Schutzgebiete. In bestimmten Zonen (siehe Kasten) soll deshalb nicht gedüngt werden – das Landesamt für Umwelt (LfU) spricht allerdings für den Großteil der Fläche nur Empfehlungen, keine verbindlichen Richtlinien aus. Diese Empfehlungen stammen jedoch nicht von behördeninternen, bayerischen Experten, sondern von einem sogenannten Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches – der hunderte Wasserversorger vereint und seinen Sitz in Bonn hat.

Am Beispiel Rosenheim erwiesen sich diese Schutzzonen aber als nicht ausreichend. Landwirte hatten in einem Gebiet, das als Zone II bezeichnet wird und in dem laut Empfehlung eigentlich keine Gülle ausgefahren werden soll, gedüngt. Das bestätigt das LfU. In den vergangenen Jahrzehnten war dies nie ein Problem – doch die ungewöhnlich starken Regenfälle der letzten Wochen spülten die coliformen Keime ins Trinkwasser. Deshalb wird jetzt gechlort – die Konzentration entspricht nach Angaben der Stadtwerke Rosenheim in etwa der in Schwimbädern. „Das wird auch noch einige Wochen so bleiben müssen“, sagt ein Mitarbeiter des Wasserversorgers.

Künftig werden deshalb die Landwirte im Raum Rosenheim in den sensiblen Wasserschutzgebieten der Zone II (65 Hektar groß) überhaupt nicht mehr düngen dürfen – denn die Behörden haben auf die Trinkwasser-Verschmutzung reagiert. Landrat Josef Neiderhell verhängte Anfang der Woche absolutes Gülle-Ausfuhr-Verbot für die Zone II, in Zone I ist es ohnehin bereits verboten. 14 Landwirte sind davon betroffen. Einige Bauern haben bereits angekündigt, Schadenersatz zu fordern.

Patrick Wehner

Rubriklistenbild: © dpa

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