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Wurde das Radler 1922 in einem Biergarten im Münchner Umland erfunden? Zumindest die Redaktion des „Bayerischen Wörterbuchs“ ist sich sicher: das beliebte Mischgetränk aus Bier und Limonade ist deutlich älter.

Bayerisches Wörterbuch

Das Märchen vom Radler

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Im Bairischen gibt es weit mehr als 100 000 Wörter. Der Redaktion des „Bayerischen Wörterbuchs“ werden auch viele weitgehend unbekannte Wörter gemeldet. Interessierte können diese Sprachperlen jetzt auch im Internet abrufen.

München – Erst vor Kurzem war es wieder so weit: Die Redaktion des „Bayerischen Wörterbuchs“ konnte einmal mehr ein wenig Licht ins Mysterium der bairischen Sprache bringen – zumindest mit einer Falschbehauptung aufräumen. Ein Biergarten südlich von München hatte lange damit geworben, dass dort im Jahr 1922 die Radlermaß erfunden worden sei. „Einer unserer Leser wollte wissen, ob das stimmt“, sagt Andrea Schamberger-Hirt, die sich mit vier anderen Mitarbeitern unter der Leitung des renommierten Professors Anthony Rowley an der Akademie der Wissenschaften um das Wörterbuch kümmert.

Einer ihrer Kollegen recherchierte und kam zu dem Ergebnis: Das Wort Radler war lange vor der Weimarer Republik in Bayern für mit Limonade versetzte Biere gebräuchlich. Denn die Schriftstellerin Lena Christ erwähnte in ihren bereits 1912 erschienen autobiografischen „Erinnerungen einer Überflüssigen“, dass in einer Gaststätte in Freimann „Radlermaßen“ angeboten worden seien. „Christ schildert in dem Buch Erinnerungen aus dem Jahr 1900“, erläutert Sprachwissenschaftlerin Schamberger-Hirt.

Pech für die fragliche Gaststätte südlich von München. „Dort kommt der Begriff Radler jedenfalls nicht her“, weiß die Dialekt-Expertin. Doch wo das Wort Radler für ein Mischgetränk aus Bier und Limonade erstmals auftauchte, geht aus dem traurigen Werk Christs nicht hervor. Klar ist jedoch: Britische Soldaten tranken bereits im 19. Jahrhundert unter der Bezeichnung Shandy Bier mit Limettengeschmack.

Bei vielen anderen bairischen Wörtern konnten die Dialektforscher dagegen sogar zweifelsfrei klären, woher sie stammen – und natürlich auch, was sie bedeuten. „Es gibt im Bairischen deutlich über 100 000 verschiedene Wörter“, erläutert Schamberger-Hirt. In Dietfurt an der Oberpfalz etwa heißt ein Bub, der lieber mit Mädchen spielt, „Moiladsschmecka“. In Pöcking bei Starnberg bezeichnet man den Sargdeckel mitunter auch als „Nasendetscher“. Und manche Dachauer die „Heidelbeere“ schlicht „Aiglbia“.

Schamberger-Hirt holt einen dicken Wälzer aus einem der riesigen Buchregale in ihrem Büro. „Zum Glück können wir auf viele Werke zurückgreifen. Vor allem profitieren wir jedoch von einer immensen Zahl an freiwilligen Helfern, die noch immer neue Worte einschicken“, sagt die 43-Jährige. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt die Bayerische Akademie der Wissenschaften das Wörterbuch heraus. In den gedruckten Bänden sind bereits mehr als 25 000 Mundartwörter verzeichnet. Online können Interessierte seit Kurzem unter bwb.badw.desogar noch weit mehr Begriffe abrufen. Wer neu in den Freistaat kommt, findet so schnell heraus, dass der Gründonnerstag je nach Region unterschiedlich heißt: in Teilen Ober- und Niederbayerns ist er etwa als Speispfinzta bekannt. „Die Gläubigen bekommen in der Kirche ja den Leib Christi, als Speise“, weiß Schamberger-Hirt. Vieles sei noch immer nur handschriftlich überliefert. Die Forscherin blättert durch eine Vielzahl von Karteikarten, auf denen sich verblichene Sprichwörter finden. „Vor Pankraz, Servaz, Bonifaz und da Sophe mitten koltn Oasch is bei uns ganz seltn hoaß“, liest sie einen alten Reim vor.

Sie freut sich, dass viele junge Menschen wieder Dialekt sprechen. „Hier ist der Trend zu Kurznachrichten auf dem Handy ein Vorteil. Denn in der Mundart wird ja möglichst kurz kommuniziert.“ „Host mi“ statt „Hast du mich verstanden“, heißt es dann.

TAG DER OFFENEN TÜR

Am Samstag, den 20. Mai, öffnet die Bayerische Akademie der Wissenschaften von 11 bis 18 Uhr ihre Türen. Adresse: Alfons-Goppel-Str. 11, 80539 München.

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