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Schwere Vorwürfe gegen Bayern-Ei: Verdacht auf Verstöße gegen das Lebensmittelrecht und Tierquälerei, gefährliche Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge.

Der Salmonellen-Skandal

Bayern-Ei: Die faulen Geschäfte der Familie Pohlmann

München - Der Skandal um Bayern-Ei hat mit der Verhaftung von Stefan Pohlmann eine neue Stufe erreicht. Verbraucher fragen sich: Warum blieb der Ex-Chef so lange unbehelligt? Denn die Vorgeschichte der Pohlmanns zeigt, dass skrupellose Geschäfte seit Jahrzehnten zur Firmenphilosophie gehören.

Im Jahr 1996 erklärt Anton Pohlmann vor Gericht sein Geschäftsmodell. Manche nennen Pohlmann „Hühnerbaron“. Andere sagen zu ihm „Hühner-Hitler“ oder „Tierquäler der Nation“. Zeitweise gilt er als der größte Eierproduzent Europas. Vor Gericht sagt Pohlmann: „Ich wollte die Produktion so optimieren, um Lebensmittel zu einem günstigen Preis anbieten zu können.“

Was so eine optimierte Pohlmann-Produktion ist, das hat ein Mitarbeiter am eigenen Leib erfahren. Er soll gezwungen worden sein, in einer der Hühnerfarmen das hochgiftige und verbotene Nikotinsulfat zu versprühen – um Milben zu bekämpfen. Tausende Kilo des ätzenden Nikotins sollen über die Jahre in Pohlmanns Ställen verteilt worden sein. Der Mitarbeiter atmet das Nikotin-Wasser-Gemisch ein, er kriegt keine Luft mehr – und stirbt fast. Das Nikotin ätzt sich in die Haut.

Anton Pohlmann und sein Sohn Stefan, damals 25, kriegen das mit – aber sie helfen dem Mitarbeiter nicht. Aus Angst, dass die Sache mit dem Nikotin auffliegt. Erst nach einiger Zeit erlaubt der Vater seinem Sohn, den Mann ins Krankenhaus zu bringen. Eines gibt er ihm noch mit auf den Weg: Sag bloß nichts über das Gift. Eine skrupellose Tat, die die beiden Pohlmanns schon bald in U-Haft und dann vor Gericht bringt. Die Vorwürfe damals: Tierquälerei, Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, unterlassene Hilfeleistungen und gefährliche Körperverletzung.

Wie der Vater so der Sohn? Anton und Stefan Pohlmann vor dem Prozess im Juni 1996.

Hühnerbaron Anton Pohlmann nimmt den Großteil der Schuld auf sich – und wird zu 3,1 Millionen Mark Strafe und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Über seinen Sohn Stefan sagt er: Dieser habe vom Nikotinsulfat nichts gewusst. Er habe mit der praktischen Seite des Betriebs nichts zu tun gehabt, so der Vater, er sei eher ein „Sunnyboy oder Eierverkäufer gewesen“. Gegen die Zahlung von 100 000 Mark wird das Verfahren gegen Stefan Pohlmann wegen unterlassener Hilfeleistung eingestellt.

Bei den Pohlmanns, so scheint es, wiederholt sich die Geschichte. Seit Dienstag sitzt Stefan Pohlmann, inzwischen 44, wieder in Untersuchungshaft – wegen Fluchtgefahr. Er soll vorsätzlich salmonellenbelastete Eier verkauft haben, die mindestens 78 Menschen krank machten und einen Briten töteten. Großabnehmern gaukelte er vor, die Eier seien einwandfrei. Wird er wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, drohen ihm bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Noch ermitteln die Staatsanwaltschaften Landshut und Regensburg, die Behörden sind in Kontakt mit ihren Kollegen in Frankreich, Großbritannien und Österreich. Schon jetzt scheint aber klar: Pohlmann ist ein schwarzes Schaf, das den Ruf der Branche ruiniert – und den Verbrauchern Angst macht.

Über eine Million Hühner legen in seinen deutschen Ställen Eier, und zwar in Käfigen, die es in Deutschland gar nicht mehr geben darf. 2012 hat das Bundesverfassungsgericht die Kleingruppen-Käfige verboten, für Großbetriebe wie Bayern-Ei gilt aber Bestandsschutz. Im Freistaat hat Pohlmann Ställe in Niederharthausen (Kreis Straubing-Bogen) und Tabertshausen (Kreis Deggendorf). Seine Hühnerfarm in Ettling (Kreis Dingolfing-Landau) steht gerade leer, dort waren viel mehr Tiere gehalten worden als erlaubt. Das Problem: Je enger die Tiere zusammengepfercht sind, desto anfälliger sind sie für Krankheiten, desto leichter verbreiten sich Keime. Und Salmonellen.

Als im Sommer 2014 hunderte Menschen in Frankreich, Tirol und Bayern fast zeitgleich am Salmonellen-Typ PT 14b erkranken, ein Senior in einem britischen Altenheim sogar stirbt, fällt der Verdacht auf kontaminierte Eier aus dem Freistaat. Die Recherchen führten über die Küchen von Pflegeheimen und Bringdiensten zu Bayern-Ei in Niederbayern, heißt es damals in einem Fachjournal – die große Runde macht das Thema nicht.

Als es im Mai 2015 erste Zeitungsberichte über die Spur zu Bayern-Ei gibt, wiegelt man im Landesamt für Gesundheit noch ab. „Wir haben Ermittlungen im Betrieb gemacht, wir haben sehr umfassend ermittelt“, teilt der Leiter der Behörde, Andreas Zapf, mit. Nicht einmal eine Bestätigung, dass die gefährliche Salmonellen-Spur nach Niederbayern führe, will er da geben. „Für eine öffentliche Warnung vor Eiern aus dem betroffenen Betrieb waren in Bayern zu keinem Zeitpunkt die fachlichen und rechtlichen Voraussetzungen gegeben“, erklärte die Behörde damals unserer Zeitung.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Christian Magerl glaubt: „Vermutlich ist da nicht mit der Sorgfältigkeit hingeschaut worden, wie es nötig gewesen wäre.“ Es fehle an unangekündigten Kontrollen. Die Verhaftung des Bayern-Ei-Chefs Stefan Pohlmann sei ultima ratio: „Wo waren die Behörden vorher?“

Eigentlich zeigt allein die Geschichte seines Vaters, dass man so einem „Hühner-Baron“ genau auf die Finger schauen muss. „Pohlmann war der übelste Hähnchenmäster aller Zeiten“, schreibt die FAZ. Noch heute heißt es, er würde im Hintergrund die Fäden ziehen. Wo er lebt, ist unbekannt. 1968 gründet Anton Pohlmann, Jahrgang 1939, seine erste Eierfarm in Niedersachsen. Durch die Hühner wird der Bäcker zum Multi-Millionär. Ein Gericht schätzte seinen Tagesverdienst mal auf 70 000 Mark. Seinen Aufstieg begleiten Skandale und Prozesse. 1982 muss er wegen gefälschter Gewichts- und Güteklassen 485 000 Mark zahlen, 1987 wegen illegaler Entsorgung von Hühnergülle 305 000 Mark, 1992 folgt eine Anklage wegen Falschdatierung von Eiern. Wieder zahlt er 360 000 Mark. Auch in Bayern ist er schon lange aktiv: den Stall in Tabertshausen, Kreis Deggendorf, übernimmt er im Jahr 1991.

Nach dem Nikotin-Prozess 1996 wird Anton Pohlmann in Deutschland mit einem Berufsverbot belegt. Millionen von verseuchten Eiern werden aus dem Verkehr gezogen, Eier-Farmen dichtgemacht. Um faule Ausreden ist man nicht verlegen: Pohlmanns Anwalt äußert die Vermutung, das Nikotin könnte ja auch von einem rauchenden Prüfer stammen.

1996 verkauft der Hühnerbaron sein deutsches Imperium für rund 300 Millionen Mark, im Geschäft bleibt er trotzdem. In Amerika betreibt Pohlmann gigantische Hühnerfarmen, auch dort ein Skandal nach dem nächsten. Falschdatierung von Eiern, Salmonellen, Umweltverschmutzung, Tierquälerei, Kinderarbeit, Körperverletzung – die Reihe der Anschuldigungen ist ellenlang. In Ohio beschweren sich Mitte der 1990er-Jahre Nachbarn seiner Hühnerfabriken, dass es zu Fliegen-Invasionen komme, weil die Kadaver nicht rechtzeitig beseitigt würden. Sogar Gottesdienste, berichten Medien, mussten wegen der Fliegenplage unterbrochen werden. Mückeninvasionen kennen auch die Anwohner des Stalls in Tabertshausen.

Warum hat es trotz der Vorgeschichte so lange gedauert, bis das Ausmaß des Skandals öffentlich wurde? Und was sagt Bayerns Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) eigentlich dazu? Schon Anfang Juli passierte der Erdingerin, die im Herbst 2014 überraschend auf dem Minister-Stuhl gelandet war, ein Schnitzer: Unserer Zeitung gegenüber hatte sie versichert, dass die Käfigeier der Firma in Bayern nicht im Einzelhandel verkauft worden seien. Das war falsch: Die Eier waren nach wie vor im Handel. Im Umweltausschuss des Landtags räumte sie das zerknirscht ein, wies aber Schlamperei-Vorwürfe der Opposition zurück. Mit der Verhaftung Pohlmanns erreicht der Lebensmittelskandal eine neue Stufe. Grünen-Politiker Magerl will die Ministerin in die erste Sitzung des Umweltausschusses nach der Sommerpause bestellen. Doch derzeit schweigt Scharf.

Ein telefonisches Interview könne die Ministerin aus terminlichen Gründen nicht geben, sagt ein Sprecher – welche Termine Scharf mitten in den Parlamentsferien so vereinnahmen, sagt er nicht. Er verweist auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und an die untergeordneten Behörden. In Scharfs einziger Pressemitteilung vom Donnerstag geht es um ein „Pilotprojekt zur Abwasserbeseitigung der Zukunft“, der letzte Eintrag auf ihrer Facebookseite zeigt sie auf dem Dach ihres Ministeriums, wo seit einem Jahr Bienenstöcke stehen: Mit Imkerhut verfolgt Scharf „die Ernte des Sommerhonigs“. Dabei gibt es brisante Fragen, die niemand beantwortet. Zum Beispiel, ob sichergestellt ist, dass die verseuchten Eier nicht doch wieder in Lebensmitteln landen und auf Umwegen nach Bayern kommen.

Am Abend des 7. August, ein Freitag, hatten die Behörden ein Verkaufs-Verbot verhängt. Bayern-Eier dürfen nicht mehr als Lebensmittel verwendet werden. Über das Wochenende stapelten sich die Eier, ab Montag hatte Pohlmann einen Abnehmer: die niederländische Firma Schaffelaarbos BV. Die stellt Eipulver und Eierschalenprodukte für Nahrungs-, Futtermittelindustrie sowie Kosmetikprodukte wie Cremes oder Duschgel her. Der Transport in die Niederlande werde behördlich überwacht, so die Regierung von Niederbayern. Doch tatsächlich können die Beamten nur zuschauen, wie die Problem-Eier das Firmengelände von Bayern-Ei verlassen. Alleine von Niederharthausen aus sind bis gestern 1,23 Millionen Eier nach Holland geliefert worden.

Die Eier werden auf Paletten gestapelt und mit Folie umwickelt. Jede Palette wird mit der Aufschrift „K3 – Nicht für menschlichen Verzehr“ zusätzlich deutlich gekennzeichnet. K3 – das kennt man noch aus dem Gammelfleischskandal. Wie eine Sprecherin des Landkreises Straubing-Bogen mitteilt, ist beim Verladen ein Lebensmittelüberwachungsbeamter dabei. Er prüft Kennzeichnung, Begleitpapiere, Anzahl und Verpackung der Paletten. Anschließend wird der Laster vom Beamten verplombt und die Firma in Holland per E-Mail von der Abfahrt verständigt. Genauso läuft es in Tabertshausen.

Das Problem: Die Kontrolle durch bayerische Behörden endet jeweils am Firmentor von Bayern-Ei. „Wir fahren dem Laster nicht mit dem Dienstwagen hinterher“, sagt ein Sprecher des Kreises Deggendorf. Allerdings bestätige die holländische Firma den Erhalt der K3-Eier, indem die Transportpapiere per Post zurückgeschickt würden. Was Schaffelaarbos BV mit den Eiern macht? Die holländische Behörde gibt keine Auskunft, laut BR wird daraus Tierfutter, speziell Katzenfutter. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts werden mögliche Salmonellen durch die Weiterverarbeitung wahrscheinlich abgetötet. Allerdings komme es auf das Verfahren an.

Bayern-Ei gibt derzeit keine Auskunft. Stefan Pohlmann sitzt in einem bayerischen Gefängnis in Untersuchungshaft. In Straubing, wo er wohnt, gab er gerne den Wohltäter. Er spendet und ist Mitglied des Stiftungsbeirates der „Bürgerstiftung Straubing“, wo sich die Honoratioren der Stadt versammeln. Zweck der Stiftung ist die Förderung von Bildung, Kultur, Brauchtum und, als letzter Punkt: Tierschutz.

Stefan Sessler und Carina Zimniok

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