Lehrerin bekommt keine Stelle

Wie Bayern eine Migrantin abserviert

München - „Mehr Migranten werden Lehrer“ – mit solchen Slogans wirbt Bayerns Kultusministerium um Lehrer mit ausländischen Wurzeln. Nur: Wenn es dann Bewerber gibt, werden sie abgewiesen. Ein Fallbeispiel.

Sie ist 30 Jahre alt, türkischer Herkunft, aber aufgewachsen in Deutschland. Sie hat ihr Staatsexamen in Deutsch und Italienisch an der Uni Freiburg mit glänzenden Noten bestanden, ihre Promotion in Germanistik steht vor dem Abschluss. Trotzdem ist Selda Z. (Name geändert) für den bayerischen Schuldienst untauglich, eine Bewerbung schlicht „nicht möglich“. So steht es in der gerade einmal 14 Zeilen umfassenden Ablehnung des Kultusministeriums vom 16. April dieses Jahres, gezeichnet „mit freundlichen Grüßen“ von einer Oberstudienrätin.

Grund für die Ablehnung, die man nach Diktion und bürokratischem Stil auch als Abfuhr bezeichnen kann: Die junge Lehrerin hat in Baden-Württemberg Deutsch und Italienisch studiert, eine Fächerverbindung die (im Gegensatz etwa zu Englisch/Italienisch) in Bayern nicht zugelassen ist. Auch dass die Deutschtürkin noch Englisch als Beifach studiert hat, half nicht. Sie könne sich ja bei Privatschulen nach einer Stelle umsehen, wurde der Frau beschieden. Den Slogan „Migranten werden Lehrer“ findet die 30-Jährige mittlerweile „etwas dreist“.

Selda Z. hat nach dem Referendariat an einem Gymnasium in Baden dennoch eine erste Stelle in Bayern ergattert. Sie unterrichtet derzeit Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in München-Pasing. Bezahlt wird die Vollzeitstelle nach dem Angestelltentarif, üblich sind zudem nur Halbjahresverträge – so spart sich der Staat die Bezahlung der Ferientage. Eigentlich wäre der Vertrag schon im Februar ausgelaufen. Doch die Schule wollte die Lehrerin halten und widmete einen für die Schulbibliothek angesparten Etat um, so dass Selda Z. weiter unterrichten konnte. Unter dem Strich, rechnet die Lehrerin vor, erhält sie 1550 Euro netto. Der Vertrag läuft im Juli aus.

Die Fähigkeiten der Lehrerin sind auch bei erfahrenen Fachkräften erkannt worden. Zuletzt hatte sich sogar die Ministerialbeauftragte für die Gymnasien in Oberbayern-West, Karin Oechslein, für die Nachwuchskraft verwandt. Doch eine dauerhafte Stelle konnte auch sie nicht garantieren. Auch der Verweis auf das besondere Profil der Lehrerin half nichts. Selda Z. ist, wie ein Förderer schrieb, integrationspolitisch ein Vorbild. Bayern möchte, da immer mehr Migranten Gymnasien besuchen, gerade auch sie für den Lehrerberuf begeistern. Erst im März fand ein Schülercampus statt, an dem 25 Schüler mit Zuwanderungsgeschichte teilnahmen. Mit dem Campus wolle man „junge Menschen aus Zuwandererfamilien für den Beruf des Lehrers interessieren, um so mittel- und langfristig die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund an unseren Schulen zu erhöhen“, erläuterte Kultusstaatssekretär Bernd Sibler.

Hehre Ziele – doch die Wirklichkeit ist anders: Entscheidend ist im Fall Selda Z. wohl, dass in Bayern bei der Einstellung die Vergleichbarkeit von Leistungen gegeben sein muss. Da sich aber niemand sonst mit einer Fächerverbindung Deutsch/Italienisch bewarb, so schrieb das Ministerium allen Ernstes, könne man die Frau mit niemanden vergleichen. Es wäre deshalb unfair, sie auf der Bewerberliste oben einzugruppieren und einzustellen.

„Ich habe mich jetzt bundesweit beworben“, sagt Selda Z. „Ich möchte mich nicht unter Wert verkaufen.“

Dirk Walter

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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