Mit diesem Phantombild wurde nach dem Glatzenräuber gesucht.
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Mit diesem Phantombild wurde nach dem Glatzenräuber gesucht.

Er führte ein Doppelleben

Glatzenräuber verurteilt: Für neun Banküberfalle muss er neun Jahre und zehn Monate ins Gefängnis

In Landshut musste sich der als Glatzenräuber bekannt gewordene Serien-Bankräuber Manuel H. vor Gericht verantworten. Nun steht das Urteil gegen ihn fest.

Update vom 3. Oktober: Er habe sich in seiner Rolle als Erfolgsmensch und Macher gefallen. Um sich Luxus zu leisten, habe er eine einzigartige Bankraubserie hingelegt: So charakterisierte Staatsanwalt Achim Kinsky den als „Glatzenräuber“ bekannt gewordenen 40-jährigen Manuel H. aus Allach. Nun hat ihn die 6. Strafkammer des Landshuter Landgerichts für insgesamt neun Banküberfälle zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und zehn Monaten verurteilt.

Überraschend hatte der 40-Jährige – wie berichtet – zum Prozessauftakt ein umfassendes Geständnis abgelegt und neun Banküberfälle unter anderem in Fahrenzhausen, Kirchberg, Kranzberg, Rudelzhausen und Forstern eingeräumt. Im Zeitraum von Mai 2016 bis Dezember 2018 hatte er dabei insgesamt rund 220.000 Euro erbeutet. Der Modus Operandi war dabei fast immer der gleiche: Er fuhr mit seinem jeweiligen Pkw zum Tatort, parkte vor der jeweiligen Bank. Mit Mütze, Cap oder Sturmhaube maskiert, stürmte er in die Schalterräume und forderte mit einer vorgehaltenen Waffe – einer Softairpistole, die einer scharfen Walther PPQ täuschend ähnlich sah – Geld, drohte mehrfach mit einem „Blutbad“.

Als Motiv gab der 40-Jährige an, seit Jahren seiner Frau vorgegaukelt zu haben, als Bauingenieur gut zu verdienen. Das erbeutete Geld habe er in den Lebensunterhalt seiner Familie – inzwischen ist er Vater von vier Jahre alten Zwillingen – gesteckt, vor allem aber auch in seinen Drogen- und Alkoholkonsum. Während er im Ermittlungsverfahren zu den Tatvorwürfen geschwiegen hatte, machte er bei der psychiatrischen Sachverständigen umfangreiche Angaben zu seinem Werdegang. Schon in jungen Jahren habe er Drogen konsumiert, nach der Hauptschule dann Schreiner gelernt. Später habe er „exzessiv“ Heroin und Amphetamine konsumiert.

Glatzenräuber täuschte seine Familie

Nach einem angeblichen Bauingenieursstudium sei er arbeitslos gewesen, auch als er mit seiner Frau, die von seiner Arbeitslosigkeit nichts mitbekommen habe, nach München gezogen sei. Er habe morgens das Haus verlassen und sei dann in der Stadt „rumgegammelt“. Zunächst habe er sein Doppelleben mit einem ausgezahlten Bausparvertrag von 100.000 Euro finanziert, als das Geld zu Ende war, habe er den ersten Banküberfall begangen. Ohne sein Drogenproblem wäre er nie auf diese „Schnapsidee“ gekommen, er habe sich einfach nicht dazu aufraffen können, sich einen Job zu suchen.

Der Staatsanwalt sah keinen Anlass, dem 40-Jährigen seine Geschichte vom „Spielball seiner Drogensucht“ abzunehmen. Es habe sich nicht um die Taten eines Junkies, vielmehr um die eines Aufschneiders und Angebers gehandelt. Der Staatsanwalt forderte eine Freiheitsstrafe von neun Jahren und elf Monaten. Der Verteidiger von Manuel H. plädierte auf acht Jahre und zehn Monate und hielt die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt für unabdingbar.

Das Gericht verhängte neun Jahre und zehn Monate und verzichtete auf die Anordnung einer Unterbringung. In der Urteilsbegründung schloss sich der Vorsitzende Richter dem Staatsanwalt an: Manuel H. habe sein ganzes Leben auf Lügen aufgebaut, sei mit Luxuskäufen in Geldnot geraten. Mit seiner angeblichen Drogensucht habe er sich die Taten schön geredet und auf eine Verkürzung des Freiheitsentzuges gehofft. „Aber wir glauben ihm nicht, gehen davon aus, dass er nach anwaltschaftlicher Beratung taktisch agiert hat.“

Die Lebensbeichte des Glatzenräubers: Koks und Arbeitslosigkeit machten ihn zum Bankräuber

Erstmeldung vom 24. September: Über zwei Jahre versetzte der Glatzenräuber Münchens Umland in Angst und Schrecken: Elf Banken raubte der Unbekannte mit dem blanken Kopf zwischen Untermenzing und Obersüßbach aus, machte dabei fast 220 000 Euro Beute. Vorm Landgericht Landshut ließ Manuel H. (40) gestern seine Maske fallen: Zum Vorschein kam ein biederer Familienvater aus München. „Ich war so antriebslos, habe meiner Frau einen Arbeitsvertrag als Bauingenieur vorgegaukelt und Gehaltsabrechnungen gefälscht“, gestand der arbeitslose Schreiner. 

Glatzenräuber: Verhaltensmuster führt Polizei auf die richtige Spur 

Doch weil sein Kokain-Konsum und die horrende Miete ihm über den Kopf wuchsen, besorgte er sich in Sendling eine Soft­air-Pistole und wurde zum Serien-Bankräuber. Mit der Zeit erkannten die Ermittler der Kripo Erding einen Modus Operandi: „Man sah auf den Überwachungskamera-Bändern, dass er immer vor der Bank vorfuhr. Mal im blauen VW Passat, später im weißen 5er Touring. Oft drohte er, es werde ein Blutbad geben“, berichtete der Sachbearbeiter gestern als Zeuge. 

Elf Banküberfälle binnen zwei Jahren gehen auf das Konto des Glatzenräubers, viele weitere waren geplant.

Systematisch wurden 36.000 Halter des entsprechenden VW-Typs und 1.700 BMW-Fahrer in ganz Bayern überprüft. Nur ein Name, der beide Modelle zugelassen hatte, blieb übrig: Manuel H. Das angeforderte Foto aus dem Einwohnermeldeamt zeigte einen Glatzkopf. Und das Bundeszentralregister spuckte u.a. eine Vorstrafe wegen Kreditbetrugs aus. Kommissar Alexander Z. (43) forschte weiter, stieß auf eine Anzeige wegen Falsch-Parkens vor einer Münchner Bankfiliale. Heimlich schlich sich Z. später in die Tiefgarage, sicherte DNA am Kofferraum des BMW von H. „Das Muster stimmte zu 100 Prozent mit einer an einem Tatort gesicherten Verschlussklappe einer Softair-Pistole überein. Da wussten wir, dass wir auf der richtigen Spur sind.“ 

Glatzenräuber: Kurz vor Urlaubsantritt klickten die Handschellen

Tagelang überwachten die Fahnder Manuel H. im Januar 2019. Dann musste es schnell gehen: Am 30. Januar wollte er mit seiner Familie in den Ski-Urlaub ins 4-Sterne-Resort aufbrechen. Am 29. Januar wartete das SEK, bis er allein war und überwältigte ihn in der Tiefgarage. Ermittler Z.: „Er sagte den Kollegen, sie sollten das Kellerabteil aufsperren.“ Woraufhin dieses genau untersucht wurde – es kamen 14 000 Euro in bar zum Vorschein, Geld-Banderolen der überfallenen Banken, die Tatkleidung und -waffe, gestohlene Kennzeichen. Gestern gestand H. alle Taten. Es war bei ihm sogar eine Liste mit 14 weiteren Zielen gefunden worden. „Ich dachte, das geht schnell wie Geld abheben.“ Der Prozess dauert an.

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Der Glatzenräuber wurde endlich gefasst, doch jetzt kommen schlimme Details ans Licht. Auch dieser Fall sorgte für Aufsehen: Rosenheimer Bankräuber im Kosovo verurteilt - er dachte, in seiner Heimat sei er sicher.

Walter Schöttl

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