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Wer will wechseln? Vor allem Gymnasiallehrer gibt es im Freistaat zu viele.

Oft holpriger Wechsel

Grundschule statt Gymnasium: Wenn Lehrer umsatteln müssen

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Mit der Aussicht auf Verbeamtung lockt das Kultusministerium Lehrer weiterführender Schulen an die Grund- und Mittelschulen. Doch dieser Wechsel verläuft oft mehr als holprig – Umsteiger beklagen einen Sprung ins kalte Wasser.

Karin Leibl, BLLV-Vorsitzende in Ingolstadt.

München – Kann ein Lehrer, der am Freitag noch mit Gymnasiasten Lateinvokabeln gepaukt hat, am Montag darauf schon Grundschülern beim Rechnen den Zehnerübergang beibringen? Das Bayerische Kultusministerium sagt offenbar: Ja, er (oder sie) kann. Der Extremfall, sagt Karin Leibl vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), aber keine Ausnahme. Leibl betreut in ihrem Verband die sogenannten Zweitqualifikanten – fertig ausgebildete Gymnasial- oder Realschullehrer, die sich als Grund- oder Mittelschullehrer nachqualifizieren wollen oder – mangels Stelle an einer weiterführenden Schule – müssen. Diese Lehrer treffe oft ein Kulturschock, so Leibl: „Die Grundschule ist eine andere Welt als das Gymnasium“, sagt sie.

Doch Wechsler zwischen diesen Welten sind gesucht. Denn vor allem Gymnasiallehrer gibt es im Freistaat zu viele, während an Grund- und Mittelschulen weiter Mangel herrscht. Das Kultusministerium lockt mit der Zusage auf Verbeamtung nach zwei Jahren Qualifizierungsphase. Ein attraktives Angebot für Lehramtsanwärter, die an weiterführenden Schulen je nach Fächerkombination selbst mit guten Noten schlechte Perspektiven haben. 1300 Junglehrer machen mit, 300 haben die Maßnahme laut Ministerium bereits durchlaufen.

Sprung ins kalte Wasser

Kritik gibt es aber an der Umsetzung. Denn die „Zweitqualifizierung“ sei ein Sprung ins kalte Wasser, moniert Leibl. So hätten Umsteiger, die zum Halbjahr im Februar ihr Referendariat beendeten, plötzlich 27 Unterrichtsstunden pro Woche an einer Schulform halten müssen, für die sie nicht ausgebildet sind.

Es ist ein Wechsel quasi übers Wochenende: „Alle Möglichkeiten der Hospitation (Unterrichtsbesuche bei Kollegen, Anm. d. Red.) sollten genutzt werden“, mahnt das Ministerium. Angerechnet wird den Neulingen dafür aber nur eine Stunde die Woche im ersten Halbjahr, denn 28 Wochenstunden entsprechen Vollzeit. Dazu eine Handvoll Fortbildungsveranstaltungen, unter anderem zu Grundschulpädagogik und Schülerbeurteilung.

„Das ist nicht die Zeit, die die Leute bräuchten“, sagt die BLLV-Beauftragte. „Was wir da machen, ist keine Sonderqualifizierung, sondern wir stopfen Löcher, die da sind“, schreibt eine Lehrerin auf einer Internetplattform, auf der sich Zweitqualifikanten austauschen. „Das war alles mies geplant“, schreibt eine andere, „ich hätte mir vor Beginn der Maßnahme einen Crashkurs gewünscht.“

„In meiner Klasse geht es drunter und drüber“

Bernd Sibler, Bayerischer Kultusminister.

Immer wieder schütten die Umsteiger nicht nur im Netz, sondern auch bei Karin Leibl ihr Herz aus, weil sie auf die volle Bandbreite dessen, was an der Grund- oder Mittelschule auf sie einprasselt, nicht gefasst waren: vom Kind mit Förderbedarf bis zum hyperaktiven Hochbegabten, von Sozialpädagogen über Praktikanten bis hin zu Dolmetschern, die mit in der Klasse seien. „Eine andere Welt“, betont Leibl noch einmal. „In meiner Klasse geht es drunter und drüber“, schreibt ein Umsteiger online. Die Unterrichtsqualität leide an mangelnder Vorbereitung und zu hoher Stundenzahl, heißt es immer wieder.

Doch nur schlechtreden will die BLLV-Beauftragte Leibl die Umstiegsmöglichkeit nicht: „Das ist eine tolle Maßnahme für jemanden, der mit den Kindern zurecht kommt“, sagt sie. Es gebe zwar viele, die planten, so schnell wie möglich wieder an eine weiterführende Schule zu wechseln. Andere lernten die Vorteile des Klassleitersystems aber zu schätzen. Das „Lehrer sein dürfen“, wie es Leibl nennt, die selbst ausgebildete Gymnasial- und Hauptschullehrerin ist und sich bewusst für die Mittelschule entschied.

Und für gut ein Zehntel der Lehrer, die sie betreut, gehe gar der ursprüngliche Berufswunsch in Erfüllung: Für das Grundschullehramt gilt – anders als zum Beispiel für viele gymnasiale Fächerkombinationen – an bayerischen Universitäten die Notenbarriere Numerus Clausus. Die Zweitqualifizierung, so Leibl, sei ein Weg für an der Zulassungsbeschränkung gescheiterte Grundschullehramts-Studenten. Sie können nun über ein anderes Lehramtsstudium doch noch an ihrer Wunsch-Schulform landen.

„Familie und Beruf noch besser zu vereinbaren“

Für einen kleinen Teil der Zweitqualifikanten hat das Ministerium inzwischen übrigens nachgebessert: Lehrer, die ein minderjähriges Kind erziehen, dürfen künftig auch in Teilzeit umsatteln – mit 22 statt 28 Wochenstunden. „Um Familie und Beruf noch besser zu vereinbaren“, so CSU-Minister Bernd Sibler. Das gab am Freitag das Kultusministerium bekannt. „Ein echter Erfolg“, frohlockt Leibl vom BLLV. „Wir brauchen die Leute dringend.“

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