Lawinen - die 13 größten Irrtümer

München - Schon wieder stirbt ein Mensch in einer Lawine: Die Münchnerin Carolin O. (35) wurde am Samstag am Spitzingsee verschüttet. Damit kamen in dieser Saison zwei Menschen in Bayern ums Leben, in Österreich sind es schon 15 Tote.

 „Man muss derzeit sehr vorsichtig unterwegs sein“, sagt Dr. Bernhard Zenke, Chef des Lawinenwarndienstes Bayern. Seit Tagen sei die Lage in den Alpen „sehr heikel“, innerhalb der Schneedecken stecken schwache Schichten – „erhebliche“ Lawinengefahr! Informationen sind derzeit lebenswichtig. Wir klären die 13 größten Irrtümer über Lawinen auf.

1. „Mich wird schon keine Lawine erwischen.“ Diesem Irrtum liegt die Vorstellung zugrunde, Lawinen gingen nur zufällig ab und stellten lediglich für Menschen eine Bedrohung dar, die sich unglücklicherweise gerade in ihrer Bahn befinden. Richtig ist: 90 Prozent aller Lawinen, bei denen Skifahrer, Schneeschuhgeher oder Winterwanderer zu Schaden kommen, werden von diesen selbst ausgelöst. Dabei handelt es sich wiederum zu 99 Prozent um Schneebretter. Nassschneelawinen, die sich tatsächlich meist von selbst losreißen, erfassen Wintersportler vergleichsweise selten. Und so genannte Unglückslawinen wie 1999 in Galtür stellen für Skifahrer kaum eine Gefahr dar.

2. „Ein Hang ist lawinensicher, wenn er bereits Abfahrts- oder Aufstiegspuren aufweist.“

Ein ebenso weit verbreiteter wie gefährlicher Irrtum! Man kann sich einen Hang wie ein Minenfeld vorstellen: Die empfindlichen Punkte der Schneedecke – auch „Hotspots“ genannt – sind wie Sprengfallen verteilt. Ein oder auch mehrere Skifahrer hatten vielleicht Glück und sind – ohne es zu merken – zwischen den Minen durchgefahren. Das heißt jedoch nicht, dass ein nachfolgender Skifahrer nicht genau eine Mine erwischt! Fazit: Als sicher können lediglich Hänge angesehen werden, die komplett verspurt sind und die den ganzen Winter über intensiv befahren werden. Übrigens schaffen vorhandene Spuren eine weitere Gefahr: Auf der Suche nach unberührtem Schnee kurven nachfolgende Skifahrer immer weiter an die Ränder eines Hangs und kommen so in immer steileres und dadurch gefährlicheres Gelände.

3. „Im Wald ist man vor Lawinen sicher.“ Zahlreiche Unfälle beweisen das­ ­Gegenteil. Die Lehrmeinung lautet: Ein Wald ist dann lawinensicher, wenn er so dicht bewachsen ist, dass man mit Ski oder Snowboard nicht durchfahren kann.

Lawine im Zillertal: Bilder der Rettung

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4. „Schneearme Winter sind weniger lawinengefährlich.“ Eine Unfallstatistik des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos beweist: Das Gegenteil stimmt! Ein Grund dafür: Bei wenig Schnee erliegen Skifahrer und Snowboarder häufig der Versuchung, von den abgeblasenen Geländerücken in Rinnen und Mulden auszuweichen. Dort hat der Wind den wenigen Schnee zusammengeblasen und als sogenannten Triebschnee abgelagert, der besonders lawinengefährlich ist.

5. „Wenig Schnee, wenig Gefahr.“ In einer dünnen Schneedecke wird das Gewicht des Skifahrers auf eine kleine Fläche verteilt. Dadurch werden Schwachschichten im Schnee leichter gestört als bei einer mächtigen Schneedecke, von der man ab etwa einem Meter Dicke sprechen kann. Außerdem: Je dünner die Schneedecke, desto leichter bilden sich labile, gefährliche Schwimmschneeschichten. Fazit: Dicke Schneeschichten sind schwerer auslösbar als dünne.

6. „Lawinengefahr besteht erst bei viel Neuschnee.“ Schon zehn Zentimeter Neuschnee können gefährlich werden, wenn die Rahmenbedingungen ungünstig sind – vor allem, wenn die oberste Schneeschicht unter Windeinfluss gefallen ist oder auf eine ungünstige Altschneeunterlage, zum Beispiel auf eine Eislamelle.

7. „Stufe 3 steht nur für eine mittlere Lawinengefahr.“ Ein lebensgefährlicher Irrtum: Rund 60 Prozent der tödlichen Lawinenunfälle ereignen sich bei Stufe drei, 30 Prozent bei Stufe zwei und nur ein Prozent bei der höchsten Warnstufe fünf. Grund: Bei der höchsten Warnstufe sind oft schon die Straßen in die Skigebiete gesperrt. „Da bedrohen Lawinen ganze Ortschaften“, sagt Zenk. „Für Skifahrer stellt Stufe vier bereits die höchste Gefährdung dar.“ Stufe drei steht für mehr als das Mittel – für „erhebliche“ Gefahr. Unter Beachtung einiger Vorsichtsmaßnahmen kann man da noch Touren und Tiefschneefahrten unternehmen, in bestimmten Hängen aber bereits als Einzelner eine Lawine auslösen.

8. „Man kann einer Lawine davonfahren.“ Schneebrettlawinen sind dermaßen schnell und oft auch großflächig, dass eine Flucht selten möglich ist. Häufig zieht der abgleitende Schnee dem Skifahrer oder Snowboarder die Beine weg, was ein Weiterfahren unmöglich macht.

9. „Durch Schwimmbewegungen kann man eine Verschüttung verhindern.“ Heftiges Rudern mit den Armen und Beinen ist keine Garantie, dass man bei einem Lawinenabgang nicht verschüttet wird. Immerhin aber erhöhen Schwimmbewegungen die Chance, an der Oberfläche der Lawine zu bleiben. Kurz vor Stillstand der Lawine sollte man die Arme jedoch vors Gesicht nehmen, um eine Atemhöhle zu schaffen.

10. „In der Nähe von Skigebieten wird man gerettet.“ Während nach 15 Minuten noch 90 Prozent der Verschütteten leben, sind es nach 30 Minuten nur noch 35 Prozent. Deshalb ist es wichtig, dass Bergkameraden ein Lawinenopfer mittels Verschüttetensuchgerät, Sonde und Schaufel schnellst möglich befreien. Bis die Bergwacht oder der Pistendienst zur Stelle sind, ist oft schon zu viel Zeit vergangen.

11. „Viele Begleiter geben Sicherheit.“ Eine große Gruppe belastet eine Schneedecke stärker als eine kleine, weshalb gegebenenfalls Sicherheitsabstände eingehalten werden müssen. Und psychologisch gesehen neigen große Gruppen eher zu riskantem Verhalten als kleine. 12. „Erfahrung schützt vor Lawinen.“ Stimmt einerseits. Andererseits neigen erfahrene Wintersportler jedoch zu einem speziellen Leichtsinn nach dem Motto „Es ist noch immer gut gegangen.“ Zenk sagt: „Wenn einer 20 Jahre Glück hatte, darf man das nicht mit Erfahrung gleichsetzen.“

13. „Abseits der Pisten unterwegs zu sein, ist nur etwas für Lebensmüde.“ Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man die Meldungen über Lawinenunglücke liest. Aber: Zur Einschätzung des tatsächlichen Risikos muss man die rund 120 Lawinentoten pro Jahr im Alpenraum in Relation setzen zu den Tausenden von Skibergsteigern oder Variantenfahrern, die fast täglich im ungesicherten Gelände unterwegs sind. Hier gibt es keine genauen Zahlen, aber Hochrechnungen kommen zu folgendem Schluss: Das Risiko im Straßenverkehr liegt nur geringfügig unter dem Risiko einer Lawinenverschüttung als Tiefschneesportler. Faktisch geht das Risiko dieser Sportarten sogar zurück, denn die Zahl der Skibergsteiger und Freerider ist in den vergangenen ­Jahren stärker gestiegen als die Zahl der Lawinenopfer.

Ingo Wilhelm

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