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Bayern gibt für frühkindliche Betreuung nur gut halb so viel aus wie Berlin.

Neue Studie

Generation Krippenkinder

München - Die vergiftete Diskussion um Herdprämie und Rabenmütter lässt Bayerns Eltern kalt. Eine neue Studie zeigt den ungebrochenen Zulauf zu Kinderkrippen. Mittlerweile hat jeder dritte Zweijährige Krippenerfahrung.

Einst verhöhnte Ex-Bischof Walter Mixa Krippenplätze als „gesellschaftspolitisch völlig verfehlt und in hohem Maße ideologiegeleitet“; Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, auch nicht faul, erklärte Krippenkinder zu potenziellen Alkoholikern und Gewalttätern. Heftige Abwehrreaktionen gegen Krippen, ihre Diffamierung als DDR-Verwahranstalten – das scheint lange her zu sein. Deutschlandweit, das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, gibt es einen regelrechten Wettlauf um Krippenplätze. In Bayern besuchten 2009 fast 15 Prozent der Einjährigen eine Kinderkrippe. Bei den Zweijährigen waren es rund 31 Prozent. Diese Werte sind sogar knapp über dem Durchschnitt der westdeutschen Bundesländer.

eutschen Bundesländer. „Das überrascht uns überhaupt nicht“, sagt Gerhard Dix vom Bayerischen Gemeindetag. Er rechnet damit, dass die für das Jahr 2013 errechnete Prognose schon früher erreicht wird. 2013 ist das Stichjahr, weil es dann einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz geben wird. Bisher rechnet das Bundesfamilienministerium damit, dass 2013 rund 35 Prozent der unter Dreijährigen einen Krippenplatz benötigen. Für Bayern beträgt der vorhergesagte Bedarf etwa 31 Prozent – das sind 100 000 Plätze. Noch fehlen 30 000 davon. Strittig ist aber, ob die Prognosezahlen noch stimmen: Die Autoren der Bertelsmann-Studie verneinen dies – das bayerische Sozialministerium bejaht es. Es bestehe „keine Veranlassung“, vom ermittelten Bedarf abzuweichen, hieß es dort am Montag.

Vor Ort, in den Rathäusern im Münchner Ballungsraum, wird dies kritisch gesehen. „Wir müssen unsere Plätze fast verdoppeln“, sagt zum Beispiel Fritz Cording, Kinderbetreuungsexperte bei der Stadt Fürstenfeldbruck. 106 Krippenplätze gibt es in der Großen Kreisstadt derzeit, auf der Warteliste stehen 60 bis 70 Kleinkinder. Cording hofft, den steigenden Bedarf auch durch die Umwidmung von Kindergarten- in Krippen-Gruppen bewältigen zu können. „Der Trend geht zu Kinderhäusern, das ist die Zukunft“, sagt er. Auch in der aufstrebenden Gemeinde Poing (Kreis Ebersberg) wird Krippe an Krippe geplant – erst vergangene Woche genehmigte der Gemeinderat zwei weitere Gruppen.

Ein Problem, das die Studie besonders betont, ist die Finanzierung. Das vom Bund gewährte und eigentlich für die Zeit bis 2013 vorgesehene Förderprogramm (340 Millionen Euro) ist in Bayern schon jetzt fast aufgebraucht – es sind nur noch 20 Millionen übrig. Bayern hat sich als einziges Bundesland bereit erklärt, den weiteren Ausbau aus Landesmitteln zu fördern. Gemeindetags-Experte Dix findet das zwar gut („ein dickes Lob“), kritisiert jedoch, dass der zugrundegelegte Kostenansatz von 12 000 Euro pro Jahr und Kind „deutlich“ zu niedrig ist. Bayern sei bei den Investitionen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung mit 2100 Euro je Kind und Jahr fast Schlusslicht, heißt es dazu in der Bertelsmann-Studie. Berlin gibt mit 4150 Euro fast doppelt so viel aus – ein für den Freistaat „blamables Ergebnis“, wie Bayerns SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen höhnte.

Die Studie zeigt auch für Bayern auch ein weiteres Defizit auf: Nur 72,3 Prozent aller drei- bis sechsjährigen Kinder mit Migrationshintergrund gehen hier in den Kindergarten. Nur Schleswig-Holstein hat eine noch geringere Quote. Auch hier ist das bayerische Sozialministerium aber anderer Ansicht. Die Studie liefere hier „ein unvollständiges Bild“.

Im Münchner Umland haben findige Unternehmer derweil die Marktlücke entdeckt: Sie betreiben Krippen auf privatwirtschaftlicher Basis. Ein Beispiel: Die auf einem Lernstudio erwachsenen „Denk mit-Zwerge“, mittlerweile ein regelrechter Großbetrieb, der im Westen Münchens Krippen-Einrichtungen betreibt – in diesem Jahr werden wieder zwei eröffnet. Fast elitär klingt „Childcarecompany“ – der private Betreiber wirbt in München mit Samstags-Betreuung, Kindergeburtstags-Organisation und sogar einem „Pick-up-Service“ – also einem Hol- und Bring-Dienst für die lieben Kleinen. Von solchen Extras können indes die meisten Eltern auf Krippensuche nur träumen.  

Dirk Walter

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