Der Zahn der Zeit nagt am ehemaligen Pumpwerk in Penzberg. Das Betreten des Areals ist streng verboten - der „Lost Place“ zieht trotzdem immer wieder Schaulustige an.
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Der Zahn der Zeit nagt am ehemaligen Pumpwerk in Penzberg. Das Betreten des Areals ist streng verboten - der „Lost Place“ zieht trotzdem immer wieder Schaulustige an.

Marode Bauten und verwunschene Ruinen

„Lost & Dark Places“: Historikerin schreibt Reiseführer für Bayerns vergessene Orte - Grusel inklusive

  • VonCornelia Schramm
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Verwucherte Mauern, mit Graffitis besprühte Wände: Zwar sind sie selten, dennoch gibt es sogenannte „Lost Places“ auch in Bayern - teilweise mit düsterer Vergangenheit.

München – Es sind verlassene Gebäude*, an denen der Zahn der Zeit nagt. Oft wirkt es so, als steckten sie noch gestern voller Leben. Als hätten ihre Besitzer sie von jetzt auf gleich verlassen. Mit jenem morbid-maroden Charme* locken stillgelegte Fabriken, verwaiste Villen oder versteckte Bunker - sogenannte „Lost Places“* - immer wieder Schaulustige an. Ähnlich faszinierend wirken auf sie auch Burgruinen samt ihrer Grusel-Legenden. So manches natürliches Kleinod – ob nun Berg, Tal, Moor oder Gewässer – wird zum „Dark Place“, sobald man seine dunkle Vergangenheit kennt.

Auch für die Historikerin Laura Bachmann versprühen diese Orte eine besondere Aura: „Betrachtet man sie, fühlt man sich wie auf einer Zeitreise und fragt sich, ob ihre Geschichte schon zu Ende erzählt ist.“ Und weil diese verlassenen Orten ständig drohen abgerissen zu werden, wollte sie die, die gleich vor ihrer Haustür liegen, dokumentiert wissen. Mit der Historikerin Anne Dreesbach ging sie deshalb auf Entdeckungstour. Das Resultat: Ein Reiseführer, der 33 schaurig-schöne Orte in Oberbayern zeigt – und sogar Nachhilfe in Heimatkunde gibt.

Das alte Pumpwerk in Penzberg

In Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) gibt es eine Legende: König Max I. verlor seine Krone. Als die Dorfbewohner sie ihm zurückbrachten, schenkte er ihnen das „Maxkroner Landl“. In den 1940er-Jahren begannen hier die Bauarbeiten für ein Pumpwerk. Nach dem Krieg war die Anlage dann ab 1951 Teil des Bergwerks und pumpte Wasser aus der Loisach zum Kraftwerk. 1971 wurde es stillgelegt. Tiefe Schächte, alte Maschinen und ein Turm machen das Pumpwerk zum beliebten, aber auch gefährlichen Tummelplatz für die, die den Nervenkitzel suchen. Welche Treppe noch begehbar ist, verrät der Reiseführer zwar, doch das Betreten des Privatgrunds ist ohnehin verboten.

Die Künstler-Villa am Starnberger See

Ammerland am Starnberger See zog schon immer Künstler an: 1871 ließ sich auch Maler und Spiritist Gabriel von Max eine Villa im Münsinger Stadtteil erbauen. Nicht nur wegen einem Hang zum Übernatürlichen galt Max als exzentrisch. Er besaß auch eine Schädelsammlung mit über 60 000 Exponaten und hielt sich eine Affenherde. Bis zu seinem Tod 1915 lebte er dort. Heute blättert die Farbe von der Fassade und die Holzbrüstung ist morsch. Die Eigentümer wollen die Villa seit Jahren abreißen, doch der Denkmalschutz hält dagegen. So lässt sich von Außen ein Blick auf die Max-Villa* erhaschen. Zumindest momentan noch.

Die Geisterklinik in Münsing

In Münsing (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) haben Bachmann und Dreesbach noch einen „Lost Place“ entdeckt. Harald Juhnke, Inge Meysel und Rudolph Moshammer – sie alle sollen sich einmal in der Wiedemann-Klinik* einer Verjüngungskur unterzogen haben. 1952 eröffnet, steht das Sanatorium seit 2008 leer. Der Glanz vergangener Tage lässt sich nur noch erahnen. Die Natur wuchert und Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Auch wenn eine Entdeckungstour durch das verlassene Anlage reizvoll erscheint, ist das Betreten streng verboten. Darauf weist der Reiseführer explizit hin. „Bevor hier ein Seniorenheim entsteht, lässt sich die geisterhafte Stimmung des Ortes auch gut von Außen einfangen“, sagt Bachmann.

Die Burgruine Werdenfels ist nicht nur idyllisches Kleinod und spektakulärer Aussichtspunkt. Wegen der Hexenprozesse gilt sie auch als „Dark Place“.

Garmisch-Partenkirchen: Die Burgruine Werdenfels

Kälte, Missernten, hohe Getreidepreise: Im 16. Jahrhundert gab man an allem den Hexen die Schuld. Auch in der Grafschaft Werdenfels (Landkreis Garmisch-Partenkirchen). Caspar von Poißl ließ zwischen 1589 und 1591 insgesamt 48 Frauen und einen Mann foltern und hinrichten. Zwei Frauen starben in Haft. Die Hexenprozesse liefen so aus dem Ruder, dass sie eingestellt werden mussten. Schließlich denunzierte in Werdenfels irgendwann jeder jeden. So ist die Burgruine zwischen Garmisch und Farchant* nicht nur ein schöner Aussichtspunkt, sondern auch ein wirklich düsterer Ort.

Der Tatzelwurm bei Oberaudorf am Inn

Die Tatzelwurm-Klamm bei Oberaudorf am Inn ist ebenfalls ein Ort mit düsterer Vergangenheit.

Die Wallfahrtskapelle in Birkenstein (Kreis Miesbach) ist seit Mitte des 17. Jahrhunderts Ziel unzähliger Pilger. Wer sich damals in Tirol aufmachte, musste durch die unheilvolle Klamm bei Oberaudorf am Inn (Kreis Rosenheim). Der Legende nach hauste dort ein Ungeheuer mit riesigem, feuerspeiendem Maul, messerscharfen Zähnen und sechs Tatzen. 1687 glaubte zum ersten Mal ein Pilger den Tatzelwurm erblickt zu haben. Das Donnern des herabstürzenden Wassers, die aufsteigende Gischt, die rutschigen Steine in der Schlucht – ungefährlich war die Reise damals nicht, sodass der Tatzelwurm wohl wirklich einige Pilger verschlang. So ist die beliebte Klamm ebenfalls ein Ort mit düsterer Vergangenheit. (sco) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Das Buch: A. Dreesbach, L. Bachmann: „Lost & Dark Places Oberbayern: 33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte.“ Bruckmann-Verlag, 19,99 Euro

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