Passt, wackelt und hat Luft: Maibaumprüfer Erk Brudi entdeckte ein lockeres Schild am Gilchinger Maibaum. Die Prüfung hat der Baum trotzdem bestanden – coronabedingt bleibt er länger stehen als geplant.
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Passt, wackelt und hat Luft: Maibaumprüfer Erk Brudi entdeckte ein lockeres Schild am Gilchinger Maibaum. Die Prüfung hat der Baum trotzdem bestanden – coronabedingt bleibt er länger stehen als geplant.

Corona verhindert Brauchtum

Härtetest für Bayerns Maibäume: Inspektor prüft Standfestigkeit - bestimmte Stellen anfällig

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Viele Maifeiern fallen heuer aus. Bäume, die drei Jahre oder älter sind, müssten turnusgemäß trotzdem erneuert oder entfernt werden. Wo das nicht geht, steht eine Prüfung an.

Gilching – Meter für Meter schiebt sich die Feuerwehrleiter entlang des Gilchinger Maibaums in den Himmel. Wie weit genau, das weiß auch Erk Brudi zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er sitzt mit Hut, Warnweste und Messgeräten im Leiterkorb – gekommen aus der Nachbargemeinde, um die exakte Höhe und andere Details herauszufinden. Der Guichinger Brauchtumsverein hat ihn damit beauftragt, zu prüfen, ob der Maibaum noch stabil genug ist.

Brudi ist einer der rund 20 öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen in Oberbayern, die „Maibaumgutachten“ ausstellen dürfen und bei der IHK gelistet sind. Er betont: „Maibäume sind nackt, ohne jede Polsterung durch Zweige und Äste.“ Wenn sie abbrechen hätten sie deshalb eine besonders starke Zerstörungskraft. Etwa 20  bis 30 Exemplare prüft Brudi deshalb durchschnittlich pro Jahr in ganz Oberbayern. „Ein kleines Zubrot“, sagt der Gautinger, der heute in Gilching im Einsatz ist und sonst meist die Statik lebender Bäume prüft.

Maibäume in Bayern: Sachverständiger prüft vor Ort mittels Feuerwehrleiter

An der Spitze angekommen, stoppt der Korb. Konzentriert lenkt der Sachverständige einen Laserstrahl zum Boden. „30 Meter“, ruft er nach unten. Dort – am Fuß des Maibaums – warten einige Mitglieder des Vereins auf das Ergebnis. Ihren Wunsch haben sie bereits vor knapp drei Jahren formuliert: „Sitt und Tracht der Alten wollen wir erhalten.“ Der Spruch prangt auf einer Tafel am Gilchinger Maibaum. Und er steht an diesem Tag wohl so sinnbildlich wie nie für den Ernst der Lage: Der Baum könnte umgelegt werden – ohne Ersatz bis zum nächsten Maifest nach der Pandemie.

Vereinsvorsitzender René Weber erklärt: „Der Baum steht am 1. Mai drei Jahre hier.“ Turnusgemäß müsste er heuer ersetzt werden – doch Corona verbietet jede Art des Vereinslebens. „Theoretisch könnten wir einen Baum mit einem Kran aufstellen lassen.“ Im Verein ist man sich jedoch einig: „Praktisch ist das keine Lösung, weil die Feier fehlt und die Vorbereitungen im Team nicht erlaubt sind.“ Also soll der alte Baum stehen bleiben, bis die Pandemie vorbei ist – ein Fall für den Prüfer.

Während Weber sorgenvoll nach oben blickt, packt Brudi den Maibaum an der Spitze. Dort hatten vor drei Jahren rund 15 Mitglieder mit dem Schäppsen (Entrinden), dem Hobeln und dem Streichen begonnen – Arbeiten, die mit Kontaktbeschränkungen unmöglich sind. Mit beiden Armen umschlungen schaukelt der Sachverständige den Baum hin und her. Das Urteil: „Schwingungsverhalten unauffällig.“

Gilchinger Brauchtumsverein: „Maifeier und Vorbereitung heuer undenkbar“

Hätten die Vereinsmitglieder bei einem der Arbeitsschritte damals einen Fehler gemacht, sähe das anders aus. Brudi sagt: „Wenn der Baum beim Fällen unsanft aufschlägt, sich beim Abtransport verkeilt oder grob aus dem Wald geschliffen wird, kann er gestaucht oder überdehnt werden.“ In der Folge würde sich der Baum bei Stürmen zu einer Seite lehnen und könnte abbrechen. Doch die Gilchinger hatten sorgsam gearbeitet. So sorgsam, dass alle Vereine aus dem Dorf bei der Bewachung des Prachtstücks mithalfen – auch dieser bayerische Brauch wäre derzeit undenkbar.

„Schwundrisse hat er beim Trocknen bekommen, aber das ist normal“, meint Brudi, der mit der Drehleiter abwärts fährt. „Wenn aber kleinere Risse unter dem Lack versteckt werden, kann sich ein dauerfeuchtes Milieu entwickeln.“ Dieser Nährboden ist für Pilze ideal. Brudi hat deshalb einen Hammer dabei, mit dem er kritische Stellen abklopft. „Am schlimmsten ist der Zaun-Blättling.“ Meist ist dieser Schädling unter der blauen Farbe zu finden. Der Gautinger erklärt: „Der Baum wird erst weiß angemalt und dann mit blauer Farbe überpinselt.“ An die doppelt lackierten Stellen gelangt weniger Luft – und das Holz kann gammeln. „In Franken* oder Schwaben*, wo viele Bäume ohne Farbe aufgestellt werden, halten sie 15 oder 18 Jahre – in Oberbayern meist nur fünf bis sechs.“ Unter dem braunen Pilz entwickelt sich danach schnell Fäule. Davon ist in Gilching nichts zu sehen.

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Das Holz ist also in Ordnung. Für Unsicherheit sorgt nur ein Detail: Der Maibaum steht auf Privatgrund. Die Fläche soll künftig bebaut werden, weshalb der neue Maibaum auch einen neuen Standort bekommen hätte – vor der Gilchinger Kirche Sankt Vitus. „Wir legen den Baum um, sobald der Grundbesitzer den Platz braucht“, verspricht Weber. Wann das der Fall sei, wisse er nicht.

Brudi moniert indes nur eine lose Schraube an einer der Tafeln, die Betriebe im Dorf darstellen. Ansonsten heißt es: aufatmen. Der Maibaum hat bestanden und darf abhängig vom Grundbesitzer maximal ein weiteres Jahr stehen bleiben. Dann ist die Pandemie hoffentlich vorbei – oder Brudi kommt erneut und packt den Baum wieder an der Spitze.

Der Gilchinger Brauchtumsverein machte kürzlich mit einer besondere Aktion* auf sich aufmerksam. In Erding haben die Vereine unterschiedliche Pläne*. (nap) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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