1. Startseite
  2. Bayern

Münchner Professor nennt Verschwörungstheoretiker als Quelle - Wie weit darf Wissenschaftsfreiheit gehen?

Erstellt:

Kommentare

Der Brunnen am Geschwister-Scholl-Platz in München.
Ein Professor an der LMU in München setzte in einem Handout zu seiner Vorlesung einen Link zu einer Verschwörungsplattform. © Martin Siepmann/Imago Images

In Deutschland gilt die Wissenschaftsfreiheit. Im Falle eines Professors der LMU München ist nun aber fraglich, wie weit diese gehen darf.

München - Michael Meyen ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität in München*. Im Wintersemester 2020/21 hielt er laut BR-Informationen seine Vorlesung „Qualitative Methoden“ online ab. Es ist eine Veranstaltung für Erstsemester im Bachelor, die zur Erlangung von Grundlagen in der Kommunikationswissenschaft dienen soll.

Für das Einführungshandout der besagten Online-Vorlesung hat Professor Meyen die Internetseite des umstrittenen Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen verlinkt. Dabei fiel allerdings auf: Es handelte sich nicht um eine kritisch inhaltliche Auseinandersetzung, sondern um eine unkommentierte Quelle, wie der BR berichtete. Nun stellte sich hier die Frage: Wie weit darf also diese Wissenschaftsfreiheit gehen?

In Handout für Onlinevorlesung: LMU-Professor verlinkt Verschwörungs-Webseite als Quelle

Ein Klick auf den Link leitete die Studenten auf einen „KenFM“-Beitrag. Dabei ging es um die „dunkle Seite der Wikipedia“. Laut BR war dabei das zu lesen: „Geht es allerdings um aktuelles Zeitgeschehen oder Personen, die sich mit aktuellem Zeitgeschehen auseinandersetzen, wird Wikipedia immer dann parteiisch, wenn Artikel, die sich zum Beispiel mit Terrorismus beschäftigen, vom Mainstream abweichen. Immer, wenn eine wissenschaftliche Arbeit in der Analyse einem US-amerikanischem Weltbild zuwider läuft, wird ausschließlich die Sicht der US-Organisation Wikipedia veröffentlicht. Der Autor der alternativen Sicht erhält im Gegenzug schnell einen Eintrag als Verschwörungstheoretiker oder wird zusammen mit Holocaust-Leugnern aufgelistet. Dieses Mobbing dient der Verleumdung und hat System.“

Das Portal von Jebsen hat der Berliner Verfassungsschutz mittlerweile als Verdachtsfall eingestuft und dessen Youtube-Kanal ist gesperrt worden. Grund waren mehrere Regelverstöße gegen die Richtlinien der Videoplattform.

„Ken FM“-Interview auf Uni-Webseite: Professor betreibt auch eigenen Blog

Michael Meyen hat die Plattform Jebsens nicht nur in seiner Vorlesung benutzt. Auf der Internetseite der LMU hat der Professor unter der Vorstellung seiner Person ein Interview verlinkt, das Ken Jebsen mit ihm geführt hatte. Seinen eigenen Blog „Medienrealität“ hat er ebenfalls dort aufgeführt. Darin geht er kritisch auf die Berichterstattung der Medien ein und beschäftigt sich gleichzeitig mit politischen und gesellschaftlichen Themen.

Was hier zu bemerken ist: Einige seiner LMU-Kollegen kritisieren Michael Meyen unter dessen Beiträgen für ungenügende Standards. Beispielsweise der Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaften, Professor Carsten Reinemann. Die Sozialpsychologin an der Universität Mainz, Pia Lamberty, beschäftigte sich ebenfalls mit dem Blog von Meyen. Sie sagte einerseits, dass seine Texte keine vollkommen ausformulierten Verschwörungstheorien, sie aber aus ihrer Sicht tendenziös seien. „Es gab Anschlussfähigkeiten an verschwörungsideologische Narrative“, sagte sie laut dem BR.

Nach Link auf „Ken FM“-Webseite: Professor will sich dazu nicht äußern

Auf eine Anfrage des Bayerischen Rundfunks zu dem Thema äußerte sich Michael Meyen wie folgt: „Was immer ich schreibe, wird von Ihnen so zurechtgestutzt, dass es in Ihre Geschichte passt.“

Die LMU begründete das Ganze mit dem Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit. „Im Übrigen gilt für Hochschullehrer im Besonderen das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit, sofern keine rechtswidrigen, vor allem strafbare Inhalte offenkundig sind“, zitiert der BR die Universität. Das verweisen auf andere Webseiten auf der Uni-Seite sei erlaubt, da die LMU nicht für die Inhalte andere Internetseiten verantwortlich sei.

Wo hört Wissenschaftsfreiheit auf? Forscher Michael Reder erklärt

Für den Vizepräsidenten an der Hochschule für Philosophie in München und Forscher über die Wissenschaftsfreiheit, Michael Reder, gehört es dazu, dass Wissenschaftler aus dem Rahmen denken und sich kritisch mit Bestehendem auseinandersetzen. Zum Problem werde es dann, wenn wiederum Wissenschaftler als politische Bürger Grundwerte der deutschen Verfassung nicht beachten beziehungsweise sich derart äußern, dass dies gegen das Grundgesetz verstößt.

Als weitere Erklärung nannte er, wenn Wissenschaftler „ihr Image nutzen, um wissenschaftliche Autorität zu allgemeinen politischen Meinungen zu nutzen, um damit mehr Gewicht zu verleihen“. Darum sieht er auch den Fall an der LMU problematisch.

Die Studenten von Michael Meyen haben sich laut BR währenddessen über eine WhatsApp-Gruppe über die Thesen des Professors ausgetauscht, mit der Frage, wie am besten damit umzugehen ist. Zusätzlich baten sie die Fachschaft Kommunikationswissenschaft um Hilfe. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Übrigens: Die wichtigsten Geschichten aus dem Freistaat gibt‘s jetzt auch in unserem brandneuen, regelmäßigen Bayern-Newsletter.

Auch interessant

Kommentare