Koalition sucht den Sommer-Kurs

Neue Corona-Regeln in Bayern: Aiwanger wohl zufrieden - aber ein Satz dürfte Söder nicht schmecken

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
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Ministerpräsident und CSU-Chef Söder verkündet die Öffnungen im Schwarzwaldklinik-Tonfall, doch sein Koalitionspartner von den Freien Wählern hält dagegen.

München – Markus Söder klingt jetzt wie ein Arzt, der die ersehnte gute Nachricht überbringt. „Bayern geht es besser“, sagt der Ministerpräsident im Schwarzwaldklinik-Tonfall. Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt, die Zahl der Geimpften wächst. 50 Prozent der Bayern haben bereits eine Dosis erhalten, 20 Prozent haben sogar schon den vollen Schutz. Und noch am 1. Mai lag die Inzidenz in Bayern bei 150 – heute steht sie bei 29.

Der Patient scheint also erst einmal über den Berg – zumindest was die dritte Welle betrifft. Der Katastrophenfall wird aufgehoben. Und da auch keine neue Mutation in Sicht sei, die sich im Freistaat schnell ausbreiten würde, gebe es nun endlich „die Möglichkeit, durchzuschnaufen“ und „mit gutem Gewissen eine neue Phase zu beginnen“, sagt Söder. „Zeit für mehr Freiheit.“

Die Innengastronomie öffnet am Montag, private Feiern sind (eingeschränkt) wieder möglich – „einfach mehr Lebensfreude“ werde nach Bayern zurückkehren, sagt Söder. Während der Ministerpräsident so Lockerung um Lockerung verkündet, steht neben ihm sein Wirtschaftsminister und Koalitionspartner, dem das alles offensichtlich noch nicht reicht.

Corona-Lockerungen zeigen alten Konflikt zwischen Söder und Aiwanger auf

Es ist der alte Konflikt zwischen Markus Söder und Hubert Aiwanger. Auf der einen Seite der „Umsicht und Vorsicht“ beschwörende CSU-Vorsitzende, auf der anderen Seite der lockerungswillige Freie-Wähler-Chef. Erst am Dienstag hatte Aiwanger im Interview mit unserer Zeitung viel mehr Freiheit gefordert. Die Besucher-Obergrenzen in der Kultur seien „willkürlich“, die Maskenpflicht in den Schulen müsse gelockert werden, genauso auf öffentlichen Plätzen.

Am Freitag wirkt Aiwanger einerseits zufrieden mit dem, was sein Ministerpräsident da verkündet. „Lebenslust statt Coronafrust“, das sei das neue Motto, sagt er. „Bei aller nötigen Vorsicht.“ Das Einzige, was wirklich sichtbar als Einschränkung bleibe, „ist die Maske“. Er stellt heraus, wie wichtig die Öffnungsperspektiven für 13 bayerische Freizeitparks sind und freut sich, dass nun auch die „durchschnittliche bayerische Hochzeit“ wieder möglich sei. Auch das Vereinsleben könne nun wieder aufleben, sagt Aiwanger.

Gleichzeitig betont der Freie-Wähler-Chef aber, dass die Erweiterung des Kulturpublikums im Freien auf 500 nur „ein wichtiger erster Schritt“ sei, und „nicht der letzte bleiben“ dürfe. Dazu, dass je 14.000 Zuschauer in der Allianz Arena vier Fußball-EM-Spiele verfolgen dürfen, sagt Aiwanger: „Wir wären ein schlechtes Gastgeber-Land, wenn wir diese Zahlen nicht hätten zulassen können.“ Vollständige Begeisterung klingt anders.

Hubert Aiwanger, Markus Soeder, Klaus Holetschek und Florian Hermann (v.li.) bei der Corona-Pressekonferenz in der Staatskanzlei in München.

Söder zu neuen Corona-Regeln in Bayern: „Eine Frage von Verstand“

Vor allem aber ist es ein weiterer Satz, der Söder nicht schmecken dürfte. „Wir haben einen Sommer vor uns, der mehr Freiheiten gewährt“ als der letzte, sagt Aiwanger. Und diesen gelte es zu nutzen. Denn der Wirtschaftsminister ist der Ansicht, dass Bayern es 2020 versäumt hat, seine Verschnaufpause auszuschöpfen. Seine Meinung: „Wir hätten uns im Sommer mehr trauen können.“ Es ist also absehbar, dass die Freien Wähler spätestens Ende Juni auf noch mutigere Lockerungen drängen werden. Aiwanger spricht bereits von Perspektiven für Clubs und Diskotheken in den nächsten Wochen.

Für Söder allerdings gelten in der Corona-Pandemie andere Kategorien. Bei der Abwägung, welche Öffnungen bei welcher Impfquote möglich seien, handele es sich „nicht um eine Frage von Mut“, sagt er, sondern um „eine Frage von Verstand“. Und so verzichtet der Ministerpräsident trotz aller guten Botschaften auch gestern nicht auf „ein bisschen Mahnung“. Man möge es nun bitte nicht übertreiben, sagt Söder. „Im Sinne von: jetzt hebele ich wieder alles aus“. Aiwanger neben ihm verzieht dabei keine Miene.

Rubriklistenbild: © Frank Hoermann/Sven Simon/Imago

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