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München: Experte verrät Tipps für Schwammerl-Jäger - So erkennt man den Killer im Korb

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Von: Cornelia Schramm

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Schwammerlkunde für alle: Pilz-Experte Helmut Grünert inspiziert auf Wunsch die Körbe im Rathaus.
Schwammerlkunde für alle: Pilz-Experte Helmut Grünert inspiziert auf Wunsch die Körbe im Münchner Rathaus. © Marcus Schlaf

Die Schwammerlsaison in Bayern ist in vollem Gange. Doch nicht alle Exemplare sollte man mit nach Hause nehmen. Wer sich bei Fundstücken unsicher ist, kann die Pilzberatung im Münchner Rathaus konsultieren – „auf der Jagd“ rät Experte Helmut Grünert aber zu Maß und Verstand.

München – Markus Nöth legt ein Bällchen auf den Tisch. Es ist grau und walnuss-groß. „Wissen Sie, was Sie da mitgebracht haben?“, fragt Helmut Grünert. Der 74-jährige Pilzexperte nimmt das Fundstück in die Hand und wirft einen Blick durch die Lupe. „Ein Hexenei, glaube ich“, antwortet Nöth. Ganz sicher ist der 31-Jährige da aber nicht. Im zweiten Lockdown hat Nöth sich sein neues Hobby gesucht: Jetzt, da er viel über Pilze gelesen hat, macht er die ersten Ausflüge in den Wald. Bevor seine Fundstücke aber im Kochtopf laden, will er auf Nummer sicher gehen – und nutzt Grünerts Expertise im Rathaus.

Grünert engagiert sich seit über 40 Jahren ehrenamtlich im Pilzkundeverein München – und steht Laien, aber auch passionierten Schwammerlsuchern am Marienplatz jedes Jahr von August bis Oktober zur Seite. „Es ist wichtig, dass die Leute in die Beratungsstelle kommen“, sagt er. „Anhand von Handybildern können wir Sachverständigen unmöglich verlässliche Diagnosen stellen.“

Daher habe Nöth alles richtig gemacht. Und noch bevor der Profi die Fundstücke beurteilt, lobt er ihn weiter. „Mit dem Handbuch des Mykologen Andreas Binder haben Sie gute Literatur.“ Auch, dass Nöth jeden Pilz in eine separate Dose gepackt hat, imponiert ihm. Bevor sich Grünert dann dem grauen Bällchen widmet, riecht er an einem zierlichen, bräunlichen Pilz. „Die Milch bleibt weiß und riecht nach Kokosflocken: Leider ein ungenießbarer Milchling.“ Immerhin hat Nöth mit seinen Semmelstoppel-Pilzen und dem Riesenparasol Glück. Beides sind hervorragende Speisepilze.

Pilzberatung in München: So erkennt man die giftigen Doppelgänger

Am Ende, als es um das Hexenei geht, kann der Pilz-Experte sich seine Rüge aber nicht verkneifen: „Man muss nicht alles, was man findet, mitnehmen. Die Stinkmorchel ist ein Wunderwerk der Natur. Das Ei bricht phallusartig auf, die Fliegen lecken die Sporen auf und verteilen sie im Wald.“ Wer es mit heim nehme, zerstöre ein Lebewesen, weil nur der winzige Kern genießbar ist.

Dann betritt eine weitere Schwammerljägerin die Beratungsstelle. Im Gegensatz zu Nöth hat Christine L. nur drei Exemplare dabei. Die will sie nicht essen, sondern erkennen lernen. „Ich sammle Maronen, Perlpilze und Hexenröhrlinge“, sagt sie. Jetzt will sie neue kennenlernen und die auch von giftigen Doppelgängern unterscheiden können. So bestätigt ihr Grünert, dass sie mit dem Spitzgebuckelten Raukopf einen echten Killer im Korb hat. „In den 1950er- Jahren hat er in Polen fast eine ganze Hochzeitsgesellschaft das Leben gekostet.“ Da wurde er trotz Rostfarbe und spitzem Hut mit einem Pfifferling verwechselt. „Erste Symptome treten nach 14 Tagen auf. Da sind die Nieren schon hochgradig vergiftet.“

Experte appelliert an Schwammerljäger: Mehr Respekt und Bescheidenheit in der Natur

Und auch der Gallenröhrling läuft stets Gefahr, mit dem Steinpilz verwechselt zu werden. „Wem das passiert, verdirbt mit nur einem Exemplar die ganze Suppe“, sagt Grünert. Der Pilz sei zwar nicht giftig, aber wegen des bitteren Geschmacks ungenießbar. „Legt man sich ein Stück auf die Zungenspitze, kann man sich versichern.“ Steinpilze schmecken dagegen mild. Auch optisch gebe es Merkmale, die den Doppelgänger entlarven: „Er hat Oliv-Töne an Hut und Stiel und seine Poren sind rosa.“

Um die verschiedenen Sorten auf der Schwammerljagd nicht zu verwechseln, hat Grünert einen Rat: „Man muss ohne Hast und mit Verstand suchen, auch wenn daheim die Oma schon am Kochtopf steht“, so der Experte. „Und bitte vor allem ohne Gier.“ Die Pilzberatungstelle in München gebe es bereits seit über 100 Jahren. „Damals haben die Menschen gehungert und die Berater mussten das aussortieren, was sie umgebracht hätte“, sagt Grünert. In solch einer Notlage befinde sich heute niemand mehr. „Deshalb müssen Bescheidenheit und Respekt für die Natur für uns an oberster Stelle stehen.“

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