1871, Versailles: Preußen-König Wilhelm lässt sich zum Kaiser ausrufen (Gemälde von Anton von Werner).

Warum die Geschichte schief ging

Könnte Bayern sich von Deutschland abspalten?

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München - Eine Referendum Bayerns zur Abspaltung von Deutschland nach Vorbild Schottlands – das ist unvorstellbar. Wirklich? Immer wieder in der jüngeren Vergangenheit gab es Zeitpunkte, in denen die Geschichte ganz anders hätte verlaufen können.

Bayerns tiefste Demütigung ist ziemlich genau zu datieren: Am 18. Januar 1871 ließ sich der preußische König Wilhelm im Spiegelsaal des Versailler Schlosses von den deutschen Bundesfürsten zum Kaiser ausrufen. Jubel, Trubel – Heiterkeit? Nicht ganz: Mitten unter den Huldigern waren auch bayerische Abgesandte, die eher pikiert dreinblickten: Prinz Luitpold, Onkel des Königs, und Otto, Ludwigs Bruder. „Ach Ludwig“, klagte Letzterer, „ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie unendlich weh und schmerzlich es mir während jener Ceremonie zu Muthe war.“

Eigentlich war die Geschichte da aber schon erledigt. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870 hatte der preußische Ministerpräsident Bismarck die deutsche Einigung geschickt eingefädelt. Im Versailler Hauptvertrag vom 23. November 1870 trat Bayern dem Deutschen Bund bei, der dann flugs zum Deutschen Reich erklärt wurde. Das war’s dann mit der bayerischen Eigenstaatlichkeit, die Wohlmeinende bis auf das Jahr 1180 zurückdatieren, als die Wittelsbacher die Macht im Herzogtum erhielten. Was 1871 davon blieb, waren die berühmten Reservatsrechte: ein bayerisches Militär, eigene Briefmarken und – ganz wichtig – eine Biersteuer. Der Eindruck, Bayerns Interessen geopfert zu haben, machte den Wittelsbachern schwer zu schaffen – noch dazu da Ludwig, verantwortlich nur Gott und sonst niemanden, hier einen noch Höheren Irdischen anerkennen musste. Willi hierarchisch vor Ludwig – das musste man erst einmal verkraften.

Nun denn. Böswillige Geister behaupten bis heute, der hochverschuldete Ludwig habe sich den Beitritt Bayerns durch preußische Dotationen abkaufen lassen. Da ist was dran, gewiss. Es hätte auch anders laufen können. Was wäre gewesen wenn ... – diese Frage bewegt Generationen von Historikern immer wieder. Denn unstrittig ist, dass es in der bayerischen Geschichte Bruchpunkte gab, bei denen das Ganze auf der Kippe stand.

1871 ist so ein Bruchpunkt, 1918 ein weiterer: Nicht einmal 50 Jahre nach der Kaiserkrönung stand die Frage der Eigenstaatlichkeit Bayerns wieder auf der Tagesordnung. Kurt Eisner, Sozialist, Jude und (was wenige wissen) ein Erzföderalist, proklamierte am Morgen des 8. November 1918 die „bayerische Republik“. Deutschland erwähnte er nicht. Das Land wurde unruhig. Schon am 15. Oktober hatten bayerische Bauernvereine die Wiederherstellung der staatspolitischen und finanziellen Selbständigkeit verlangt. Der einflussreiche Agrarpolitiker der katholischen-konservativen BVP, Georg Heim („Bauerndoktor“) ging mit dem Gedanken schwanger, Bayern mit Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Oberösterreich zu vereinigen. Eisner selbst schickte sozialistisch gesinnte bayerische Gesandte ins Ausland – eine Friedenspolitik im Alleingang. Der Historiker Wolfgang Zorn spricht von der Eisnerschen „Neuen Außenpolitik“, die freilich über zaghafte Ansätze (Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem „verpreußten“ und militaristischen Auswärtigen Amt) nicht hinauskam. Die SPD in Bayern pfiff Eisner zurück, er stand bald als Dilettant da. Ernsthafter Separatismus war unter den wachsamen Augen der Siegerstaaten ohnehin nicht denkbar – nicht einmal die Franzosen waren für bayerisch-französische Sonderbeziehungen zu gewinnen.

Ähnlich ungünstig standen die Vorzeichen 1933, als konservative Kreise nach Hitlers Machtübernahme in Berlin die Wiedererrichtung der Monarchie in Bayern in Erwägung zogen – ein Notfallplan, falls ein von den Nationalsozialisten eingesetzter „Reichskommissar“ die Grenze überschreiten sollte. Kronprinz Rupprecht war ihr Auserwählter. Der spätere Ministerpräsident Wilhelm Hoegner traf den damaligen bayerischen Regierungschef Heinrich Held Ende Februar 1933 im Zug. „Bevor ich einen König einsetze“, soll Held gesagt haben, „muss ich zuerst wissen, welche Grundrechte ich ihm einräume.“ Ein König von Gnaden der Politik aber – das konnte nicht gut gehen. Der Coup scheiterte ziemlich kläglich – zu zögerlich die Königstreuen, zu skrupellos die Nazis, die am 9. März 1933 in München ihren Statthalter ausriefen.

Noch einmal, nach dem Ende der Nazis, erhielt die separatistische Idee Auftrieb – durch die Potsdamer Konferenz der Siegermächte im Juli/August 1945, als Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurden, Truman wie Churchill aber auch Gedankenspiele für ein künftiges Groß-Süddeutschland hegten.

Die Pläne schossen bald ins Kraut: Österreich, Bayern, Baden, Württemberg, eventuell sogar Ungarn in einem Staatenbund? Der verhinderte österreichische Thronfolger Otto von Habsburg erwärmte sich für eine Alpenunion, der Franzose De Gaulle dachte gar an eine Föderation deutscher Einzelstaaten ohne bundesweit gewähltes Parlament. Doch „eine reelle Chance“ hatte all das nicht, konstatiert der Historiker Karl-Ulrich Gelberg nüchtern. „Die Rahmenbedingungen wurden durch die amerikanische Militärregierung gesetzt“ – und die wollte zwar ein geeintes Bayern (auf Druck der Franzosen ohne Pfalz), aber sicher keinen süddeutschen Großstaat.

Aus der Traum. Geblieben ist vom eigenständigen Bayern nur Artikel 6 der Bayerischen Verfassung, der eine „bayerische Staatsbürgerschaft“ vorsieht. Einen bayerischen Pass – wenigstens das könnte man doch verlangen, wenn’s schon keine eigenen Briefmarken mehr gibt! Auf das in der Verfassung erwähnte Ausführungsgesetz freilich wartet man seit 1946 vergeblich.

Dirk Walter

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