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Wer bin ich und wenn ja wie bayerisch? Und was, wenn das jemand ändern will?

Radiohörer fühlt sich von Freundin ausgegrenzt

Schluss mit Bairisch: Darf man seinem Partner den Dialekt verbieten?

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Niemand würde sich den eigenen Dialekt verbieten lassen: Das zeigt: Für unser Identitätsgefühl sind wir bereit, zu kämpfen. Das schürt auch Konflikte. Ein Kommentar von Christian Masengarb. 

Der Dialekt erhitzt die Gemüter. Bayern-3-Hörer Julian fragte unlängst in einer Radiosendung, ob er seiner Freundin das Oberpfälzisch verbieten dürfe - als gebürtiger Hesse verstand er kein Wort, wenn sie mit Eltern oder Freunden redete, und fühlte sich ausgegrenzt. Doch die Hörer hatten kein Verständnis für Julian: Satte 85 Prozent meinten, der Dialekt gehöre zu seiner Freundin. Niemand dürfe ihn ihr verbieten. 

Zwar ist es in Beziehungen durchaus üblich, am Verhalten des Partners etwas ändern zu wollen: mit dem Rauchen aufzuhören, gesünder essen, mehr Sport - wir wollen schließlich nur das Beste für unsere Liebsten. Doch wenn man sie bittet, so zu reden, dass sie jeder versteht, hört der Spaß scheinbar auf.

Video: „Wenn Bayern weg waar..“

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Der Stolz auf den eigenen Dialekt schafft Konflikte

Das hat zum Teil bizarre Auswirkungen. Als gebürtiger Thüringer musste ich mir einst von Arbeitskollegen vorwerfen lassen, meine Telefon-Gesprächspartner durch meine Begrüßung mit „Servus“ provozieren zu wollen. Das sei zu lässig, so rede man nur mit Freunden. 

Dabei wusste ich es nur nicht besser: Dass „Pfia di“ so viel wie „Geh mit Gott“ heißt, erfuhr ich erst später. Ich dachte, es bedeute so viel wie „Reiß dich zusammen“. Das wollte ich einem Bürgermeister beim ersten Pressegespräch nun nicht an den Kopf werfen... 

Auch „Grüß Gott“ klang für mich eher nach einer Aufforderung zum Selbstmord als einer Begrüßung. Also blieb ich beim Servus - das sagt in Bayern doch jeder, dachte ich. Natürlich hätten mich meine Kollegen auch liebevoll auf mein Versehen hinweisen können, doch beim Dialekt hört der Spaß eben auf. Also kam es zum Einzelgespräch mit Endzeitstimmung. 

Dabei waren meine Kollegen noch vergleichsweise freundlich. In meiner Sonneberger Heimat hat jedes Tal und jedes Dorf seinen eigenen Dialekt. Wer durch die Sprache verrät, vier Kilometer weiter nördlich geboren zu sein, riskiert auf so manchem Volksfest handfesten Streit. Mein Servus-Eklat ging immerhin ohne blaues Auge über die Bühne.

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Trotz allem: Ohne Dialekt geht es auch nicht

Wäre es also nicht besser, wir würden alle einfach Hochdeutsch sprechen und die kleinkarierten Dialekt-Streitigkeiten hinter uns lassen? Das bringt uns zurück zu Radio-Hörer Julian. Sein Beispiel zeigt: das wollen wir nun auch nicht. Das kann ich verstehen. 

Ich kann meinen fränkischen Dialekt eigentlich recht gut unterdrücken. Dann fühle ich mich aber mir selbst fremd. Bei Fremdsprachen ist das seltsamerweise nicht so. Das zeigt: Mein Dialekt ist ein Teil meiner Identität. Mein Deutsch nicht.

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Wer Harmonie will, darf sich nicht zu ernst nehmen

Den Dialekt verbieten, macht keinen Sinn. Den Dialekt des Partners zu lernen, schon eher. Immerhin sagt Julian auch, er und seine Freundin seien schon fünf Jahre zusammen. Wenn er in der langen Zeit den Dialekt nicht zumindest verstehen gelernt hat, wirft das auf ihn kein gutes Licht: Vielleicht entspricht es nicht seiner Identität, Oberpfälzisch zu verstehen. Dann wäre die Diskussion mit seiner Freundin also die Kollision zweier Identitäten. Solche Probleme löst man nicht mit Konflikt und Verbot, sondern mit Verständnis. Das geht nur, wenn man die eigene Identität nicht zu ernst nimmt und sich auf die eines anderen einlässt. 

Auch unseren Mitmenschen sind ihre Identitäten wichtig. Um mit der Welt umgehen und in ihr überleben zu können, müssen wir wissen, wer wir sind und was zu uns gehört - und was nicht. Reicht unser Selbstbild nicht, um mit der Welt klar zu kommen, müssen wir unser Selbstbild ändern. Versuchen wir, die Welt zur Veränderung zu zwingen, geraten wir in den Konflikt mit den vielen anderen Selbstbildern unserer Mitmenschen - und dann kracht es. Kurzum: Soll Julian doch Oberpfälzerisch lernen!

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*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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