Elternbeiräte fordern in einem Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten mehr Möglichkeiten für Präsenzunterricht. (Symbolbild).
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Elternbeiräte fordern in einem Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten mehr Möglichkeiten für Präsenzunterricht. (Symbolbild).

Mediziner warnen vor Mutante auch an Schulen

Elternbeiräte verfassen Brandbrief an Söder - und fordern klare Linie: „Viele Eltern sind total verzweifelt“

  • Felicitas Bogner
    vonFelicitas Bogner
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Der ständige Wechsel zwischen Distanz- und Präsenzunterricht nervt. Ein Elternbeirat einer Schule aus dem Berchtesgadener Land verfasste jetzt einen Brandbrief an Söder.

Anger - „Unsere Akkus sind leer“, schreiben die Vorstände des Elternbeirats der Grundschule Anger, Martina Maier und Nina Koch, verzweifelt. Gemeinsam mit zehn anderen Elternbeiräten von Schulen aus dem Berchtesgadener Land verfassten sie einen langen Brief. Andressiert an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), den Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) und den Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Die sich immer wieder ändernden Situationen und Regeln an Schulen und Kindergärten würden Eltern und Kindern enorm zu schaffen machen. „Unsere Kinder verzichten seit einem Jahr auf so viele Dinge, die für ihre gesunde und normale Entwicklung wichtig wären, beispielsweise der unbeschwerte Umgang mit anderen Kindern oder die Freizeitgestaltung im Sportverein. Stattdessen sind Maske tragen, Abstand halten und Videokonferenzen ihr Alltag geworden. Und nun auch wieder alleine lernen“, heißt es in dem offenen Brief.

Corona-Lockdown in Bayern: Elternbeiräte sorgen sich um Entwicklung von Kindern und Jugendlichen

Große Sorgen machen sich die Mütter vor allem um die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Laut Meier würden zahlreiche Jugendliche bereits zum Psychiater gehen. So sei der Querschnitt in ihrem Bekanntenkreis. Über ihre ehemalige Arbeitsstelle, die Caritas, wisse sie auch, dass es grundsätzlich seit Ausbruch der Corona-Pandemie* zunehmend einen Ansturm auf Termine bei Jungendpsychologen und Psychiatern gäbe. „Viele Eltern sind total verzweifelt“, sagt sie in einem Gespräch mit Merkur.de. In dem Schreiben machen die Eltern auch darauf aufmerksam, dass „fast jedes dritte Kind Hinweise auf eine psychische Belastung zeigt.“ Dabei berufen sich die Eltern auf die Forschungsdirektorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKE und Leiterin der Studie COPSY (Corona und Psyche), Ulrike Ravens-Sieberer. Vor der Pandemie seien es nur 20 Prozent gewesen.

Corona-Brandbrief an Söder: „Fast jedes dritte Kind zeigt Hinweise auf psychische Belastung“

„Unser Landkreis befindet sich seit 20. Oktober im Lockdown“, heißt es in dem offenen Schreiben weiter. Denn im Berchtesgadener Land waren die Inzidenzen seit vergangenen Herbst enorm hoch*. Aktuell hat der Landkreis eine 7-Tage-Inzidenz* von 111,4 (Stand 24. März). „Unsere Schulen wurden am 22. Februar nach langen Homeschooling-Wochen geöffnet. Doch nach zehn Tagen mussten wir aufgrund der Überschreitung des „magischen“ Inzidenzwertes von 100 wieder schließen. Am 8. März konnte der Präsenzunterricht fortgesetzt werden – für ganze zwei Wochen“, führen die erbosten Eltern weiter aus und schreiben zur aktuellen Situation: „Wieder zua, des gibt’s doch ned!“

Das „ewige Hin und Her“ sei eines der Hauptprobleme. Denn Martina Meier weiß: „Kinder brauchen eine gewisse Routine für eine gesunde Entwicklung.“ Meiers jüngster Sohn besuche die erste Klasse der Grundschule. „Er war mehr zu Hause als in der Schule“, schimpft die zweifache Mutter. Es fehle an Planungssicherheit und Kontinuität. „Wir wissen nie was morgen ist. Für viele Eltern ist das sehr belastend“, sagt sie und verweist darauf, dass einige seit über einem Jahr einen „Dauerspagat zwischen Arbeit, Haushalt, Kinderbetreuung und Aushilfslehrer“ bewältigen müssen.

Corona-Teststrategie unter Eltern umstritten

Im Gespräch mit Merkur.de betont Meier mehrfach, „durchaus einzusehen, dass Corona* eine gewisse Gefahr darstellt.“ Sie würde die Krise keinesfalls leugnen oder herunterspielen. Aber sie und andere Eltern würden eine klare Linie fordern. „Wir wären ja auch bereit, viele Kröten zu schlucken“, meint Meier. „Aber man braucht ein kontinuierliches Konzept für Präsenzunterricht.“ Dies könne freilich eine klare „Test-, Masken- und Hygienestrategie“ erfordern. „Nur wenn die Kinder schon regelmäßig getestet werden und sich an all diese Vorgaben halten, muss man auch von Schulschließungen bei einer Inzidenz von über 100 absehen“, fordert sie.

Bezogen auf die anvisierte Teststrategie für Schüler weiß sie durch ihre Tätigkeit im Elternbeirat aber auch, dass dies unter Eltern sehr umstritten sei. „Viele fänden es besser, wenn man zu Hause und nicht in der Schule die Tests macht“, berichtet sie. Die Elternbeiräte fordern daher in ihrem Brandbrief auch eine „Loslösung von der reinen Betrachtung des Inzidenzwertes hin zu einem Mix aus mehreren Faktoren.“ Die in ihren Augen wichtigsten Faktoren hierzu wären die Auslastung auf den Intensivstationen und freiwillige Selbsttests für Schüler mit der Möglichkeit des „Tests zu Hause“.

Corona-Lockdown in Bayern: Söder, Piazolo und Holetschek - Bisher keine Antwort auf Eltern-Brief

Martina Meier habe gemeinsam mit Nina Koch den offenen Brief am vergangenen Samstag (20. März) in die jeweiligen Ministerien gesendet. „Bisher haben wir noch keine Antwort erhalten“, sagt sie auf Nachfrage unserer Redaktion. Bereits der Bayerische Schulleiter-Verband (BSV) wandte sich vor wenigen Tagen öffentlich in einer Pressemitteilung gegen die vom bayerischen Ministerpräsident Markus Söder geplanten Corona-Regeln an Schulen. Auch hier war die Rede davon, dass „die Grenze der Zumutbarkeit klar überschritten“ werde. Der BSV ist gegen Testungen von Schülern in der Schule unter Aufsicht von Lehrkräften.

In einer aktuellen Pressemitteilung hat auch die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Norfallmedizin (DIVI) zu den jüngsten Beschlüssen des Bund-Länder-Gipfels ein Statement aus medizinischer Sicht erlassen. DIVI-Präsident Professor Gernot Marx pflichtet in einem öffentlichen Statement der Richtigkeit der Regelungen bei. Er berichtet: „Bereits jetzt liegen mehr als 3100 Intensivpatienten mit COVID-19 auf der Intensivstation. So starten wir in die dritte Welle auf dem Niveau des Hochpunktes der ersten – und das macht uns trotz aller Erfahrung nach einem Jahr Pandemie als Intensivmediziner schon große Sorgen.“ In der Mitteilung heiß es zwar auch: „Derzeit haben wir noch keine belastbaren Zahlen, dass die Patienten auf den Intensivstationen jünger werden.“ Dennoch erwarte die DIVI laut Marx in der dritten Welle einen deutlich jüngeren Altersdurchschnitt, da „die 80-Jährigen zum Großteil geimpft sind.“

Intensivmediziner warnt vor britischer Corona-Mutation: „Auch Schulen und Kitas im Fokus“

Auch Privatdozent Dr. Florian Hoffmann, Pädiatrischer Intensiv- und Notfallmediziner am Haunerschen Kinderklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und Generalsekretär der DIVI, berichtete noch „keinen Zuwachs an klinisch zu behandelnden Kinderpatienten festzustellen“. (Stand: 18. März). Dennoch appellierte er bereits vor einer Woche gegenüber Merkur.de für einen „sofortigen, totalen Shutdown*“. Und begründete dies mit großer Sorge aufgrund der britischen Mutation B 1.1.7*, welche sich kontinuierlich in München ausbreitet. Daher prognostizierte er: „Auch Schulen und Kitas werden leider wieder in den Fokus rücken.“ Denn: „Dass Kinder bisher keine schweren Verläufe haben, ist zwar beruhigend aber, aktuelle Zahlen zeigen auch eine deutliche Zunahme der Infektionszahlen mit B 1.1.7 * bei Patienten unter 15 Jahren“, so Hoffmann. Dazu sei die Annahme, „dass Kinder keine Überträger des Virus seien, absoluter Käse“, betonte der Intensivmediziner. (feb)*Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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