Vergwaltigungsopfer Daniela R. sitzt auf einer Holzbrücke in München.
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„Habe mich plötzlich wie ein Täter gefühlt. Dabei war ich das Opfer.“ Daniela R. ist bis heute schwer traumatisiert. Nicht nur durch die Tat.

„Ich hatte unfassbare Angst“

Vergewaltigt - und deshalb bis heute obdachlos und abkassiert: Wie Daniela R. zweimal zum Opfer wurde

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Daniela R., 27, Physiotherapeutin in Ausbildung, wurde im August vergewaltigt. Bis heute ist sie deshalb obdachlos, mittellos und ohne Zukunftsperspektive. Ihre Krankenkasse wollte bis vor Kurzem nicht mal den HIV-Test bezahlen.

München - Daniela R. lernt den jungen Mann am 10. August an der Isarbrücke in Bad Tölz* bei einer Zigarette kennen. Sie geht mit ihm in seine Wohnung. Dort fällt der 22-Jährige über sie her, misshandelt, würgt, vergewaltigt sie und droht ihr mit dem Tod. Heimlich, unter Todesangst schreibt Daniela R. ihren Mitbewohnern. Es sind verzweifelte WhatsApp*-Nachrichten, auf die niemand reagiert. Der 22-Jährige vergewaltigt sie ein zweites Mal, schläft ein. Irgendwann traut sich Daniela R. den Notruf zu wählen und wird von der Polizei gerettet.*

Inzwischen ist der Täter verurteilt*. Sieben Jahre Freiheitsstrafe wegen besonders schwerer Vergewaltigung. Also alles erledigt? Akte geschlossen? Für den Täter vielleicht. Für das Opfer beginnt mit der Tatnacht ein Überlebenskampf, der bis heute andauert.

Daniela R., blonde Haare, blaue Augen, 27, wirkt organisiert und aufgeräumt. Nur an ihren immer röter werdenden Augen und an den weichen Gesichtszügen, die plötzlich schmerzverzerrt sind, ahnt man, wie schwer das Trauma wiegt.

Fall Daniela R.: Vergewaltigt - und dann von allen verlassen

Nicht nur, weil sie vergewaltigt wurde, sondern weil sie erst Opfer und dann von allen verlassen wurde. R. will kein Mitleid. Sie will, dass ihre Geschichte gehört wird, damit so etwas niemandem anderen passiert. So etwas, wie der Schock in der Apotheke, als R. die Pille danach bezahlen soll und sie kurz fürchtet, das Geld auf ihrem Konto reicht nicht. 35 Euro. Daniela R. lebt von Arbeitslosengeld II und ist völlig pleite. Quälende Sekunden. Dann fällt es ihr wieder ein. Sie hat gerade den Widerspruch gegen die Agentur für Arbeit gewonnen. Es ist genug Geld da für die Pille danach. Gerade so. Es ist das erste Mal, dass sich Daniela R. seit der Rettung durch die Polizei völlig hilflos und sehr allein fühlt.

Vergewaltigung ist kein Grund: Kasse zahlt HIV-Test nicht

Was sie und ihre Frauenärztin da noch nicht ahnen: Die Laborkosten für alle Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten, inklusive HIV-Test, muss sie auch selbst zahlen. Gemeinsam mit den Kosten für die späteren Krankenhausaufenthalte kommen so 500 Euro zusammen. R. kämpft seitdem für die Erstattung.

Vergewaltigt - und zwei Tage später wohnungslos - Daniela R. wird zum Vagabunden

Am 13. August werfen ihre Mitbewohner Daniela R. aus ihrer Tölzer Wohnung, weil sie nichts mit der Kripo zu tun haben wollen. R. hat kein ordentliches Mietverhältnis. Zwei Tage, nachdem sie vergewaltigt wurde, ist R. obdachlos.

R. wohnt bis heute nicht in einer eigenen Wohnung. Sie wird zum Vagabunden mitten in Oberbayern. Und immer reist die Angst mit, die Panik davor, irgendwo hinzumüssen, wo sie ungeschützt mit fremden Männern zusammenwohnt. „Ich hatte unfassbare Angst. Die ganze Zeit.“ Was tief blicken lässt: Die einzigen Vertrauenspersonen zu dieser Zeit sind die Beamten der Kripo Weilheim. „Nur dort habe ich mich sicher gefühlt.“ Bei der Wohnungssuche können die freilich auch nicht helfen. In den Zellen schlafen durfte sie nicht.

Frauenhaus? Darauf hat Daniela R. kein Recht

Daniela R. ruft beim Frauennotdienst an. Dort wird ihr erklärt, dass sie kein Recht auf einen Platz im Frauenhaus hat. Plätze dort sind für Opfer häuslicher Gewalt reserviert. Das ist bei R. nicht der Fall.

In ihrer Verzweiflung lässt sich R. in eine Klinik einweisen. Dort teilt man ihr mit, dass sie eine Trauma-Bewältigung bräuchte. Doch die Plätze dafür sind ausgebucht. R. bleibt in der normalen Abteilung für psychiatrische Patienten.

Vorwürfe in der Klinik: „Das hier ist kein Obdachlosenheim“, sagt eine Pflegerin

Die 27-jährige blonde Frau wirkt nicht krank. „Man sieht mir das nicht an“, sagt sie, „ich funktioniere.“ Die Klinik sei kein Obdachlosenheim, sagt eine Pflegerin zu ihr. Echte Patienten würden ihr Bett brauchen. „Ich habe mich in dem Moment wie ein Täter gefühlt.“ R. zieht zu einer Freundin. Es gibt nur ein Zimmer, nur ein Bett, keine Privatsphäre. Trotzdem fühlt sich R. zum ersten Mal sicher - und weiß gleichzeitig, dass sie weiter muss.

Wer von Anfang an unterstützt, ist der Weiße Ring. Er kümmert sich um eine Opferanwältin und will auch die Laborkosten und Krankenhausrechnungen übernehmen. R. fragt bei der Arbeitsagentur nach, ob sie die Zuwendung annehmen darf oder ihr dann die Mittel gestrichen werden. Das müsse sie schon in einem Antrag begründen, antwortet man ihr. R. schreibt mehrere Seiten. Der Antrag wird abgelehnt.

Daniela R. hatte da großes Glück. Sie glauben gar nicht, wie viele Vergewaltigungsverfahren eingestellt werden.

Andrea Hölzel, Weißer Ring München.

„Die versuchen das ganz gerne“, sagt Andrea Hölzel vom Weißen Ring, die Daniela R. betreut. Tatsächlich dürfen Arbeitslosengeld-Bezieher Spenden akzeptieren. Das wissen nur die Sachbearbeiter oft nicht. R.s Fall sei „ganz normal“, in einem Punkt aber ungewöhnlich - weil es zur Anklage kam. „Daniela R. hatte da großes Glück. Sie glauben gar nicht, wie viele Vergewaltigungsverfahren eingestellt werden.“

Vergewaltigt und dann zur Kasse gebeten: Ein halbes Jahr nach der Tat zahlt die Krankenkasse

Inzwischen, über ein halbes Jahr nach der Tat, hat R. einen Mietvertrag für eine Sozialwohnung bekommen. Auch die Krankenkasse hat sich gemeldet, nachdem R. einen Aktenordner langen Briefwechsel mit ihr, der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und sogar mit der bayerischen Ärztekammer angesammelt hatte. Die Kosten, teilt man ihr mit, würden jetzt doch übernommen. Es handele sich um eine „Einzelfallentscheidung“. Die Spende hat sie an den Weißen Ring zurückgezahlt.

Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder so nah am Menschen arbeiten kann.

Daniela R.

Also endlich alles gut? Akte geschlossen? R. zögert, blickt in den sonnigen Himmel über München. „Ich weiß es nicht.“ Die 27-Jährige lernt eigentlich Physiotherapeutin, aber irgendwann wieder so nahen, täglichen Körperkontakt mit Fremden pflegen - „Ich weiß nicht, ob ich das kann.“ Daniela R. ist traumatisiert. Ob durch die Tat Mitte August oder ihre Erlebnisse die Monate danach. Schwer zu sagen. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Vergewaltigung: Hier bekommen Opfer Hilfe

Sind Sie in einer ähnlichen Situation und brauche Sie Hilfe? Der Weiße Ring München ist immer ein guter erster Ansprechpartner: 0151/55164687.

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