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60 Prozent eingleisig: Die Werdenfelsbahn, hier am Übergang Grassenried bei Weilheim.

Nach dem Unglück von Bad Aibling

Bayerns Bahnnetz: 3000 Kilometer eingleisig

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München/Bad Aibling - Die Hälfte des bayerischen Bahnnetzes ist eingleisig. Der Ausbau kommt nur im Schneckentempo voran – wenn überhaupt. Auch Bahn-Kritiker bestreiten, dass hier ein Sicherheitsproblem lauert. Wohl aber ein Serviceproblem für die Fahrgäste.

Die Ammerseebahn ist eine beschauliche Zugstrecke. Eineinhalb Stunden lang schlängelt sich der Zug der Bayerischen Regiobahn (BRB) die 54,5 Kilometer entlang, von Weilheim über Geltendorf nach Mering. Es könnte schneller gehen, aber da ist die eingleisige Strecke vor: In Dießen muss der BRB-Dieseltriebwagen zwölf Minuten warten, bis mal aus Richtung Norden, mal aus Richtung Süden der Gegenzug eintrifft. „Wir nennen das den Hinke-Takt“, sagt Norbert Moy vom Fahrgastverband Pro Bahn. Er stellt fest: „Da fehlt ein Kreuzungspunkt.“

Kein Einzelfall, sondern in Bayern der Normalfall: Im Freistaat sind von 6000 Kilometern Bahnnetz 3000 nur eingleisig, sagt eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Beispiele gibt es auch in Oberbayern zuhauf. Die Werdenfelsbahn München-Garmisch-Partenkirchen etwa – nur gut 40 Kilometer der 100,6 Kilometer langen Strecke sind zweigleisig. Trotzdem hat sich der SPD-Politiker Andreas Lotte erst im Oktober 2015 mit einer Ausbauforderung eine Absage des bayerischen Verkehrsministeriums eingehandelt – „verkehrs- und strukturpolitisch nicht vertretbar“, hieß es. Dann natürlich die Strecke München-Mühldorf, wo sich Regionalzugverkehr mit den Güterzügen aus dem bayerischen Chemiedreieck mischt. Sie ist ab Markt Schwaben eingleisig. Hier sind sich alle Politiker immerhin einig, dass auf 60 Kilometern Länge ein zweites Gleis gebaut werden muss – derzeit läuft aber nur der Ausbau von 2,2 Kilometern Schiene zwischen Altmühldorf und Mühldorf. Weitere Begegnungsstellen zwischen Markt Schwaben und Hörlkofen (acht Kilometer) sowie Dorfen und Obergeislbach (11,6 Kilometer) sind in weiter Ferne. Am 7. März, so gab Verkehrsminister Joachim Herrmann just gestern bekannt, soll erstmals ein Projektbeirat mit Bürgermeistern entlang der Strecke tagen, um so den Widerstand von Anwohnern zu minimieren.

Auch fast die gesamte Strecke der Oberlandbahn hat nur ein Gleis, und selbst bei der S-Bahn München finden sich auf den Außenästen viele eingleisige Strecken. „Es gibt viele Punkte, in denen der Ausbau dringend notwendig ist“, stellt Bahn-Experte Moy fest. So etwa entlang der S7-Außenäste Perlach-Kreuzstraße und Höllriegelskreuth-Wolfratshausen. Selbst die S7-Verlängerung nach Geretsried ist, bis auf eine Begegnungsstelle bei Gelting, eingleisig geplant. Weiteres Beispiel: Die S 4 im Osten zwischen Grafing und Ebersberg. Seit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember fährt hier häufiger als früher der Filzenexpress nach Wasserburg, der nun zum MVV-Tarifgebiet gehört, sich aber das Gleis mit der S-Bahn teilen muss. „Das ist ein richtiges Nadelöhr“, stellt Moy fest. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die den Regionalzugverkehr in Bayern bestellt, bestätigt das: Die Verspätungen häuften sich, es gebe nur „beschränkt“ Kreuzungsmöglichkeiten. Ein Ausbau der Strecke sei aber nicht absehbar, sagt BEG-Sprecher Wolfgang Oeser.

Keiner der Befragten will freilich das Zugunglück auf der eingleisigen Strecke der Mangfalltalbahn als Argument für die generelle Forderung nach einem Ausbau eingleisiger Strecken verwenden. „Eine eingleisige Strecke ist nicht per se unsicherer als ein Doppelspur-Betrieb“, meint Pro-Bahn-Vertreter Moy. Wichtig sei ein Ausbau dennoch: Weil so Verspätungen minimiert und die Bahn in Bayern attraktiver werde.

Das freilich, so weiß Moy auch, scheint nicht überall angekommen zu sein. Beispiel Ammerseebahn: Die Forderung von Pro Bahn nach einem Kreuzungspunkt in Raisting fand bei der DB Netz und dem Freistaat kein Gehör. Erst müsse die Elektrifizierung der Strecke Geltendorf-Lindau abgeschlossen sein, da sich diese mit der Ammerseebahn kreuze. Erst danach, frühestens also 2020, werde man weitersehen.

Lesen Sie hier: Zugunglück bei Bad Aibling: Warum dauern die Ermittlungen so lange?

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