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Bayerns besondere Beziehung zum Schalttag

München - Manche finden ihn lästig, andere einfach kurios: Der 29. Februar ist ein ganz besonderer Tag. Was kaum einer weiß: Gerade in Bayern gibt es so manchen Grund, den Schalttag nicht einfach vorbeirauschen zu lassen. Ohnehin gilt: Wir haben ihn dringend nötig. Denn unsere Tage sind gezählt.

München trauerte. Am 29. Februar 1868 läuteten die Glocken der Frauenkirche, sie kündeten vom Tod eines einstigen Monarchen. Ludwig Karl August von Bayern, der von 1828 bis 1848 als König Ludwig I. regiert hatte, war gestorben – im Alter von 81 Jahren, und zwar in einer Villa in Nizza, die er für den Winter gemietet hatte. 20 Jahre nach seiner Abdankung und am Ende einer qualvoll langen Todesnacht („Ein Uhr – und ich bin noch nicht tot“) starb der Liebhaber aller Schönheit dieser Welt. Am Schalttag. Ausgerechnet.

Für die Königstreuen ist das bis heute ungünstig: Sie können des Todestags nur alle vier Jahre gedenken. Die Gelegenheit dazu haben sie heute, und zumindest der König-Ludwig-Club München hat sie nicht verstreichen lassen. „Wir haben einen Kranz mit Schleife nach St. Bonifaz gebracht“, erzählt Club-Chef Hannes Heindl aus Freising. In der dortigen Basilika ist Ludwig begraben.

Er ist nicht der einzige Wittelsbacher, der einen besonderen Draht zum Schalttag hatte. Albrecht V., von 1550 an Herzog von Bayern, war am 29. Februar 1528 geboren. Albrecht III., Herzog von Bayern-München, war wiederum am 29. Februar 1460 gestorben. Und Leo von Klenze, der Hofarchitekt von Ludwig I., war an einem Schalttag geboren – im Jahr 1784.

Heute sehen werdende Eltern einem Schalttag als Geburtstermin nicht gerade gelassen entgegen, berichten Geburtshelfer aus den Kreissälen. „Die möchten dieses Datum meist lieber vermeiden“, sagt Hebamme Anna Dürr, 25, von der Münchner Frauenklinik an der Maistraße. Und sie hat da durchaus Verständnis: „Ich kann mir vorstellen, dass das für das Kind später ein bisschen komisch ist, wenn es theoretisch nur alle vier Jahre wirklich Geburtstag hat, und dann immer an einem anderen Tag feiern muss.“

Für Hebamme Dürr ist der 29. Februar ein Tag wie jeder andere. „Wir haben im Durchschnitt sechs Geburten pro Tag, auch an einem Schalttag.“ Das ist auch kein Wunder: Der Termin für eine natürliche Entbindung lässt sich nur schwer steuern. „Klar, man kann die Geburt mit Medikamenten vorzeitig herbeiführen, die die Wehen einleiten“, sagt Anna Dürr. „Aber zu diesen Mitteln greift man eigentlich nur, wenn der natürliche Termin schon lange überschritten ist und man merkt, dass das Kind bei der Mutter nicht richtig versorgt ist.“ Generell seien solche Eingriffe nicht ohne Risiken. „Ich persönlich würde das nicht befürworten“, sagt Dürr.

Auch einen Wunschkaiserschnitt, nur um einen Schalttag zu umgehen, sieht die Hebamme kritisch. „Da sollte man nicht eingreifen. Wenn die Natur das Datum so will, dann ist das eben so.“ Dass sich eine Patientin für einen Kaiserschnitt wegen des nahenden 29. Februars entschieden hätte, daran kann man sich an der Frauenklinik auch gar nicht erinnern. Eher schon lasse sich ein allgemeiner Trend zum Wunschtermin bei der Entbindung beobachten. „Heutzutage planen die Leute viel lieber als früher. Für manche Menschen scheint es ein Problem zu sein, wenn sie nicht genau wissen, wann das Kind kommt.“ Viele werdende Mütter sehen es dagegen gelassen, wenn der 29. Februar näher rückt.

Einer Mutter aus München konnte die Hebamme schon vor zwei Tagen bei der Lösung ihrer Bedenken helfen: Sie entband sie auf natürliche Weise von ihrem Kind, und das zwei Tage vor dem Schalttag. „Die Patientin hat zu mir gesagt: „Ich bin heilfroh, dass der 29. flachfällt.“

Andere Eltern wurmt der schräge Geburtstermin. Deshalb konfrontieren sie Standesbeamte schon manchmal mit dem Wunsch, lieber den 28. Februar oder den 1. März als Geburtstag von neugeborenen Schaltjahreskindern zu beurkunden. „Das ist aber rechtlich gar nicht möglich“, sagt Jürgen Rast, Präsident des Bundesverbandes der Standesbeamten. „Wenn auf der Geburtsanzeige des Krankenhauses der 29. Februar steht, dann ist das verbindlich.“

Unklar ist, wie viele Menschen in Deutschland zum Beispiel am vergangenen Schalttag 2008 geboren wurden. Das Statistische Bundesamt erfasst nicht die Geburtenzahlen einzelner Tage.

Warum aber braucht man überhaupt den Schalttag am 29. Februar? Die Antwort darauf ist eine krumme Zahl: 365,2422. Exakt so viele Tage braucht die Erde nämlich, um einmal um die Sonne zu kreisen. Das ist also fast ein Viertel Tag mehr, als das Kalenderjahr dauert. Anders gesprochen: Das Kalenderjahr und das Sonnenjahr sind unterschiedlich lang. Um das auszugleichen, wird in den Kalender alls vier Jahre ein zusätzlicher Tag eingefügt: der 29. Februar. Damit hat ein Schaltjahr nicht 365, sondern 366 Tage.

Weil die Rechnung dann noch immer nicht ganz aufgehen würde, gibt es Schaltjahre genau genommen auch nicht alle vier Jahre. Die präzise Regel lautet vielmehr: Alle glatt durch vier teilbaren Jahre und durch 400 teilbare Jahre sind Schaltjahre. Glatt durch 100 teilbare Jahre sind keine Schaltjahre. Das Jahr 2000 war dennoch ein Schaltjahr – es war eine Ausnahme von der Ausnahme. Denn die vollen Jahrhunderte sind im allgemeinen keine Schaltjahre – bis auf die vollen Jahrhunderte, die durch 400 ohne Rest teilbar sind. Das war im Jahr 2000 der Fall.

Regelungen für Schaltjahre helfen also, komplizierte Zahlenverhältnisse zu korrigieren. Das ist auch dringend nötig – denn kleinste Ungenauigkeiten können auf lange Sicht große Folgen haben. Das wussten schon die Babylonier im dritten Jahrtausend vor Christus und erfanden Schaltmonate. Die Ägypter ordneten 238 vor Christus für jedes vierte Jahr einen Schalttag an. Der römische Herrscher Gaius Iulius Caesar führte schließlich im Jahr 45 vor Christus einen Sonnenkalender mit einfacher Schaltjahresregel ein – für jedes vierte Jahr.

Auch mit Caesars Modernisierung und dem Julianischen Kalender war das Kalenderjahr immer noch rund elf Minuten länger als das Sonnenjahr. Das addierte sich bis ins 16. Jahrhundert auf zehn Tage. Um den Kalender wieder der Wirklichkeit anzupassen, ließ Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 diese zehn Tage einfach ausfallen – und modernisierte die Schaltjahresregeln. Auf diese Weise fallen 36 524,25 Tage in ein Jahrhundert. Das kommt den natürlichen Zeitmaßen sehr nahe. Die bleibenden minimalen Abweichungen vom Sonnenjahr werden heute mit gelegentlich eingefügten Schaltsekunden ausgeglichen.

Auch die Schalttagskinder finden so ihre Lösungen, mit dem ungewöhnlichen Termin umzugehen. In Bad Hindelang im Oberallgäu treffen sich heute zum siebten Mal Menschen mit dem Geburtsdatum 29. Februar. Die Gemeinde richtet seit 1988 alle vier Jahre eine Feier für Menschen aus, die in einem Schaltjahr geboren sind und ihr Wiegenfest daher datumsgetreu nur alle vier Jahre feiern können. Nach Angaben der Kurverwaltung lagen eine Woche vor dem Schalttag Anmeldungen von elf Geburtstagskindern aus ganz Bayern vor. Viele von ihnen wollen Familienangehörige und Freunde als Partygäste mit ins Allgäu bringen.

Zum Kennenlernen war für die Gäste bereits am Vorabend des Schalttages ein gemeinsames Essen geplant, das um Mitternacht mit einer Geburtstagstorte gekrönt werden sollte – mit 29 Kerzen, versteht sich. Heute wollen die Geburtstagskinder dann samt Anhang mit der Bergbahn zur 1300 Meter hoch gelegenen Rodlerhütte „Gletscherspalte“ am Imberger Horn fahren. Dort stehen eine Feier mit Sektempfang, ein Weißwurstfrühstück sowie einer Rede des Kurdirektors an. Sie ist exakt 29 Wörter lang.

Robert Arsenschek und Armin Forster

Rubriklistenbild: © dpa

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