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Abgeschleppt und abgezockt: Das dubiose Unternehmen „Parkräume KG“ hat seit Jahren Klagen am Hals, schleppt aber weiterhin Autos ab – oft sehr rücksichtslos.

„Parkräume KG“ im Visier 

Bayerns dreiste Abschlepp-Masche

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München - 300 Euro auf die Hand, dann gibt’s das Auto zurück. Die Opfer der Abschlepp-Firma „Parkräume KG“ sprechen von Erpressung, immer wieder hat der Chef des dubiosen Unternehmens Klagen am Hals.

Anfang Oktober war Starnberg dran. Augenzeugen berichten von großen Abschleppaktionen auf einem „Tengelmann“-Parkplatz. Ein Abschleppwagen habe zwölf unrechtmäßige Dauerparker aufgeladen, vielleicht mehr, und das innerhalb von wenigen Stunden. Der Fahrer des Schleppers habe sich regelrecht auf die Lauer gelegt, sagt einer der Betroffenen. „Am Ende hieß es dann: Geld her oder kein Auto. Das ist reine Erpressung.“

Seinen Namen möchte der Starnberger nicht in der Zeitung lesen. Schon das sagt einiges über das aggressive Auftreten des Abschlepp-Unternehmens „Parkräume KG“. „Die scheinen an der Grenze zwischen legal und illegal zu arbeiten“, sagt der 45-Jährige. „Und ich habe keine Lust auf Repressalien.“

Die Praxis ist nicht neu. Seit Jahren betreibt Firmen-Chef Joachim Gehrke sein Geschäft auf die gleiche Weise: Im Auftrag von Unternehmen wie „Tengelmann“ und „Rewe“, aber auch von Kliniken wie der in Bogenhausen entfernt die „Parkräume KG“ Fahrzeuge von Privatparkplätzen und stellt sie in sicherer Distanz wieder ab. Die Besitzer müssen sich über eine Hotline melden, ein Treffpunkt wird vereinbart. Oft erscheint Gehrke selbst und verrät den Standort des Autos erst nach Zahlung. 300 Euro, bar oder mit EC-Karte – Hauptsache sofort.

Anwalt Dirk Gründler kämpft seit Jahren gegen die „Parkräume KG“

Der Münchner Rechtsanwalt Dirk Gründler kämpft seit fünf Jahren gegen diese „Bande“. Über hundert Mandanten hat er schon vertreten. Meist ging es dabei um Rückzahlung einer Teilsumme des abkassierten Geldes. Denn: Die 300 Euro liegen weit über den üblichen Abschleppkosten. Gründler vermutet, dass die Firma weitere Kosten, etwa für die Überwachung der Parkplätze oder Inkasso, mit berechnet – obwohl ein Gericht erst Anfang des Jahres eine Summe von 120 Euro als berechtigt festgesetzt hat. Allein beim Amtsgericht in München sind deswegen seit 2007 gut 500 Klagen gegen die „Parkräume AG“ eingegangen. Inzwischen ermittelt aber auch die Staatsanwaltschaft – wegen Erpressung in sieben und wegen vorsätzlicher Erpressung in zwölf Fällen. Der Spielraum für Gehrke wird enger, sein Vorgehen im Gegenzug rücksichtsloser.

Anita B. (31) bekam das kürzlich zu spüren. Nach einem Wiesn-Besuch fuhr ihr Freund sie nach Hause, stellte das Auto auf einem „Rewe“-Parkplatz ab und ließ es dort stehen. Zu lange. Am nächsten Tag war das Auto weg, mit ihm das Diabetes-Messgerät von Anita B. und die Wohnungsschlüssel ihres Freundes. Die 31-Jährige rief die Firmen-Hotline an, erklärte ihre missliche Lage. „Das war lebensbedrohlich“, sagt sie. Der „äußerst unfreundliche Herr“ am Telefon habe ihr aber zu verstehen gegeben, dass er ihr den Standort des Autos selbst gegen Geld nicht verraten werde. Noch nicht.

Die junge Kinderpflegerin suchte zwei Nächte nach ihrem Wagen, musste ins Krankenhaus, um ihren Blutzuckerspiegel messen zu lassen. Ihr Freund war in dieser Zeit ausgesperrt, konnte nicht zur Arbeit. Erst vier Tage, unzählige Polizei-Telefonate und eine Anzeige später bekamen sie das Auto zurück.

Geschichten wie diese gibt es viele. Impala L. aus Bad Kohlgrub (Kreis Garmisch-Partenkirchen) erzählt, Gehrke habe das Auto der beiden Pfleger ihres Vaters abschleppen wollen – aus der Tiefgarage des Klinikums Bogenhausen, trotz einer Park-Sondergenehmigung. Gehrke habe den Wagen erst heruntergelassen, als einer der polnischen Pfleger auf die Motorhaube sprang. „Er hat uns beschimpft“, sagt die 63-Jährige. „Polnisches Schwein“ war der Höhepunkt.

Auch der Justiz, sagt Anwalt Gründler, seien die rabiaten Praktiken des Unternehmers bekannt. Aber eine strafrechtliche Verurteilung gab es bislang nicht. „Da darf man den beteiligten Staatsanwälten und Strafrichtern die Frage stellen, ob sie nicht wollen oder nicht können.“

Das hat sicher auch mit der Raffinesse des Unternehmers zu tun. Im April 2010 verlegte er den Firmensitz von Oberhaching (Kreis München) nach Berlin. Gründler sagt, dabei handele es sich um eine Briefkastenfirma, das Geschäft laufe nach wie vor über Oberhaching. Gehrkes Vorteil: In Sachen Geld-Rückzahlung hätten die Gerichte in Berlin weniger hart geurteilt. Delikates Detail: Als Gehrke kürzlich vor dem Amtsgericht Miesbach auftrat, weil er einen Mann aus Gmund wegen unerlaubten Überholens angezeigt hatte, machte er Fahrtkosten ab Berlin geltend, kam aber allem Anschein nach von seinem Erstwohnsitz aus Bad Wiessee. Der Angeklagte von damals mutmaßt, Gehrke mache so aus dem Anzeigen ein Geldgeschäft. Eine Vermutung, nicht mehr.

Inzwischen wird der Widerstand größer. Im Münchner Stadtrat waren Gehrkes Praktiken Thema. Auch die Auftraggeber werden vorsichtig. Eine Sprecherin von „Kaiser’s Tengelmann“ sagte, man sei „auf der Suche nach einem anderen Unternehmer“. Wohl auch deswegen, weil laut Urteil des Bundesgerichtshofs seit Kurzem nicht mehr Gehrke, sondern sein Auftraggeber auf Geld-Rückzahlung verklagt werden muss.

Dass kürzlich ein Augsburger Unternehmer mit einer ähnlichen Arbeitsweise zu vier Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wurde, stimmt Gründler zuversichtlich. Fürs Erste.

Von Marcus Mäckler

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