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Gemeinsam unterrichten Lehrer und Sonderpädagogen eine Schulklasse von Kindern mit und ohne Behinderung. An der Umsetzung einer entsprechenden UN-Gleichberechtigungs-Konvention üben Bayerns Lehrer Kritik.

Umfrage: Es fehlt an Personal

Bayerns Lehrer fordern zwei Pädagogen in jeder Inklusions-Klasse

Einer Umfrage nach fühlen sich Pädagogen beim Thema Inklusion von der Politik im Stich gelassen. Die Motivation an den Schulen bröckelt. Abhilfe soll vor allem eines schaffen: viel mehr Personal.

München – Wenn es nach Simone Fleischmann ginge, würden die Förderschulen in Bayern abgeschafft. Nicht von jetzt auf gleich, betont die Chefin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Als Mahnbeispiel für die missglückte Hauruck-Inklusion von Kindern mit Behinderung oder besonderem Förderbedarf gilt ihr Nordrhein-Westfalen. Dort hatte eine überstürzte Inklusionspolitik – es wurden Förderschulen geschlossen, während an den Regelschulen Sonderpädagogen fehlten – mit zum Sturz der rot-grünen Landesregierung beigetragen. Fleischmann fordert eine Politik der langsamen Schritte – jedoch mit dem Fernziel einer „Inklusion in Reinform“ als rotem Faden. „Kinder sind neugierig und unvoreingenommen. Sie wollen, dass in der Schule die ganze Gesellschaft abgebildet wird“, betont die Verbandschefin

BLLV: „Gelungene Inklusion ist nicht in Sicht, weil es an allem fehlt.“

Doch in Bayern drohe schon die teilweise Eingliederung von Kindern mit Behinderung oder besonderem Förderbedarf in den Regelschul-Unterricht zu scheitern. Derzeit leben in Bayern laut BLLV rund 74 000 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Etwas mehr als 20 000 von ihnen werden an Regelschulen unterrichtet. Mit unzureichenden Mitteln, finden Bayerns Lehrkräfte. Das sagt der BLLV und beruft sich auf eine deutschlandweite Forsa-Umfrage unter 2050 Pädagogen an Grund-, Mittel-, Realschulen und Gymnasien, darunter rund 500 aus dem Freistaat. Schuld daran ist die Politik, befindet Fleischmann: „Gelungene Inklusion ist nicht in Sicht, weil es an allem fehlt.“ Lehrer unterrichteten derzeit meist ohne Unterstützung zu große Klassen in zu kleinen Räumen. Besonders der Mangel an Personal mit sonderpädagogischer Qualifikation führe zu Frustration bei Schülern, Eltern und auch Lehrern – und das, obwohl mehr als die Hälfte der Lehrer Inklusion für sinnvoll hielten.

Mehr als 80 Prozent der befragten bayerischen Lehrer wünscht sich doppelt besetzte Inklusionsklassen, also die permanente Unterstützung der Lehrkraft durch einen Sonderpädagogen. Der aktuellen Personalsituation stellen sie die Schulnote 4,7 aus – ungenügend. Auch gebe es noch reichlich Nachholbedarf bei den verfügbaren Fortbildungsangeboten. „Das Vertrauen der Lehrkräfte in das Konzept Inklusion muss zurückgewonnen werden“, sagt Fleischmann.

Kultusministerium: „Die Inklusion schreitet voran“

Die hehren Ziele der UN-Konvention zur Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung – an Bayerns Schulen politisches Lippenbekenntnis ohne Substanz? Im Kultusministerium ist man anderer Ansicht. In einer Reaktion auf die Forsa-Umfrage spart das Haus von Minister Ludwig Spaenle (CSU) nicht mit Lob für die engagierten Lehrer – und für sich selbst: Seit 2011 habe man 600 zusätzliche Lehrerstellen für die Inklusion geschaffen. Außerdem investiere der Freistaat „massiv in den Ausbau der Ausbildung von Lehrkräften für Sonderpädagogik“. Mittlerweile gebe es bayernweit 240 Schulen mit dem Profil Inklusion. „Die Inklusion schreitet voran“, lautet deshalb das ministerielle Fazit.

Förderschulen sollen bleiben

Von den bayernweit fast 400 Förderschulen will sich das Kultusministerium dennoch auch auf lange Sicht nicht verabschieden. Diese seien „Kompetenzzentren zur Unterstützung der Regelschulen“ und von vielen Eltern geschätzt. Mehr als die Hälfte der bayerischen Lehrer sieht das genauso – darunter 35 Prozent derer, die selbst an Inklusions-Schulen unterrichten. „Die Politik hat es verpasst, die grundsätzlichen Vorteile von Inklusion erlebbar zu machen“, konstatiert Fleischmann.

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