Simone Fleischmannwill Schulen langfristig entschleunigen.

BLLV-Studie

Bayerns Lehrer fühlen sich gehetzt

München - Von wegen viel Ferien und ruhige Kugel: Eine BLLV-Studie zeigt, dass die Pädagogen im Freistaat ihre Arbeit zwar lieben, aber sie leiden unter dem hohen Zeitdruck.

München – Bevor der Unterricht beginnt, schlüpft Lisa Zaus in die Mutterrolle. „Schau mal, ich hab’ einen Zahn verloren“ oder „bei dem Gewitter gestern hatte ich Angst“ – solche Dinge erzählen die Schüler der ersten Klasse am Montagmorgen. „Da muss ich erst einmal Beziehungsarbeit leisten“, sagt die 28-jährige Lehrerin der Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule Poing. Und das macht sie gerne. Nur: Bis alle Schüler an ihrem Platz sitzen und bereit sind, einen neuen Buchstaben zu lernen, vergeht jeden Tag sehr viel Zeit. Zeit, die Bayerns Lehrkräfte eigentlich gar nicht haben.

Simone Fleischmannwill Schulen langfristig entschleunigen.

Das zeigt eine Lehrerbefragung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). 3577 Lehrkräfte nahmen an der Studie „Zeit für Bildung“ teil. Die Ergebnisse sind deutlich. Auf der einen Seite steht die große Freude an der eigenen Tätigkeit: Fast drei Viertel aller Befragten gaben an, Freude an ihrer Arbeit zu haben. Ein positives Gefühl im Umgang mit den Schülern hatten sogar noch mehr. So weit, so gut. Gleichzeitig fühlen sich aber über zwei Drittel der befragten Lehrer gehetzt und haben den Eindruck, mit ihren Aufgaben nie fertig zu werden.

Hinzu kommt der tägliche Handlungsdruck im Beruf, den fast 90 Prozent der Befragten wahrnehmen. Mehr als jeder zweite Lehrer fühlt sich erschöpft. „Dieses Gefühl tritt bei Lehrern, die den Beruf schon lange ausüben, deutlich häufiger auf“, erklärt Wolfram Schneider, der die Studie ausgewertet hat. Auf die zentrale Frage, ob man als Lehrer ausreichend Zeit für die Bewältigung der alltäglichen Aufgaben an der Schule hat, antwortete eine klare Mehrheit mit Nein. Von genügend Zeit für individuelle Förderung ganz zu schweigen: Die sehen fast 85 Prozent als nicht gegeben.

Immer häufiger arbeiten Lehrer deswegen nur noch in Teilzeit. Wie Andrea Weinzierl vom Staffelsee-Gymnasium Murnau. Die Lehrerin für Deutsch und Geschichte sagt: „Ich finde mich zu 100 Prozent in der Studie wieder.“ Wie vollgepackt der Schulalltag mittlerweile ist, verdeutlicht sie an einem Beispiel: Der schier unlösbaren Aufgabe, in ihrer zehnten Klasse eine Stegreifaufgabe zu schreiben. Wegen Schulaufgaben, Probeunterricht, Italienaustausch und Abiturprüfungen dauerte es über einen Monat, bis die Geschichtslehrerin die vorgeschriebene schriftliche Note einholen konnte. „Es kommt viel zu wenig Ruhe rein.“ Und dann hört sie wieder den Vorwurf der Eltern: „Die machen ja nur Noten.“

Nur Noten und nicht üben – ist das Bildung? Nein, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann und fordert mehr Entlastung an Bayerns Schulen. Grundsätzlich: mit zusätzlichem Personal. Und genauer: mit dem häufigeren Einsatz einer zweiten Lehrkraft im Klassenzimmer. Damit soll die Lehrer-Schüler-Relation weiter verbessert werden.

Aus dem Bildungsministerium heißt es, die Entwicklung sei bereits positiv. Im Schuljahr 2002/2003 lag die Relation von einer Lehrkraft zu durchschnittlich 17,2 Schülern, im vergangenen Schuljahr konnte diese Relation von einer Lehrkraft auf 13,7 Schüler verbessert werden.

Für Lisa Zaus sind die wenigen Stunden, in denen sie von einer weiteren Lehrkraft etwa zur Differenzierung unterstützt wird, ein Segen. Denn ohne Entlastung wäre es schwierig, „die innere Unruhe nicht auf die Schüler zu übertragen“. Und dann würden ihre Schüler wohl nicht mehr freiwillig vom verlorenen Zahn erzählen.

Dominik Göttler

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