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Unüberwindbare Hürden gibt es für Menschen mit Behinderung an vielen Orten. Nicht nur für Rollstuhlfahrer müsste noch viel passieren.

„Satire kann viel bewirken“

Bayerns neuer Behindertenbeauftragter bringt die Leute gern zum Nachdenken und Lachen

  • Katrin Woitsch
    VonKatrin Woitsch
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Im Januar wird der BR-Journalist Holger Kiesel zum Behindertenbeauftragten der Staatsregierung ernannt. Er sitzt im Rollstuhl – und thematisiert das gerne auch satirisch auf Kleinkunstbühnen.

München – Weil das Lachen die Menschen bei diesem Thema öffnet, erzählt er. Für sein neues Amt hat sich der 44-Jährige viel vorgenommen. Denn für ihn geht es bei Barrierefreiheit um mehr als um Rampen und Aufzüge.

Als Sie 2003 beim BR anfingen, waren Sie der erste Volontär im Rollstuhl. Wie behindertengerecht war die Arbeitswelt damals?

Damals hat noch vieles gefehlt. Aber auch heute gibt es noch öffentliche Gebäude, in denen es für Rollstuhlfahrer schwer ist, zurechtzukommen. Und auch heute noch haben es Menschen, die spezielle Lesehilfen oder Schreibtische brauchen, in vielen Unternehmen schwer. Man kann zwar für alles Zuschüsse beantragen, aber das ist ein langer Prozess – und schreckt viele Arbeitgeber ab.

Letztlich eine zusätzliche Lebenserfahrung

Sie thematisieren Ihre Behinderung nicht nur bei Ihrer Arbeit als Journalist, sondern auch auf Kleinkunstbühnen. Gibt es Momente, in denen Sie gerne weniger über Ihren Rollstuhl sprechen würden?

Es hätte mich sehr geärgert, wenn ich als Journalist nur darauf reduziert worden wäre. Wenn ich mich nur mit dem Thema Behinderung hätte beschäftigen sollen. Denn letztlich ist das ja keine „Qualifikation“, sondern nur eine zusätzliche Lebenserfahrung. Meine Qualifikation sind die Fächer, die ich studiert habe – Germanistik, Geschichte und Politik – und meine Berufserfahrung.

Sie haben die Kabarettfigur Robert Rollinger erschaffen. Ist Satire bei diesem Thema nicht eine Gratwanderung?

Keine sehr große Gratwanderung. Denn ich darf über meine Behinderung Dinge sagen, die jemand ohne Handicap nicht sagen dürfte. Zum Beispiel darf ich mich über Phänomene sprachlicher Korrektheit lustig machen: Darf man eigentlich noch Nichtbehinderte sagen oder muss es Menschen mit Nichtbehinderungshintergrund heißen? Mit Lachen und Ironie kann man viel bewirken. Man kann die Leute auflockern, sie öffnen. Und man kann zeigen, dass das Leben mit Behinderung nicht nur ernst ist – dass wir auch gerne lachen und das Leben genießen.

Holger Kiesel wird Bayerns neuer Behindertenbeauftragter.

Gibt es Situationen, in denen Sie sich Menschen ohne Behinderung überlegen fühlen?

Ja, gibt es. Ich denke, viele Menschen würden vieles nicht so schwer nehmen, wenn sie die Dinge erlebt hätten, die ich erlebt habe.

Was hat Sie an Ihrem künftigen Amt gereizt?

Ich habe mich für diese Aufgabe beworben, weil ich das Thema auch von einer anderen Seite anpacken möchte. Als Journalist kann ich berichten und auf Missstände hinweisen. Aber als Behindertenbeauftragter habe ich mehr Einfluss auf die Politik.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Wir sollten darüber nachdenken, wie wir den Begriff Barrierefreiheit definieren. Ich glaube, dass man vor allem an Rampen und Aufzüge denkt. Die Bedürfnisse von Seh- oder Hörbehinderten werden oft vergessen. Auch Barrierefreiheit im Netz ist ein wichtiges Thema. Wie müssen Internetseiten gestaltet sein, damit sie allen zugänglich sind? Und der Abbau von Stigmatisierungen ist mir ein großes Anliegen, zum Beispiel, wenn es um psychische Krankheiten geht. Wir müssen mehr aufeinander zugehen.

Möchte man als Mensch mit Behinderung Rücksicht? Oder eher selbstverständliche Teilhabe?

In einer Gesellschaft, in der alle teilhaben, ist Rücksicht eine Grundvoraussetzung. Aber ich spreche wohl für die meisten, wenn ich sage: Wir wollen definitiv kein Mitleid.

Horst Seehofer hat 2013 ein barrierefreies Bayern bis 2023 versprochen. Wie realistisch ist das?

Dass die Politik eine Jahreszahl zur Orientierung nennen wollte, ist verständlich. Aber das Vorhaben ist so groß und umfangreich, dass es in zehn Jahren nicht zu schaffen ist. Das war aber immer klar, denke ich. Die Jahreszahl ist aber auch gar nicht so wichtig. Denn das Ziel, ein komplettes Bundesland barrierefrei zu machen, ist gut. Es ist noch ein weiter Weg. Aber die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass wir uns bewegt haben. Doch in Zeiten wie diesen, in denen es auf der Welt viel Unmut gibt und Regierungen an der Macht sind, die nicht gerade für Toleranz stehen, müssen wir aufpassen, dass wir keine Rückschritte machen.

Interview: Katrin Woitsch

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