„Wenn die Wölfe sich weiter so verbreiten, wird es in Zukunft keine Weidetierhaltung mehr geben“, befürchtet Joseph Grasegger, Vorsitzender des Landesverbands Bayerischer Schafhalter.

Weidetierhaltung in Gefahr

Bayerns Schäfer schlagen wegen Wölfen Alarm

Der Wolf bleibt eine Gefahr: Immer mehr der einst ausgerotteten Raubtiere siedeln sich in Bayerns Wäldern an. Die Schäfer schlagen Alarm und nehmen die Politik in die Pflicht.

München – Vergangenen Freitag war es wieder so weit: Im Landkreis Main-Spessart ging ein Wolf in die Kamera-Falle. Immer öfter gibt es derartige Sichtungen. Die ausgerotteten Tiere kehren nach einem umfangreichen Artenschutzprogramm in die heimischen Wälder zurück. Bayerns Schäfer wollen sich damit nicht abfinden. Zahlreiche bayerischen Schafhaltungsvereinigungen mit insgesamt rund 10 000 Mitgliedern haben sich mit einer gemeinsamen Resolution an den Landtag gewandt. Sie fordern, dass der Schutzstatus der Wölfe herabgesetzt wird und es Möglichkeiten der Bestandsregulierung gibt.

„Wenn die Wölfe sich weiter so verbreiten, wird es in Zukunft keine Weidetierhaltung mehr geben und unsere Kulturlandschaften gehen kaputt“, prophezeit Joseph Grasegger, Vorsitzender des Landesverbands Bayerischer Schafhalter. „Der Wolf wird mehr vernichten, als er bringt“, befürchtet er. In der Resolution werfen die Schäfer den Behörden vor, dass durch Untätigkeit „den Wölfen das Töten von Nutz- und Haustieren anerzogen“ würde. So stünde in Ostdeutschland, wo besonders viele Wölfe leben, die Kleinschafhaltung mittlerweile vor der Ausrottung. „In einigen Gegenden in Deutschland gibt es fast täglich Übergriffe auf Viehherden“, sagt Grasegger.

Auch in Bayern kam es schon zu Angriffen. Anfang April wurden in der Gemeinde Münsing (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) auf einer Weide vier Schafe gerissen. Eine Speichelprobe ergab, dass die Tiere Opfer eines Wolfs wurden. Der Fall schlägt hohe Wellen: Landwirte und Jäger fordern Gesetzesänderungen und Maßnahmen gegen den Wolf. Ein erster Almbauer hat angekündigt, sein Vieh dieses Jahr zum Schutz im Tal zu lassen.

Er könnte nicht der einzige bleiben, befürchten die Schafhalter. Offiziell gibt es in Bayern derzeit 6600 Schafhüter, davon haben 600 über 50 Schafe, die restlichen sind Kleinzüchter. Sollte die Wolfpopulation immer weiter anwachsen, müssten viele von ihnen die Weidetierhaltung aufgeben, heißt es in der Resolution. Stattdessen würde es vor allem Großbetriebe geben, die ihre Tiere ganzjährig in Ställen halten. Weitere Probleme wären die Folge: „Schäfer betreiben massiv Naturschutz“, sagt Grasegger. So würden sie unter anderem eine Verbuschung von extensiven Hang- und Steillagen verhindern und den Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten pflegen.

Der Bund Naturschutz setzt sich indes dafür ein, dass Präventionsmaßnahmen ergriffen werden, um ein gutes Miteinander zwischen Menschen, Nutztieren und Wölfen zu ermöglichen. Die Schafhalter sind jedoch skeptisch, so die Probleme in Griff zu bekommen. „Wölfe sind intelligente Tiere“, erklärt Grasegger. Er befürchtet, dass sie Elektrozäune überwinden können und schnell lernen, dass etwa von Flatterleinen keine Gefahr ausgeht. Ein Schutz durch Hunde sei ebenfalls schwierig. „Die Hunde schützen die Herde nicht nur gegen den Wolf, sondern auch gegen alles andere“, sagt Grasegger. Sprich: Auch gegen Wanderer und deren Hunde. „Langfristig können die Herdenschutzhunde zur Gefahr werden“, so Grasegger. Bei Übergriffen wären die Schäfer für die Folgen verantwortlich.

Genauso, wenn Schafherden fliehen und Schäden verursachen. Hauptberufliche Schäfer sind zwar durch eine Versicherung abgesichert, nebenberufliche aber nicht. „Zwischen 80 und 90 Prozent der bayerischen Schäfer machen das nebenberuflich“, so Grasegger. In der Resolution fordern die Verbände deshalb, dass die Regelungen für die Haftung bei Schäden geändert werden.

Zudem wünschen sie sich „großraubtierfreie Schutzzonen“. Wie der Wolf aus den Gebieten ferngehalten werden soll? „Darüber sollen sich die Politiker und Befürworter endlich Gedanken machen“, sagt Grasegger. Er sieht mehrere Möglichkeiten: „Entweder man entnimmt die Wölfe oder man zäunt Zonen ein“, sagt er. „Man könnte es auch umgekehrt probieren, dass man die Wolfsgebiete einzäunt.“

Der Schafhalter betont, keinen Abschuss der Tiere zu fordern, sondern einen Dialog mit der Politik. „Wir haben nichts gegen den Wolf. Bei einer geringen Anzahl ist eine Koexistenz sicher möglich, aber wir haben Angst, dass die Zahlen explodieren.“

von Claudia Schuri

Einen Kommentar zu den Befürchtungen der Schafhalter gibt es von Christian Vordemann.

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