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Verhaftung auf der Autobahn: Bayerische Schleierfahnder sind seit 20 Jahren in den Grenzgebieten im Einsatz. Sie haben mehr als 150 000 Straftaten aufgedeckt.

Der Alltag der Schleierfahnder

Verbrecherjagd im Grenzgebiet 

Rosenheim/Passau - Sie sind rund um die Uhr im Einsatz, um Dieben, Schleusern und Drogendealern das Handwerk zu legen. Bayerns Schleierfahnder haben seit 1995 rund 150 000 Straftaten aufgedeckt. Ihre wichtigste Waffe wird von Verbrechern oft unterschätzt: das Bauchgefühl.

Die Tankstellen-Geschichte hört Bianca Hansen fast täglich. Es ist eine Geschichte von reiner Nächstenliebe – und in den allermeisten Fällen ist sie frei erfunden. Sie wird immer dann gerne erzählt, wenn die Rosenheimer Schleierfahnderin oder ihre Kollegen einen Autofahrer aufhalten, der Flüchtlinge über die Grenze nach Bayern schleust. Er habe die Eritreer, Syrer oder Afghanen an einer Tankstelle in Österreich aufgelesen und aus purem Mitgefühl mit nach Bayern genommen. Selbstverständlich ohne zu wissen, wo sie herkommen, hinwollen, oder ob sie Papiere haben.

Bianca Hansen ist seit fünf Jahren bei der Schleierfahndung – sie weiß, dass die Fahrer, die in ihren Kleinbussen manchmal 14 Flüchtlinge auf einmal über die bayerisch-österreichische Grenze bringen, alles andere als ahnungslos sind. „Sie machen ein Geschäft mit den Verzweifelten“, sagt Hansen. Die Schleuserbanden kassieren meist fünfstellige Summen, um die Flüchtlinge unter menschenunwürdigen und gefährlichen Bedingungen nach Deutschland zu schleusen. Kinder im Kofferraum, alte Menschen auf dem Boden zwischen den Sitzen. In jeder Schicht greifen die Rosenheimer Fahnder Schleuser auf. Manchmal sechs Fahrzeuge innerhalb weniger Stunden. „Wir wissen aber, dass das nur die Spitze des Eisberges ist“, sagt Bianca Hansen.

Jeder einzelne Fall ist mit viel Büroarbeit für die Schleierfahnder verbunden. Fahrer müssen verhört, Flüchtlinge vernommen und registriert werden. Dafür fallen die Schleierfahnder meist einige Stunden lang auf den Autobahnen aus. „Wir sind seit Monaten an der Belastungsgrenze“, sagt die 34-Jährige. Es fehlen Kollegen, Räume, Computer. Einige Fahrzeuge sind rund um die Uhr im Einsatz, haben mehr als 500 000 Kilometer auf dem Tacho und müssten längst ausgetauscht werden. Im kommenden Haushalt hat der Bundestag bereits 113 Millionen Euro zusätzlich für die Bundespolizei in ganz Deutschland bereitgestellt – welche Dienststellen davon profitieren werden, steht noch nicht fest. Und selbst wenn die Entscheidung gefallen ist, müssen die Schleierfahnder noch einige Monate aushalten, bis sich in ihren Dienststellen die Bedingungen wirklich verbessert haben. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) versucht, die Zeit bis dahin mit motivierenden Worten zu überbrücken. Die Schleierfahndung habe die Grenzregion in Bayern so sicher gemacht wie nie, zog er gestern eine 20-Jahres-Bilanz. „Seit dem Wegfall der Grenzkontrollen sind unsere Schleierfahnder der Schrecken der Kriminellen.“ Fast 150 000 Straftaten haben die rund 2000 Beamten der Landes- und Bundespolizei in Bayern aufgedeckt. Die Schwerpunkte der Einsätze variieren von Region zu Region. Während die Rosenheimer Schleierfahnder vor allem gegen die Schleuserbanden kämpfen, haben es ihre niederbayerischen Kollegen an der Grenze zu Tschechien verstärkt mit Drogenschmuggel, illegalen Waffen und gefälschten Papieren zu tun.

Wenn es um Drogenverstecke geht, sind die Verbrecher kreativ

Alfred Gassner ist seit knapp 20 Jahren Schleierfahnder im Raum Passau, davor war er bei der Grenzpolizei. Und trotzdem erlebt er noch jede Woche Überraschungen bei seiner Arbeit. „Wenn es um Drogenverstecke geht, sind der Phantasie offenbar keine Grenzen gesetzt“, erzählt er. Cola-Dosen, bei denen der Boden abgeschraubt werden kann. Schrauben, unter deren Kopf Kokain versteckt war. Ein paar Mal schon ist es vorgekommen, dass er und seine Kollegen Drogen im Tank gefunden haben. Und einmal gab es sogar einen Fall, bei dem sie erst nach dem Röntgen fündig wurden. „Der Mann hatte 20 Kokainbeutel geschluckt“, erzählt Gassner.

Als Schleierfahnder muss man in vielen Gebieten Experte sein, sagt der 58-Jährige. Man muss sich mit Wasserzeichen und Drucktechniken auskennen. Und man muss ein bisschen Kfz-Mechaniker und Elektrotechniker sein, um Drogenverstecke zu finden. Vor allem aber braucht man Bauchgefühl. Es sind nur Sekundenbruchteile, die die Schleierfahnder haben, um an ihren Kontrollpunkten zu entscheiden, welche Autos sie verfolgen. Sein Bauchgefühl ist Alfred Gassners wichtigste Waffe im Kampf gegen die Verbrecher. Es hat ihn selten getäuscht – und wird von Drogen- und Menschenschmugglern fast immer unterschätzt.

Katrin Woitsch

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