Bedenkliche Entwicklung

Bayerns Senioren von Altersarmut bedroht: „Geldsorgen schnüren die Luft ab“

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Geldsorgen treiben viele von Bayerns Senioren um. So ist es um das Thema Altersarmut im Freistaat wirklich bestellt.

München – Margarete Böhm (Name geändert) ist modisch gekleidet, perfekt geschminkt. Man sieht ihr nicht an, dass ihr Geld nur für das Nötigste reicht. „Die meisten Kleider stammen aus meinem alten Leben oder aus dem Schlussverkauf“, sagt sie. Ihr altes Leben in Nordbayern war kein luxuriöses – aber ein gutes. Obwohl sie wegen einer Krebserkrankung und Gleichgewichtsstörungen nach einer Operation am Ohr mit 40 Jahren in Erwerbsminderungsrente gehen musste. Obwohl sie ihre pflegebedürftige Mutter und später ihren schwer diabeteskranken Lebensgefährten jahrzehntelang versorgte. „Ich war trotzdem glücklich und zufrieden“, sagt die 68-Jährige.

Zu zweit reichte das Geld. Heiraten wollten Margarete Böhm und ihr Lebensgefährte zunächst nicht, beide waren geschieden. Dann steckte sich ihr Partner bei einem Krankenhausaufenthalt an einem Keim an, fiel ins Wachkoma und starb. Keine Ehe bedeutete keine Witwenrente.

Margarete Böhm versuchte, in Oberbayern neu anzufangen. Sie zog in die Nähe ihrer Tochter und ihrer drei Enkel. Doch das Leben allein ist teuer. Sie bekommt 969 Euro Rente. Für ihre 28 Quadratmeter muss sie 475 Euro Miete bezahlen. Daneben muss sie Versicherungen und Medikamente zahlen. Ihr bleibt nicht viel. „Die ständigen Geldsorgen schnüren einem die Luft ab“, sagt sie.

So ist die Lage in Bayern

So wie Margarete Böhm geht es in Bayern vielen Senioren. Rund 450.000 Menschen über 65 Jahre sind armutsgefährdet. Die SPD-Landtagsfraktion hatte eine entsprechende Anfrage an die Staatsregierung gestellt. Aus der Antwort geht auch hervor, dass vor allem Frauen Geldsorgen haben und dass die Armutsgefährdung in Unterfranken mit 20,7 Prozent am größten ist. Zum Vergleich: In Oberbayern liegt der Wert bei 12,9 Prozent. Besonders bedenklich ist die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre. Zwischen 2006 und 2016 ist die Quote insgesamt um 3,5 Prozentpunkte gestiegen.

Die Zahlen der Staatsregierung zur Armutsgefährdung orientieren sich am bundesweiten Mittelwert (Median) der Nettoäquivalenzeinkommen. Als armutsgefährdet gilt demnach, wer weniger als 60 Prozent dieses Medianeinkommens zur Verfügung hat. Für Personen über 65 Jahre liegt es bei etwa 1400 Euro, die Armutsgefährdungsschwelle demnach bei 840 Euro.

„Wohnen wird immer mehr zur Armutsfalle“

Die SPD-Politikerin Doris Rauscher fordert angesichts der Zahlen, ältere Menschen verstärkt bei Alltags- und Lebenshaltungskosten zu entlasten und die im Koalitionsausschuss vereinbarten Verbesserungen bei der Rente zügig umzusetzen. Auch auf Landesebene müsse mehr passieren. „Wohnen wird im Freistaat mehr und mehr zur Armutsfalle.“ 

Der Freistaat müsse schleunigst entgegensteuern und beispielsweise die Sozialbindung von gefördertem Wohnraum verlängern. Dafür kämpft auch der VdK Bayern seit langer Zeit. Er fordert außerdem die Angleichung der Mütterrente, den Ausbau von Betreuungseinrichtungen zur Förderung von Familien und Müttern sowie die Eindämmung prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Niedriglohnbereich. „Die Staatsregierung muss ihren Einfluss auf Bundesebene stärker geltend machen“, betonte die VdK-Landesvorsitzende Ulrike Mascher.

Lesen Sie auch: Armuts-Alarm: Verbände fordern Medizin-Zuschüsse für Münchner Rentner 

Lesen Sie bei merkur.de: Rente nicht in Sicht: Immer mehr Senioren im Landkreis arbeiten länger

kwo/lby

Rubriklistenbild: © epd

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