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18 Afghanen wurden am Mittwoch vom Flughafen München aus abgeschoben.

Proteste aus den Helferkreisen

Abschiebungen nach Afghanistan: „Die Flüchtlinge haben Panik“

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München - Nach der Abschiebung 18 afghanischer Flüchtlinge hat sich der Protest in Bayern nicht gelegt. Kritik kommt von der Opposition und den Kirchen – vor allem aber aus den Helferkreisen.

Der Sonderflug, der Mittwochabend am Flughafen München mit 18 abgelehnten Asylbewerbern an Bord Richtung Afghanistan startete, ist längst in Kabul gelandet. Doch der Protest in Bayern ebbt nur langsam ab. Die Abschiebungen afghanischer Asylbewerber sind in den meisten Helferkreisen das große Thema. Weil die Panik vor einer möglichen Abschiebung bei afghanischen Flüchtlingen immer größer wird, berichtet Jost Herrmann, der Asyl-Koordinator des Landkreises Weilheim-Schongau. „Ich kenne viele Afghanen, die aus Angst vor einer Abschiebung nicht mehr ruhig schlafen können.“ Eine Flüchtlingshelferin aus Neubiberg (Kreis München) berichtet ähnliches. Sie betreut einen 19-jährigen Afghanen, der allein nach Deutschland geflüchtet ist. „Seit der ersten Sammelabschiebung im Dezember ist er schwer depressiv, suizidgefährdet und in Behandlung“, berichtet sie. In seiner Heimatstadt Kabul wurde er zweimal fast totgeprügelt. „Er hat panische Angst, dass er wieder dorthin zurück muss“, berichtet seine Betreuerin.

Afghanistan - sicheres Land?

Einer, der die Angst vieler Flüchtlinge gut nachvollziehen kann, ist Albert Ginthör. Der 62-Jährige ist Musiker in München und hat im Januar den ausgewiesenen Musiker Pouya zurück nach Kabul begleitet. Die Stimmung im Flugzeug war bedrückend, berichtet Ginthör. Völlig unvorbereitet war er jedoch auf das, was ihn in Kabul erwartete. „Die Atmosphäre war gespenstisch.“ Überall vermummte Männer mit Maschinengewehren. „Es war völlig klar, dass es zu gefährlich ist, sich auf den Straßen aufzuhalten“, berichtet er. Vier Tage stand Ginthör Pouya zur Seite – dann wurde die Situation für ihn als Deutschen so gefährlich, dass er zurückreisen musste. „Jeder, den ich kennenlernte, sagte mir, ich solle Kabul auf keinen Fall verlassen“, erzählt er. „Wenn Afghanistan sicher sein soll, will ich mir nicht ausmalen, was ein unsicheres Herkunftsland ist.“

Die Argumentation des Bundesinnenministers, es gebe auch sichere Regionen in Afghanistan, ärgert nicht nur Flüchtlingshelfer. Die SPD scheiterte im Rechtsausschuss des Landtags mit ihrer Forderung, die Abschiebungen drei Monate lang auszusetzen und die Sicherheitslage neu zu bewerten. Auch die Kirchen haben ihren Protest verschärft und die Abschiebungen als „inhuman und unbarmherzig“ bezeichnet. Mehrere Bundesländer lehnen eine Beteiligung ab. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kündigte jedoch an, abgelehnte Asylbewerber auch weiterhin abzuschieben. Der Flug aus München war die dritte Sammelabschiebung. 50 Afghanen sollten im Flugzeug sitzen – letztendlich waren es nur 18 aus sechs Bundesländern (fünf davon aus Bayern, unter ihnen keine Straftäter). Alle anderen hatten sich der Abschiebung entzogen, der Flüchtlingsrat hatte im Vorfeld vor dem Termin gewarnt. Nach den 32 anderen wird nun gefahndet, sie müssen mit Abschiebehaft rechnen.

Abschiebung mit einer Klage verhindern

Der Münchner Albert Ginthör war vor einigen Wochen bei einer Abschiebung dabei. Er sagt: „Kabul ist alles andere als sicher.“

Ein Großteil der afghanischen Flüchtlinge versucht die Abschiebung mit einer Klage zu verhindern. Im Kreis Weilheim-Schongau nutzt diese Hoffnung so gut wie jeder, berichtet Jost Herrmann. Im Kreis Freising, wo etwa jeder zweite Afghane einen negativen Asylbescheid bekommt, ist es ähnlich. Die Chancen, so doch bleiben zu dürfen, sind nicht schlecht. „Mehr als die Hälfte davon bekommt bei einer Klage Recht“, berichtet der Freisinger Asylhelfer Reinhard Kastorff. Doch bis die Entscheidung gefallen ist, vergehen Monate, manchmal sogar ein Jahr. Solange leben sie weiter in den Unterkünften – und ihre Akten liegen beim Verwaltungsgericht. In der Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gelten diese Fälle aber als abgeschlossene Verfahren.

Helferkreise planen Sternfahrt

Die aktuelle Abschiebepraxis wollen die bayerischen Helferkreise nicht länger hinnehmen. Sie planen am 4. März eine Sternfahrt nach München. Auch ein Gespräch mit Joachim Herrmann war bereits in Planung. Gestern hat Organisator Jost Herrmann die Absage des Ministers bekommen. Die Begründung: Er habe keine Zeit für das Gespräch. Nicht nur der Weilheimer ärgert sich maßlos. Er sagt: „Die Sternfahrt wird dadurch noch wichtiger.“ Dass nicht nur er das so sieht, beweisen die Anmeldungen: Mehr als 75 Helferkreise aus ganz Bayern wollen teilnehmen.

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