Hüfte, Schenkel, Knie sind am anfälligsten für Behandlungsfehler. Das gilt für Deutschland, wie diese Grafik zeigt, genauso wie für Bayern.

Interview

Behandlungsfehler: Wenn Ärzte überfordert sind

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München – Ein falsch operiertes Knie, ein versehentlich durchtrennter Nerv. Im Medizin-Alltag sind solche Behandlungsfehler nicht auszuschließen.

Bayernweit gab es nach Angaben der Landesärztekammer 2013 gut 360 Fälle, etwa so viel wie im Jahr davor. Wir haben mit Dr. Wolfgang Rechl, Internist und Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer, über mögliche Ursachen und nötige Konsequenzen gesprochen.

Herr Rechl, im vergangenen Jahr gab es rund 360 Behandlungsfehler in Bayern. Viele, in Ihren Augen?

Jeder Fehler, der auftritt, ist einer zu viel. Also, ja, es sind viele. Allerdings haben wir in Bayern jährlich rund 100 Millionen Behandlungen, von Kleinsteingriffen bis zu Herzoperationen. Eine unheimliche Zahl. Und wenn man das in Relation sieht, ist die Zahl der Behandlungsfehler statistisch unheimlich niedrig.

Die Zahl der Patienten-Beschwerden in Bayern ist kaum gestiegen. 2013 gab es genau 1252, nur fünf mehr als im Vorjahr.

Eine Ausnahme. Im Jahr davor war das noch anders. Da waren es auf einmal zehn Prozent mehr. Von knapp 1000 ging es da auf 1247. Die Jahre vorher hatten wir auch leichte Steigerungen.

Werden die Leute also empfindlicher?

Die gesetzlichen Krankenkassen bieten ihren Patienten ja neuerdings an, sie bei Behandlungsfehlern zu beraten. Man könnte vermuten, dass das ein Grund ist und der Patient sagt: Die Versicherung hat recht, da werde ich mal einen Gutachter aufsuchen. Grundsätzlich glaube ich nicht unbedingt, dass ein aggressiveres Beschwerde-Verhalten der Patienten schuld ist, sondern die Tatsache, dass wir immer mehr Behandlungen haben und dadurch natürlich auch immer mehr Fehler passieren können.

Wo passieren denn die meisten Fehler?

Es gibt eine Mehrung der Fälle in der Unfallchirurgie und Orthopädie. Also etwa beim Einsetzen von Hüft- und Kniegelenken, was ja heute sehr häufig ist. Neben den vermeidbaren, aber nachvollziehbaren Fehlern, bei denen etwa unabsichtlich ein Nerv durchtrennt wird, haben wir auch solche, wo ein Tupfer oder ein Instrument versehentlich im Körper vergessen wird. Das sind aber plakative Beispiele, die nicht typisch sind. Das kann man nicht in eine Schublade stecken.

Bundesweit gab es 77 Tote Durch Behandlungsfehlern. Und in Bayern?

Da gab es natürlich auch welche. Aber genaue Zahlen kenne ich nicht.

Ist ein Behandlungsfehler gleich Ärztepfusch?

Das ist nun wirklich ein wunder Punkt. Zu Pfusch gehört auch immer eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen. Bei Behandlungsfehlern trifft der Arzt im Moment eine falsche Entscheidung, aufgrund der zeitlichen oder situativen Überforderung zum Beispiel. Aber das ist noch lange kein Pfusch, der eventuell vorsätzlich gemacht wird, durch Unwissenheit oder grobes Fehlverhalten. Das lässt sich bei den Behandlungsfehlern oft nicht feststellen. Man kann meist nur sagen: Diese Entscheidung war falsch.

Sind es die Arbeitsbedingungen, die die Ärzte Fehler machen lassen?

Wo man etwas tut, entstehen einfach Fehler. Ich bin da relativ unemotional, das ist so. Aber wir suchen nach den Ursachen und tun eine ganze Menge, um diese Quote möglichst gegen Null zu drücken. Zum Beispiel können Ärzte beinahe begangene Fehler anonym bei uns melden. Die fließen dann in Fortbildungsprogramme ein.

Sie sprechen von 360, der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen in Bayern von 900 Behandlungsfehlern. Wo kommt die Differenz her?

Das sind in der Regel ganz andere Fälle als unsere, weil sich nicht die Patienten beschweren, sondern die Kassen selbst. Die Fälle müsste man theoretisch also noch zu unseren addieren. Allerdings muss man sagen, dass bei den MDK-Statistiken etwa zahnärztliche Behandlungen dabei sind. Die tauchen bei uns nicht auf. Bundesweit ist es übrigens so, dass die Zahl der Beschwerden beim MDK gestiegen, die der anerkannten Fehler aber gesunken ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Krankenkassen ihre Patienten neuerdings bei Behandlungsfehlern beraten. Das ist die Kehrseite der Medaille. Ich will das aber nicht kritisieren.

Gibt es eine Dunkelziffer der Behandlungsfehler?

Die gibt es sicher. Aber eine Zahl zu nennen, ist ganz schwierig. Ich kenne keine.

Wie lassen sich Fehler vermeiden?

Wir arbeiten die Fehler-Zahlen schon jetzt in Fortbildungs-Konzepte für die Ärzte mit ein. In manchen Bereichen sind aber die Umstände durch zeitliche Engpässe und die Personalsituation schwierig. Das heißt: Es braucht mehr Personal, insbesondere in den Krankenhäusern.

Interview: Marcus Mäckler

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