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Drittklässler mit und ohne Behinderung nehmen gemeinsam am Unterricht in der Theodor Eckert Grundschule in Deggendorf teil

Experimentierfeld in Bayern

Behinderte Schüler in reguläre Klassen?

Regensburg - Menschenrechtler fordern sie, Politiker wollen sie, Schulen sollen sie einführen: Die Inklusion von behinderten Kindern in die Regelschule. In Bayern ist das aber ein großes Experimentierfeld.

Bei Tobi und Andi hat die Inklusion geklappt. Die beiden Buben leiden unter dem Down-Syndrom und lernen seit drei Jahren gemeinsam mit nicht behinderten Kindern der Klasse 4b in der Grundschule Johann-Michael-Sailer in Barbing bei Regensburg. Andi lässt sich dabei im Unterricht gerne von seinen weiblichen Klassenkameradinnen helfen und ist bei diesen sehr beliebt. Ihm fällt das Rechnen leichter als das Lesen. Tobi dagegen kommt besser mit den Jungs der Klasse zurecht. Bei ihm klappt es besser mit dem Lesen und Schreiben.

„Tobi und Andi schauen sich viel von ihren Klassenkameraden ab und können deshalb mehr als viele andere Kinder mit Down-Syndrom in ihrem Alter“, erzählt Klassenlehrerin Margarete Gatt-Bouchouareb. Andi und Tobi können Lesen und Schreiben, auch das Rechnen bis 100 fällt ihnen nicht schwer. Früher hätten sich die Klassenkameraden zwar noch darüber lustig gemacht, wenn Andi oder Tobi im Unterricht gerülpst oder geschrien haben. Jetzt fällt das niemanden mehr auf. Das Zusammenleben und -lernen zwischen behinderten Kindern und nicht Behinderten ist normal geworden. Beide Seiten profitieren von dem gemeinsamen Unterricht: Die Inklusionskinder lernten durch Nachahmung der nicht behinderten Schüler schneller Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Kinder ohne Handicap lernten dagegen, Unterschiede bei anderen Menschen zu akzeptieren und Schwächeren zu helfen.

Die Grundschule Johann-Michael-Sailer in Barbing ist eine von 125 Regelschulen mit dem Schulprofil Inklusion. Das heißt, dass hier behinderte Kinder in die normale Klasse eingebunden werden. Immer mehr Schulen in Bayern setzen die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 um. Danach soll jedes behinderte Kind in die Regelschule gehen dürfen. Laut dem Bayerischen Kultusministerium machen das in Bayern schon ein Viertel (25,7 Prozent) der Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf. Im Vergleich mit anderen Bundesländern befindet sich Bayern damit im unteren Mittelfeld.

„Soweit es die Ausrüstung erlaubt, können bei uns alle in die Schule gehen, egal ob ein Kind blind, taub, geistig oder körperlich behindert ist“, erklärt Schulleiter Karl Appl. In seinen insgesamt zehn Klassen hat er 17 sogenannte Inklusionskinder, also Kinder mit Handicap. Für die besondere Förderung der Inklusionskinder stehen ihm in der Woche 41 zusätzliche Lehrerstunden zu. Hierfür kommen zwei Sonderpädagoginnen und eine Förderlehrerin für bestimmte Stunden in seine Klassen.

Für die Inklusionsklassen gibt es aber keine Klassenhöchstgrenze. „Letztes Jahr hatten wir in unseren ersten Klassen jeweils 28 Schüler. Dabei waren in einer Klasse mehrere Kinder mit geistiger Behinderung“, erläutert Appl. Da es aber nur zwei bis drei besondere Förderstunden für diese Inklusionskinder gab, sei die Klassenlehrerin die meiste Zeit alleine in der Klasse gewesen. „Da war sie wirklich am Ende ihrer Kräfte“, betont der Schulleiter. In diesem Schuljahr habe sich das verbessert. Die Schülerzahlen seien so gestiegen, dass die Klassen geteilt werden konnten.

Eine andere Variante der Inklusion hat die Förderschule St. Notker in Deggendorf gewählt. Die Schule hat schon seit vier Jahren eine Kooperation mit der Grundschule Theodor-Eckert. „Bei uns gibt es sogenannte Partnerklassen. Das heißt, dass gehandicapte Kinder aus meiner Schule gemeinsam mit Kindern der Grundschule unterrichtet werden. Das funktioniert super“, sagt Schulleiterin Monika Herold-Walther. Seit zwei Jahren kommen die Grundschüler sogar in die Förderschule, um dort unterrichtet zu werden. Bisher gibt es nach Informationen des Bayerischen Kultusministeriums in ganz Bayern erst zehn solcher Förderschulen mit Partnerklassen.

Die Kooperation mit der Grundschule bringt eine bessere Personalausstattung mit sich. In den Partnerklassen sind immer zwei Lehrkräfte anwesend, eine Grundschullehrerin und eine Förderschullehrerin. Dazu kommen noch Schulbegleiter für die behinderten Kinder und eine Kinderpflegerin.

Auch die nicht behinderten Kinder profitieren von dieser umfassenden pädagogischen Betreuung. „Unsere Tochter Yolanda war noch nicht fünf Jahre alt, als wir sie eingeschult haben. Geistig war sie schon sehr weit, aber im motorischen und sozialen Bereich hatte sie noch Schwierigkeiten. In der Inklusionsklasse wurde sie aber in diesen Bereichen besonders gefördert. Da ist einfach viel mehr Personal da, das sich individuell um die Kinder kümmern kann“, erzählt Sabine Buske. Ihre Tochter habe sich in der Partnerklasse schnell zu einer der begabtesten Schülerinnen entwickelt. Deshalb haben die Buskes auch ihren Sohn in eine Partnerklasse der Förderschule St. Notker eingeschult.

Die Deggendorfer Zusammenarbeit entstand in einem Gespräch zwischen den Schulleiterinnen der Förderschule und der Grundschule. Eine formelle Vorbereitung auf ihre jetzige Arbeit habe es nicht gegeben, sagt Michaela Tutsch, Förderschullehrerin. Eine kurze theoretische Integrationswoche im Referendariat, zwei Tage Fortbildung bei einer Grundschullehrerin. Mit viel Abstimmung neben dem Unterricht und gemeinsamen Improvisieren bekommen die Lehrer den Spagat hin. Das geht aber nur, weil sie außergewöhnlich motiviert sind, viel persönliche Zeit einbringen und gerne miteinander arbeiten. So bedeutet die Inklusion in Bayern: Kampf um kleinere Klassen und Improvisieren.

dpa

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