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Berchtesgadener Land

Zu verkaufen: Ein Stück vom Paradies

Der Thumsee ist ein traumhaftes Stück Oberbayern und ein beliebtes Ausflugsziel bei Bad Reichenhall. Trotzdem will ihn sein Besitzer, ein Münchner, loswerden. Samt Wirtshaus. Der Preis: 5,1 Millionen Euro.

Bad Reichenhall – Es ist jetzt genug für Thomas Schmid. Nicht überall, aber hier schon. Der 51-Jährige tigert über das Parkett des Seewirts am Thumsee im Berchtesgadener Land. Draußen liegt das Wasser in Ruhe und in Türkis-Blau, viele kommen zur Entspannung her, aber im Saal oben im Gasthaus läuft Schmid unermüdlich auf und ab. Vor fünf Jahren hat der Münchner Betriebswirt das Gebäude gekauft, im Jahr darauf den See. Nun will er beides wieder loswerden. Die Zukunft des beliebten Ausflugsziels ist damit offen – und dahinter steht die Geschichte eines Getriebenen.

„Ich hab’ die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass es hier weitergeht“, sagt Thomas Schmid. Seine Arme hat er vor dem schmalen Körper verschränkt, sein Jackett schiebt sich über den Schultern nach oben, es ist eines von altem Schnitt. Noch immer läuft er auf und ab, vor den Fenstern zum See hinaus. Er will verkaufen. „Wenn das jetzt nicht funktioniert“ – Thomas Schmid atmet in einem hörbaren Stoß aus und streicht sich die ergrauenden Haare aus der Stirn – „dann überleg’ ich mir was anderes.“ Nur eines scheint klar: Welche Lösung auch immer er für den paradiesisch schönen Thumsee findet, mit ihm soll sie nichts mehr zu tun haben.

Ein Stück Oberbayern für 5,1 Millionen Euro

Für 5,1 Millionen Euro bietet sein Makler dieses Stück Oberbayern feil: das denkmalgeschützte Lokal, gebaut 1873, Wald auf rund 56 000 Quadratmetern und natürlich den See. Der misst noch mal 170 000 Quadratmeter. Wenn die Sonne scheint, kommen Menschen zum Baden, das ganze Jahr über wandern Besucher auf dem Rundweg um den See. Thomas Schmid kam schon als Kind hierher. Er kaufte den Thumsee damals, weil er ihm eine Chance geben wollte. Schließlich ist er für ihn verknüpft mit seiner Familie, mit Menschen, die ihm den Glauben an Chancen erst gaben. Jetzt will er den See verkaufen, weil er ihn daran erinnert, was Verlust bedeuten würde.

Über Jahre wuchs Schmid weniger bei seinen Eltern auf als bei Oma und Opa mütterlicherseits. Sein Großvater hatte in München ein Hotel und bei Salzburg ein Haus. Dort verbrachte Schmid oft seine Ferien, und dazu gehörten Besuche am nahen Thumsee. Denn auch dort lebte Familie: Von 1945 bis 1978 hatte der Bruder seiner Oma das Gasthaus gepachtet. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotos im Wintergarten des Seewirts ist die damals junge Frau zu sehen, in einem Ruderboot sitzend. Später kam auch Schmid an den See. Zum Schwimmen, Schlittschuhlaufen, Schabernack. Heute liegt für ihn ein Schatten über dem Ort.

Vor sieben Jahren fuhr er wieder einmal vorbei am Thumsee. Der Erinnerung wegen und weil es ein schöner Fleck ist, wäre nicht das heruntergekommene, verfallene Wirtshaus gewesen, das damals schon zwei Jahre leer stand. Den Anblick ertrug er nicht. Also kaufte er den Seewirt plus See für, wie er sagt, rund 2,5 Millionen Euro.

„Geh her, des hamma glei“

Wenn einer sagt, etwas geht nicht, dann gilt für Schmid: „Geh her, des hamma glei.“ So sagt er das über sich selbst und schiebt hinterdrein, er wolle sich nicht selbst beweihräuchern. Wer lang fragt, geht lang irr, das war ein Leitspruch seines Opas. Am Gasthaus übte Schmid dieses Prinzip ausführlich. Drei bis fünf Mal pro Woche fuhr er viele Monate lang von München an den Thumsee. Weitere zwei Millionen Euro steckte er in die Renovierung. „Wenn ich nicht da bin, kostet’s drei Millionen mehr“, sagt er. „Das habe ich vom Opa gelernt: Du musst die ganze Zeit dabei sein, nicht mal zur Brotzeit darfst du weggehen.“

Überhaupt, der Großvater. Bei dem habe sich immer etwas rühren müssen, erzählt Schmid, der habe in München ein Hotel aufgebaut, obwohl er davon nichts verstanden habe. Das Hotel übernahm Schmid mit seiner Mutter Anfang der 80er, da war er 16, das Gebäude besitzt er noch heute. Drei Hotelhäuser nennt er sein Eigentum, bald soll ein viertes her, sagt Schmid. 200 Betten mit vier Sternen, das ist das Ziel. Dabei klingt er wie einer auf den letzten Kilometern eines Marathons. Und auch jetzt geht ihm, vor lauter Erzählen und Hin- und Herlaufen, der Atem ein wenig schwerer. Er ist ein Rastloser, der mit der Zunge schnalzt beim Sprechen und die Finger zackig streckt. Er hält sich weiter an den Opa, der schon lange tot ist: aufs Ziel konzentrieren, nicht auf die Zeit. Bis zum nächsten Ziel.

Am Thumsee sieht Schmid seine Aufgabe erfüllt. Die Wirte wechselten oft, das Geschäft ist abhängig vom Wetter. Mit Gerhard Haberl, genannt Bobby, hat Schmid nun einen gefunden, der gerne bleibt. „Aber zu jedem neuen Besitzer geh’ ich ned“, sagt der 51 Jahre alte Österreicher und lacht. „Wenn das einer ist, der mir sagt, was ich tun soll – dann viel Freude.“ Seit etwas mehr als einem Jahr betreibt er das Restaurant, es kommen inzwischen Gäste aus Salzburg, und er will es so weit bringen, dass auch an grauen Wochenenden alle Tische belegt sind und die Leute sogar reservieren. Das dauere ein paar Jahre. „Der Platz hat auf jeden Fall was“, sagt Haberl. Eine gewisse Ruhe.

Für die Reichenhaller ist der saubere See deshalb etwas Besonderes. Wenn sich mit einem neuen Eigentümer nichts ändert, sagen sie, mache ihnen der Wechsel nichts aus. Die Stadt hat Zugänge gepachtet, diese Verträge bleiben der Verwaltung zufolge unberührt. Auch der Rundweg bleibe, egal, wem der See gehöre. Und wer dort im Landschaftsschutzgebiet ein neues Gebäude bauen wollte, bräuchte die Erlaubnis des Landratsamtes Berchtesgadener Land. Dass es dazu nicht kommt, darauf verlassen sich viele Bürger, zum Beispiel Stefan Eigenhauser. „Es ist wichtig, dass es bleibt, wie es ist, der Thumsee ist ein traumhafter Badesee“, sagt er. Seine Familie mietet am See ein Fach für Badeliegen. Zwei Hotels gibt es schon dort oben, ein drittes könne er sich nicht vorstellen. Aber es sei toll, wie Schmid den Seewirt wieder instand gesetzt habe.

Warum behält Schmid den Thumsee also nicht, wenn es endlich ganz gut läuft? Für ihn strahlt der Thumsee keine Ruhe mehr aus. Nachdem er den Seewirt kaufte, brannte das Dach, später überschwemmte ein Hochwasser das Anwesen. Und dann ist da der persönliche Grund, auf den auch der Makler immer vage verweist.

Eine schwere Krankheit haute zur Zeit der Renovierung einen Menschen um, dem Thomas Schmid sehr nahe steht. Er saß damals auf der Baustelle, er schaute, dass alles läuft, schließlich ist er der Enkel seines Opas. Aber er saß da in der Ungewissheit, ob der nächste Anruf die Nachricht von Leben oder Tod bringt. In der Ungewissheit auch, ob der Anruf ihn überhaupt erreicht. Das Handynetz im Tal zwischen den bewaldeten Hängen ist nicht verlässlich. Oft fuhr er weg von der Baustelle, hin zu dem Menschen, der ums Überleben kämpfte. Das Leben hat gesiegt, aber die Zerrissenheit aus dieser Zeit überschattet den Ort für Thomas Schmid.

Außerdem habe er Verluste gemacht mit dem Thumsee, sagt Schmid, bis zu zwei Millionen Euro. Falls er die Hoffnung hatte, dass er ihn auch finanziell zum Blühen bringt – heute zählt sie nicht mehr. Ihm sei von vornherein klar gewesen, dass er den Ort wieder abgeben würde, sagt Schmid. Nach den Jahren voller Härten für ihn drängt der Abschied jetzt. Was mit den Fotos von seiner Oma passiert, wenn sich ein Käufer findet, darüber hat sich Schmid noch keine Gedanken gemacht. Er ist froh, wenn er gleich wieder in sein kilometermüdes Auto steigen kann. „Dann verlasse ich diesen Ort jetzt wieder.“

Sophie Rohrmeier

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