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Der gespaltene Hochvogel im Allgäu - Der Berg, der singt und im Notfall eine SMS schreibt

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Von: Lisa Fischer

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Den „Hochvogel“ im Oberallgäu durchzieht ein dreißig Meter langer und fünf Meter breiter Riss. Die südliche Seite des Gipfels roht mit der Zeit abzustürzen
Den „Hochvogel“ im Oberallgäu durchzieht ein dreißig Meter langer und fünf Meter breiter Riss. Die südliche Seite des Gipfels droht mit der Zeit abzustürzen. © ANDREAS DIETRICH/TU MÜNCHEN

Der gespaltene Berg Hochvogel ist für Wissenschaftler aus München besonders spannend. Denn neue Untersuchungen zeigen: Der Berg gibt Töne von sich - und verschickt im Notfall Nachrichten.

Oberstdorf – Dieser Berg ruft nicht – er singt und schickt Textnachrichten auf das Handy. Erhält Professor Michael Krautblatter eine solche SMS mit dem Absender „Hans Hochvogel“, schrillen bei ihm die Alarmglocken. Denn das bedeutet: Der 2592 Meter hohe Hochvogel bei Oberstdorf im Oberallgäu droht abzubrechen.

Der Hochvogel tippt die Textnachrichten natürlich nicht selbst. Ausgesendet werden sie von den Systemen, die Krautblatter und sein Team hoch oben auf dem Gipfel installiert haben. Bewegt sich das Gestein auffallend schnell, aktiviert ein Gerät den SMS-Versand.

Berg Hochvogel schickt im Notfall den Forschern sogar eine Nachricht aufs Handy

Wissenschaftler führen auf dem Hochvogel schon seit Jahren Messungen durch. Der Berg ist für sie ein ganz besonderer. Sein Gipfel ist von einem großen Spalt durchzogen. Risse im Fels kommen in der Natur zwar häufig vor, können aber gefährlich enden. „Der Spalt im Hochvogel wird jedes Jahr um drei bis vier Zentimeter breiter“, erklärt Michael Krautblatter, Leiter des Fachgebiets Hangbewegungen an der TU München. Das hat zur Folge, dass in naher Zukunft schätzungsweise mehr als 260.000 Kubikmeter Fels abbrechen können (wir berichteten).

Davor möchte Krautblatter rechtzeitig warnen. Am besten bis zu einer Woche im Voraus, damit Straßen- und Wanderwege gesperrt werden können. Seit 2018 beobachtet der Geologe mit mehreren geotechnischen Geräten millimeterweise Bewegungen des Hochvogel-Gipfels. „Die Systeme messen auf das Hundertstel genau und schicken jede Stunde ein Update“, berichtet Krautblatter.

Bisher haben die Forscher festgestellt, dass der Fels vor allem nach einer starken Regenperiode an Beschleunigung aufnimmt. Die Spannung, die im Gestein herrscht, nimmt plötzlich zu, worauf die gemessene Frequenz beispielsweise von 26 auf 29 Hertz steigt. „Wir werden aufmerksam, wenn er danach nicht mehr abbremst“, sagt Krautblatter. Denn wenn sich die Bewegungen nicht verlangsamen, könnte der Felsbrocken sehr bald abbrechen. Deshalb soll eine SMS von „Hans Hochvogel“ die Wissenschaftler schnellstmöglich warnen.

Oberstdorf: Hochvogel lässt manchmal Melodie erklingen - Dabei wird es ziemlich intim

Doch der Berg auf der Grenze zwischen Bayern und Tirol kann nicht nur Nachrichten schreiben, er singt obendrein eine ganz eigene Melodie. Die Bewegungen im Hochvogel werden durch Risse und Brüche in seinem Berginneren ausgelöst. Diese wiederum erzeugen Töne, die die seismischen Messgeräte auf dem Hochvogel aufzeichnen.

„Es ist ein tiefes, dumpfes Knacken“, beschreibt Krautblatter das Geräusch. Es dauert nur ein paar Sekunden lang. Das menschliche Gehör kann das zwar nicht wahrnehmen. „Doch einmal, als wir oben auf dem Berg waren, haben wir einen Bruch unter unseren Füßen spüren können.“ Mal geht das fünf Tage lang so und es entsteht eine Art Melodie, die die Geräte aufzeichnen. Dann verstummt der Berg wieder.

Etwas intim wird es dabei schon: „Der Hochvogel verrät mit seinen Tönen relativ viel über sein Inneres“, sagt Michael Krautblatter. Zum Beispiel, wie groß ein Felsbrocken ist, ob er an- oder durchgerissen ist. „Wir versuchen seine Sprache zu verstehen.“ Durch die Messungen gelinge das immer besser.

Das erste Projekt der TU München auf dem Hochvogel lief ab 2018. Seit Dezember untersucht das Forscherteam nun in einer dreijährigen Studie die Zuverlässigkeit und das Potenzial der Frühwarnsysteme für Naturgefahren. Dabei werden nicht nur am Hochvogel, sondern auch im Zillertal und in den Ötztaler Alpen Forschungen zu Hangbewegungen durchgeführt.

„Bergsteiger kommen aktuell von bayerischer Seite aus gefahrlos bis zum Gipfelkreuz“, sagt Krautblatter. Wer in seiner Freizeit den Hochvogel besteigt, bekommt zwar weder eine SMS, noch kann er den Allgäuer Berg summen und brummen hören. Oben angekommen werden Bergsteiger jedoch mit einem spektakulären Blick auf den bis zu 80 Meter tiefen Felsspalt belohnt. *Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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