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Dunkel-drohend, schaurig-schön: die Falkenhütte im Karwendel.

„Dark Mountains“: Projekt von Bernd Ritschel

Für solche Motive riskierte der Fotograf sein Leben

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Bergfotograf Bernd Ritschel hatte genug vom Postkarten-Kitsch, von grünen Wiesen und blauem Himmel. Darum fokussierte er die dunkle Seite der Berge. Für manch düstere Aufnahmen riskierte er sein Leben. Unterwegs mit einem, der für ein einziges Motiv auch mal neun Tage im Auto schläft.

KochelErst ist es ein Bitzeln auf der Haut, die Haare stellen sich auf. Dann beginnt der Körper zu beben. Er vibriert und krampft wie bei einem epileptischen Anfall – nur fünfmal so stark. „Und am Ende“, sagt Bernd Ritschel, „tut es nur noch unglaublich weh.“ Er wird diese Blitzeinschläge in den Schweizer Alpen nie vergessen.

Bernd Ritschel, 43, aus Kochel am See (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), ist einer, der das Kamerastativ aufbaut, wenn andere es einpacken. Donner ist sein Aufbruchsignal, Sturm sein Motivationskick – und jetzt treibt ihn die Dunkelheit in die Berge.

Der Herzogstand an einem Freitagabend, kurz vor 21 Uhr. Auf dem 1731-Meter-Gipfel ist es dämmrig, Bernd Ritschel hat die Stirnlampe aufgesetzt und die graue Lockenmähne mit einem Stirnband gezähmt. Er will zeigen, warum er die Berge am liebsten so fotografiert, wie sie nur wenige kennen. Warum ihn ihre dunkle, manchmal auch gefährliche Seite so fasziniert.

„Dark Mountains“, so heißt sein aktueller Bildband, für den er zwei Jahre lang durch Venezuela, Patagonien, Norwegen oder ins Death-Valley der USA gereist ist. Ritschel hat die vulkanischen Hügel von Landmannalaugar in Island fotografiert, deren weiche Kontraste den Farben des Erdballs gleichen. Aber er hat auch die Bayerischen Alpen ins düstere Licht gerückt: die Falkenhütte vor den mit Nebel drohenden Lalidererwänden, der aufgehende Mond über dem Kamm der Benediktenwand.

Für das Foto an einem Fjord auf den Lofoten harrte Bernd Ritschel neun Tage an Ort und Stelle aus - bis die Stimmung und das Licht passten.

Für seine Bilder ist er bereit, sein Leben zu riskieren. Damals, am Mönch, einem Viertausender neben dem berühmten Eiger, balanciert er am Seil über einen schmalen Grat. Kurz vor dem Gipfel. Die Situation ist für den Profi Routine – doch plötzlich wird sie zum schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Denn die nahe Gewitterzelle hält sich nicht an Vorhersagen, sondern rast unerwartet auf Ritschel und seine Begleiter zu. Er klammert sich ans Seil, wirft sich bei jedem Blitz auf den Boden – möglichst kurz bevor sich die Naturgewalten nur wenige Meter von ihm entfernt entladen. Auf und ab, immer wieder. Zwischen den Einschlägen rennt er um sein Leben, runter vom gefährlichen Grat. Bernd Ritschel erinnert sich: „Da laufen Mechanismen ab, die dich schützen.“ Seine Erfahrung rettet ihm das Leben.

Schon als Teenager klettert er zwei ganze Sommer lang in Chamonix, mit gerade mal 18 Jahren bezwingt er seinen ersten Sechstausender in Peru. Seine Bilanz bis heute: 98 große Fernreisen in 68 Länder der Erde. Aber auch: drei Bandscheibenvorfälle.

Warten auf das beste Licht: Bernd Ritschel braucht Geduld in seinen Job.

Auf dem Herzogstand-Gipfel ist der Himmel in dieser Nacht so klar, dass sogar die Münchner Allianz Arena als roter Punkt am Horizont erscheint. Die letzten Minuten des Sonnenuntergangs zaubern ein orangefarbenes Licht hervor. Fast ein bisschen viel Kitsch für einen, der es am liebsten düster mag. Bernd Ritschel strebt nach wahren Bildern – „so wie ich die Berge erlebe“, sagt er. „Von fünf Tagen ist maximal einer schön.“ Heute ist wohl ausgerechnet der eine gute Tag. Zu Tal breitet sich ein Teil des Walchensees aus wie eine tiefschwarze Fledermaus. Wie Batman. Immerhin ein bisschen Düsterkeit.

Bernd Ritschel baut sein Stativ auf und zielt mit seiner Kamera Richtung Staffelsee und Riegsee, Lichter der Autos und die Ortschaften glitzern in der Ferne. Dann dreht er sich um. Alles schwarz, in der Gegenrichtung regiert Dunkelheit. Mit viel Mühe erkennt das menschliche Auge Umrisse des Jochbergs. Die feinen Sensoren von Ritschels kleiner Digitalkamera sehen mehr: Sie zeichnen die Details der Wälder, jedes einzelne Schneefeld und unzählige Sterne.

Früher hat Bernd Ritschel vor allem die helle Seite der Berge fotografiert. Grüne Wiesen, blauer Himmel, sonnenüberflutete Gipfel – alles kräftig aufpoliert mit Photoshop: „In Bergmagazinen ist 98 Prozent Schönwetter-Fotografie. Das verkauft sich einfach besser“, sagt er. Jahrelang lebte er selbst vom „Postkarten-Kitsch“, fotografierte Sonnenuntergänge für Zeitschriften, Tourismusverbände und Werbeagenturen, um seine Frau und die heute 14-jährige Tochter zu ernähren. Er schleppte Kameras in die Traumlandschaften Spaniens und Portugals und komponierte genau jene Motive, die sich irgendein Art-Direktor am Schreibtisch ausgedacht hatte. Der immergleiche Hochglanz. Irgendwann hatte er genug.

„Dark Mountains“ – das ist „ein Liebhaber-Projekt“. Dafür hat er auch „unschöne Dinge“ abgelichtet. Die Gletscher sterben – und Bernd Ritschel hält voll drauf. Sein Lieblingsfoto zeigt die Grandes Jorasses, eine Bergkette im Mont-Blanc-Massiv. Vorne ziehen sich die verkümmerten Reste grauer Eismassen zurück, dahinter flammt der dunkelgelbe Himmel wie ein Feuer auf. Bernd Ritschel sagt: „In diesem Bild lebt für mich ,The dark side of the mountains‘.“

So hätte er sein Buch am liebsten getauft, bevor der Verlag den knapperen Titel durchsetzte. Mit einem guten Freund war er vor Jahren zu einer Skitour im Karwendel unterwegs. Im Auto lief eine seiner Lieblings-CDs, „The dark side of the moon“ von Pink Floyd. Dann zogen dunkle Wolken über den Bergen auf. Und Bernd Ritschel hatte die Idee für das Projekt.

Bei der Nachtwanderung am Herzogstand schießt er in fünf Minuten Fotos, die sich so mancher ins Wohnzimmer hängen würde. Für die „Dark-Mountains“-Aufnahmen brauchte der Fotograf vor allem Geduld. Neun Tage schlief, kochte und wartete er in einem Leihwagen – für ein einziges Bild von einem Felsen am Djupfjord auf den Lofoten, einer Inselgruppe vor Norwegen. Diese einsamen Novembertage, sie haben ihm Frieden geschenkt, sagt Ritschel. „Du entwickelst eine Ehrfurcht vor der Natur. Diese Energie, diese Momente prägst du dir ein.“ Der Mann, den viele Steinschläge trafen und den eine Lawine in eine Gletscherspalte riss, liebt die Natur vor allem wenn sie launisch ist. Anderen wurde das zum Verhängnis. Bernd Ritschel denkt oft zurück an seine Kindheit in Wolfratshausen, wie er auf die Bäume im Bergwald kletterte. Und an die Bergsteiger-Freunde seiner Jugend. Das macht ihm immer wieder bewusst, welches Risiko er bei seinen Expeditionen eingeht. Nicht einmal die Hälfte seiner damaligen Begleiter lebt noch.

Der Bildband „Dark Mountains“ von Bernd Ritschel erschien im National Geographic Verlag, umfasst 224 Seiten und kostet 59 Euro.

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