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Fernsicht statt Fernsehen: das Rotwandhaus hoch über dem Spitzingsee.

Nach Post von der Beitragszentrale

Berghütten sollen TV-Gebühren zahlen

München - In den Schlafräumen der Berghütten gibt es weder Waschbecken noch Steckdosen – aber jetzt sollen sie für mögliche Fernseher zahlen. Der Alpenverein wehrt sich.

Die bayerischen Hüttenwirte sind aufgeschreckt: Der Pächter des Rotwandhauses, Peter Weihrer, hat vom „Beitragsservice ARD ZDF Deutschlandradio“ – früher bekannt als GEZ – unerfreuliche Post bekommen: Gut 5500 Euro Rundfunkbeitrag soll er nachzahlen, dazu künftig happige Monatsbeiträge. Jetzt geht die Furcht um unter allen Hütten. Dabei werfen sich skurrile Fragen auf: Warum für Fernsehen zahlen, wenn es in den Schlafräumen nicht mal Steckdosen gibt? Und: Ist ein Matratzenlager wirklich das gleiche wie ein Hotelzimmer?

„Da hat’s mich erstmal auf den A... gehauen, als ich das gelesen hab“, sagt Weihrer. Er hat das Schreiben dem DAV übergeben, „der soll sich drum kümmern“. Das tut der Alpenverein auch, sagt sein Sprecher Thomas Bucher. 263,56 Euro soll das Rotwandhaus pro Monat zahlen, rückwirkend seit 1. Januar 2013. Die seitdem gültige Rechtslage sieht vor, dass ein Betrieb unter acht Beschäftigten 5,99 Euro pro Monat zahlt, zuzüglich 5,99 Euro pro Gastzimmer. Beim Bescheid für das Rotwandhaus hat die Gebührenzentrale offenkundig jede einzelne der 43 Übernachtungsmöglichkeiten als „Zimmer“ gezählt, so Bucher – dabei handelt es sich bei den meisten um Matratzen-Lager.

Dass eine Matratze kein Zimmer ist, ließe sich mit der Behörde vielleicht noch klären. Aber die Hüttenwirte und der DAV wenden sich auch grundsätzlich gegen das Ansinnen, dass die Berghütten bei den Gebühren so behandelt werden wie kommerzielle Stadthotels. Der DAV hat generell einen Antrag auf Beitragsbefreiung für Schutzhütten gestellt. Die Gebührenzentrale sagt dazu: „Das Thema ist in der Klärung.“

Nicht nur das Rotwandhaus hat Post bekommen, sondern auch andere Hütten in den bayerischen Alpen. „Der Rücklauf ist noch nicht abgeschlossen, weil die Wirte halt jetzt alle oben sind und Hochsaison haben, aber es sind schon einige“, berichtet der Alpenvereinssprecher. Sie sollen wie jedes Hotel im Tal pro Zimmer zur Kasse gebeten werden: Es könnte ja drinnen ferngesehen werden.

„Das ist doch dermaßen lebensfern!“, ärgert sich Bucher. „Wir sind eben keine Hotels! Bei uns sind die Unterkünfte extra einfach. Wir haben ja noch nicht mal Waschgelegenheiten in den Zimmern.“ „Und keine Steckdosen“, sagt Rotwandhaus-Wirt Weihrer. Fernsehen ist auf Hütten nach den DAV-Statuten sogar untersagt: Damit einmal die Natur im Vordergrund steht – Fernsicht statt Fernsehen.

Mit diesem Argument hätten die Hütten wenig Chancen, sich gegen Beiträge zu wehren, mutmaßt Jürgen Benad, Jurist des Hotel- und Gaststättenverbandes: „Da haben schon einige Mitgliedsunternehmen vergeblich geklagt, bei denen Fernsehen strikt verboten ist.“ Das sei dem Gesetzgeber völlig egal. Bessere Aussichten habe nach der Standpunkt, dass eine Hütte kein Hotel ist.

Das ist auch das Hauptargument des DAV: dass die Herbergen Schutzhütten sind und im Gebirge eine Funktion erfüllen. Davon abgesehen, dass das Übernachtungsgeschäft bei den meisten Hütten bei Preisen von acht Euro pro Nacht sowieso defizitär ist und nur von den einzelnen Sektionen finanziell und mit ehrenamtlicher Arbeit am Leben gehalten wird.

„Oh weh“, sagt eine Wirtin, als sie am Telefon vom Fall Rotwandhaus hört. „Das wär ja schrecklich! Im Moment zahlen wir ehrlich gesagt gar nichts.“ Andere Hüttenpächter zahlen derzeit pro Monat 17,98 Euro, das ist der Standard-Satz für jeden Haushalt, unabhängig von der Zahl der Geräte. An einer Aufstockung pro Zimmer hätten sie (beziehungsweise der DAV) ganz schön zu knabbern. Manchen Wirten ist das Treiben im Tal freilich eher egal. Einer sagt: „Naa, ich zahl’ nix. Der Radio läuft ja auch so gut wie nie.“

Anja Timmermann

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