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Eine Urne im Regal? Die Asche eines Verstorbenen in einem Fluss? In Bremen könnte das bald möglich sein – wenn heute das Landesparlament einer Gesetzesnovellierung zustimmt. Zieht Bayern vielleicht nach? Experten haben Zweifel.

Bestattungszwang: Pro & Kontra

Eine Urne für daheim?

München - Eine Urne im Regal? Die Asche eines Verstorbenen in einem Fluss? In Bremen könnte das bald möglich sein – wenn heute das Landesparlament einer Gesetzesnovellierung zustimmt. Zieht Bayern vielleicht nach? Experten haben Zweifel.

Jörg Freudensprung ist sicher kein Gegner alternativer Bestattungen. Im Gegenteil. Er weiß, dass es immer wieder Individualisten gebe, die sich etwas anderes wünschten als das klassische Grab auf einem Friedhof. Eine Naturbestattung etwa, zum Beispiel im Wald. Oder eine Seebestattung. Und das sei völlig in Ordnung, sagt Freudensprung, selbst Bestattermeister und Vize-Vorstand des Bestatterverbandes in Bayern. Er weiß aber auch, dass manche auf dumme Ideen kommen könnten, wenn der Bestattungszwang an sich wegfällt. Und das sei nicht mehr so in Ordnung.

Freudensprung will nicht den Teufel an die Wand malen. Aber: „Nehmen wir mal an, es ist kein Grab mehr nötig“, sagt er – rein formal. Und nehmen wir weiter an, dass ein Angehöriger sparen will. Ein Begräbnis kostet schließlich einiges, die Grabpflege danach auch. Und seitdem die gesetzlichen Krankenkassen kein Sterbegeld mehr zahlen, fällt die Rechnung noch höher aus. Jedenfalls könnte dieser Jemand auf die Idee kommen, die Oma lieber einäschern zu lassen und ihre Asche in einer Urne mit nach Hause zu nehmen – statt sie am Friedhof zu belassen, wie bisher üblich. Und diese Urne, die verstaubt dann im Bücherregal. Oder, noch übler, im Keller. Nur aus finanziellen Gründen. Mit Würde oder Moral habe das nichts mehr zu tun, sagt Freudensprung. Alternative Bestattungen hin oder her.

Freudensprungs Kritik ist sicher berechtigt. Aber es gibt auch ein starkes Gegenargument, das den Bestattungszwang zumindest in Frage stellt. Tatsache ist, dass viele Menschen einfach nicht bevormundet werden möchten, wenn es um eine persönliche Entscheidung geht. Und das ist eine Bestattung zweifelsohne. Warum soll die Urne mit ihren sterblichen Überresten nicht im Wohnzimmer stehen? Wie in den USA. Warum dürfen die nächsten Verwandten die Asche nicht an ihrem Lieblingsort verstreuen? Wie in der Schweiz. „Fast überall auf der Welt ist dies möglich. Nur in Deutschland gilt der Friedhofszwang für Urnen“, kritisiert Maike Schäfer. Sie ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft – die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen haben jetzt einen Antrag eingebracht, der das Bremer Bestattungsrecht novellieren soll. Das Landesparlament will heute darüber beraten. Geht alles glatt, könnte das kleinste Bundesland Vorreiter in Deutschland werden.

Nach dem Antrag von Rot-Grün sollen Angehörige eine Urne zwei Jahre lang zu Hause aufbewahren können. Dafür müsse dies zu Lebzeiten bekundet und – zeitgleich – eine Urnengrabstelle reserviert und finanziert worden sein. Weiter heißt es: Auf ausgewiesenen Friedhofsflächen soll die Asche ausgestreut werden dürfen. Zudem soll geprüft werden, auf welchen anderen Flächen dies gemacht werden kann. In Bremen könnte es eine Genehmigung für die Weser oder für einige Parks geben. Darauf zumindest hofft jetzt Vize-Fraktionschefin Schäfer.

Die oppositionelle CDU und die Bremische Evangelische Kirche (BEK) sehen das kritisch. Eine Urne im Wohnzimmer? Für CDU-Frau Elisabeth Motschmann undenkbar. Auch der stellvertretende Schriftführer der BEK, Pastor Bernd Kuschnerus, lehnt eine Aufhebung der Friedhofs- und Bestattungspflicht ab: „Es entspricht unserem christlichen Verständnis, die Totenwürde zu achten und die Hinterbliebenen zu trösten, indem wir sie bei Abschied und Trauer begleiten.“ Eine Urne im Wohnzimmer? „Das hat für mich nichts mit Würde zu tun.“ In Bayern sehen sie das ähnlich.

Thomas Multhaup, freier Theologe, ist zwar nicht kategorisch dagegen wie Pastor Kuschnerus – er weiß ja, dass es „eine ganze Reihe Hinterbliebener gibt, die sich das wünschen“, weil sie „den Verstorbenen weiter bei sich haben wollen“. Aber es gebe trotzdem ein großes Problem: „Steht die Urne in der Vitrine, hat nur der Hausbesitzer die Möglichkeit, vor ihr zu trauern.“ Andere Angehörige würden ausgeschlossen.“ Kurzum: „Die Trauer wird dadurch sehr privatisiert.“

Auch Bestattermeister Ralf Hanrieder aus Dachau weiß aus Erfahrung, dass für die meisten der Friedhof ein Ort der Trauer ist – und eben nicht das eigene Haus, wo die Urne dann vielleicht auf dem Fenstersims steht. Diese gewollte Nähe, sagt er, berge zudem eine Gefahr: nämlich die, dass Angehörige nicht mit dem Todesfall abschließen können. „Wenn ich mir vorstelle, dass die Urne meines Kindes bei mir im Wohnzimmer steht, dann ist diese Verbindung immer da. Klar, es wird stets eine Lücke bleiben. Aber irgendwann muss das Leben doch weitergehen“, sagt Hanrieder.

Theologe Multhaup erklärt: „Der Tod bedeutet eine große Herausforderung. Ich muss akzeptieren, dass ein Mensch nicht mehr da ist.“ Eine Urne ersetze diesen Menschen nicht. Multhaup könnte sich vorstellen, „dass die Trauer sogar noch erschwert wird, wenn die Urne in der Vitrine steht“. Beim Grab hingegen habe man eine räumliche Distanz. „Es wird deutlich: Der Verstorbene lebt nicht mehr bei mir.“

Bislang stellt sich diese Frage ohnehin nicht. Ausnahmen vom Bestattungszwang gibt es nur wenige in Bayern. Auf der Internetseite des zuständigen Sozialministeriums heißt es dazu: „Beisetzungen außerhalb von Friedhöfen sind nur (...) mit Genehmigung der zuständigen Kreisverwaltungsbehörde zulässig. Die Genehmigung kann aber nur erteilt werden, wenn ein wichtiger Grund dies rechtfertigt (...). Ferner muss der Bestattungsplatz den für Friedhöfe geltenden Anforderungen entsprechen (...).“ Und weiter: „Das Verstreuen der Aschenreste eines Verstorbenen auf seinem Grundstück kann unter diesen Voraussetzungen nicht durch eine Ausnahmegenehmigung ermöglicht werden.“

Kurzum: Der Spielraum ist klein. Auch Bestattermeister Freudensprung kennt nur wenige Ausnahmen. Einige reiche Leute, zum Teil Adlige, sagt er, hätten auf ihrem Grundstück eine Familiengruft. Unter bestimmten Auflagen sei es ihnen gelungen, den eigenen Garten quasi zum Friedhof zu machen.

Die meisten, davon ist nicht nur Freudensprung, sondern auch sein Dachauer Kollege, Bestattermeister Hanrieder, überzeugt, wollen ohnehin eine klassische Beisetzung – auf dem Friedhof. Hanrieder kennt kaum jemanden, der die Urne mit der Asche von einem Angehörigen nach Hause mitnehmen würde. „Ich glaube, dass viele zu sehr traditionell verwurzelt sind“, sagt er.

Aber, das räumt er dann doch ein: Die Zeiten ändern sich. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Bestattungspflicht in Bayern irgendwann fällt. „Die Generation, die jetzt zu uns kommt, ist noch die Generation der Großeltern“, sagt Hanrieder. Doch die Bedürfnisse der Angehörigen könnten individueller werden: Wenn etwa Menschen nicht wüssten, ob sie dauerhaft an einem Ort blieben, weil sie beruflich öfter die Stadt wechselten. „Dann möchten sie die verstorbenen Familienmitglieder vielleicht auch mitnehmen“, glaubt Hanrieder.

Wer längst weiß, dass er seine Lieben um sich haben will, muss allerdings schon jetzt nicht darauf verzichten. Das Bestattungsunternehmen Anternia wirbt mit einer Urne für zu Hause. Das Prinzip ist einfach: „Bis zur Einäscherung in Deutschland übernehmen wir alles“, sagt ein Sprecher. Anschließend reist die Urne in die Schweiz. Dort übernimmt ein Bestattungsinstitut alles Weitere. Die Hinterbliebenen müssen nur einen Grabplatz in der Schweiz erwerben, danach können sie die Urne nach Deutschland überführen, ins eigene Wohnzimmer – zur „persönlichen Abschiednahme“. Innerhalb von 50 Jahren könne man sich dann entscheiden, ob man die Urne im schweizerischen Grab beisetzen oder die Frist verstreichen lässt.

Für deutsche Behörden sei nur entscheidend, dass es eine Bescheinigung über ein Grab gibt. „So kommt man dem deutschen Bestattungszwang zuvor“, erklärt der Sprecher. Dabei handele es sich keineswegs um ein Scheinpapier. „Man kann das Grab jederzeit besichtigen.“

Rechtlich hat das tatsächlich seine Ordnung. Die bayerischen Bestatter distanzieren sich trotzdem davon. Und was so oder so nicht geht: Man darf die Asche nicht irgendwo verstreuen. Das ist dann – zumindest formal – eine Ordnungswidrigkeit. Nur: Wer bekommt das mit?

von B. Nazarewska, S. Pfanzelt und M. Gerhard

(mit Material von dpa)

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