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Besenstiel-Räuber Zirngibl: Der Möchtegern

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Landshut - Sie nannten ihn den „Besenstiel-Räuber“: Harald Zirngibl hat in den neunziger Jahren reihenweise Banken in Bayern überfallen. Er verprasste das Geld, kam in den Knast. Jetzt hat er ein Buch über jene Zeit geschrieben. Es zeigt vor allem eines: Ein Möchtegern ist er noch heute.

Harald Zirngibl, 59, wartet. Auf Anrufe. Auf eine Chance. Auf neues Geld. Darauf, dass ihm einer seine handgetöpferten Dildos abkauft oder wenigstens die erotischen Skulpturen.

Harald Zirngibl, der Besenstiel-Bankräuber, wartet auf sein neues Leben.

Kriminellen-Konterfei: ein Phantombild von 1997.

Er sitzt in der Wohnung seines 88-jährigen Vaters, in Landshut ist das, er trägt Dreitagebart und eine Jeans, die schon ein paar Sommer gesehen hat, im Eck Kunstblumen, an der Wand Jesus am Kreuz, drunter Maria beim Beten. „Viele täten auch gerne eine Bank überfallen“, sagt Zirngibl gut gelaunt, „machen sich aber beim Überlegen schon in die Hose.“ Spinnt der? Noch immer nichts gelernt?

17 Banken hat der frühere Industriekaufmann, Küchenverkäufer, Disco-Besitzer, DJ und Hausierer mit der Pistole heimgesucht, 15 davon in und um München. „Trachtenhut-Bankräuber“ haben sie ihn genannt, weil er immer einen solchen Hut auf dem Kopf hatte. Oder „Besenstiel-Bankräuber“, weil er die Türklinke zu dem Raum, in den er die Geiseln einsperrte, mit einem Besenstiel blockierte. Und dann auch noch „Gentleman-Bankräuber“, weil er manchmal „Danke“ und „Bitte“ sagte, wenn die Bankangestellten ihm den Tresor aufschlossen.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere flippen einige Zeitungen aus und nennen ihn „Deutschlands erfolgreichsten Bankräuber“. Seine Eckdaten als Schwerstkrimineller: Tatwaffe Gaspistole, Beute 4,75 Millionen Mark, Geiseln 73. Alles Menschen, die er in Angst und Schrecken versetzt hat. Die Bankangestellte Christa W. etwa, die er 1994 in der Sparkasse Feldafing im Kreis Starnberg überfiel, litt noch Jahre später an den Folgen des Überfalls. Vor Gericht konnte sie 1999 nur aussagen, nachdem sie Beruhigungstabletten genommen hatte.

Variation: Phantombild mit Schnauzer und Brille.

Sechseinhalb Jahre narrt Zirngibl die bayerische Polizei. Erster Überfall, 1992, Sparkasse Bernried am Starnberger See, Beute 122 000 Mark. Am gleichen Abend geht er ins Casino nach Bad Wiessee und verzockt 10 000 Mark. Für die Ermittler ist Zirngibl ein Phantom. Eine über 2000-tägige Schmach für die Staatsmacht. Kurz vor seiner Festnahme am 3. November 1998, 7.45 Uhr, nahe der Raiffeisenbank Percha, observiert die Polizei 112 Banken im Großraum München. Weil sie wissen, dass er alle paar Monate zuschlägt.

„Ich bin eine Berühmheit“, sagt Zirngibl heute und trinkt einen Schluck Filterkaffee. „Eine Negativ-Berühmtheit.“ Zehn Jahre und ein halbes war er weggesperrt, erst Stadelheim, dann Straubing. Seit April 2009 ist er wieder frei. Allerdings pleite, sagt er.

Und: nicht vermittelbar, verbrannt für den Arbeitsmarkt. 30 Bewerbungen habe er schon geschrieben, sich aber nur Absagen eingefangen. „Harald Zirngibl“ – einmal googeln, schon spuckt der Computer ein paar hundert Treffer aus, die bisher noch jeden Arbeitgeber abgeschreckt haben. Hoppla, das ist ja der Schwerverbrecher. Bittschön, hier haben Sie Ihre Bewerbungsmappe zurück.

Was, zum Himmel, macht man mit so einem Leben? Nun ja, man macht es zu Geld. Irgendwie.

Weil die Millionen, die sind futsch. Teure Frauen, teure Hotels, Haus in Marbella, gefloppte Geschäfte, Gezocke am Roulettetisch, ein Mercedes mit 12 Zylindern und 395 PS, noch mehr gefloppte Geschäfte. Wenn man sich anstrengt, können 4,75 Millionen Mark sehr, sehr wenig Geld sein.

Zirngibl hat zumindest in dieser Hinsicht sein Bestes gegeben. Ohne Scheu spricht er von seiner Großmannssucht, von seinen Raubzügen quer durch Oberbayern. „Ich bin ein bisserl narzisstisch veranlagt“, sagt er. Mit Hilfe eines Ghostwriters hat er gerade ein Buch über sein kriminelles Leben geschrieben. Titel: „Ich war der Besenstiel-Bankräuber: Mein gescheiterter Traum“. Es ist eine Mischung aus selbst verfasster Heldensaga und Tragikomödie. Ein paar Personen, mit denen er sich im Buch vergleicht: Gary Cooper, Thomas Edison, Thomas Mann, Kaiser Karl Albrecht. Bodenhaftung: null.

Manche Passagen lösen Fremdscham-Attacken aus. „Ich fertigte eine Liste aller Frauen an, mit denen ich eine Beziehung hatte, und eine weitere Liste mit Frauen, mit denen ich ein rein sexuelles Verhältnis hatte“, schreibt er. Denn im Knast war ihm langweilig. „Am Ende standen auf der ersten Liste 33 Namen, auf der zweiten 18.“ Da schnitzt einer an seiner eigenen Legende. Don Zirngibl, der Räuber, dem die Frauen vertrauen.

Andere Anekdoten sind schlicht aberwitzig. Manchmal haben ihm die Bankangestellten sogenannte „Security Packs“ in die Beute geschmuggelt, das sind Beutelchen mit roter Farbe, die unterwegs explodieren, damit die Geldscheine wertlos werden. Aber Zirngibl findet einen Trick: Er kauft palettenweise Nagellackentferner im Drogeriemarkt und schrubbt die Scheine sauber. Er konnte in seiner Wohnung zwar kaum mehr atmen vor Aceton-Gestank, aber „da habe ich gerne drei Tage hingewaschen“, erzählt er bei der zweiten Tasse Kaffee.

Zum Schluss ist er so größenwahnsinnig, dass er rotgefärbte Schilling, Lira, Pfund, Dollar und Francs zur gleichen Bank zurückträgt, in der er sie zuvor geklaut hat. Er bringt sie abends zum Geldwechselautomaten und tauscht die versauten Devisen gegen saubere D-Mark. „Natürlich könnte ich auch zu einer anderen Bank gehen“, schreibt er, „doch es bereitete mir ein besonderes Vergnügen, ihnen ihr Geld zurückzugeben.“ Manchmal bringt er die verfärbten Scheine auch zu seiner Hausbank an den Schalter. Einmal Umtauschen, bittschön. Klappt immer. Das ist er, der tollkühne Zirngibl, der alle einseift.

Verkauft sich ganz gut, das Buch, sagt er. Reich werde man aber nicht. Die Wahrheit: Beim Internet-Händler Amazon steht das Werk gestern auf dem 355 680. Verkaufsrang. Ein Desaster für eine Neuerscheinung.

Aber der Sohn eines Gutsverwalters und einer, ja tatsächlich, Bankangestellten hat noch mehr Geschäftsmodelle im Köcher. Man kann Zirngibl seit neuestem auch buchen, per Internet. „Rent-a-Bankräuber“ heißt sein Slogan. Miet dir einen Bankräuber, die Idee hat er von seiner Bewährungshelferin, behauptet er. Man kann mit ihm Kaffee trinken gehen, das ist sein Angebot, ihn um einen Vortrag bitten, er ist da flexibel. Kindergeburtstag, Dinner bei Kerzenlicht, Zirngibl würde so ziemlich alles machen, Hauptsache ein paar Euro. Bisherige Anfragen: eine.

Ein Mann, erzählt er, wollte seiner Angebeteten den Bankräuber Zirngibl schenken. Ein Treffen in München war schon arrangiert, für 300 Euro. „Aber das war dann doch nicht das richtige Geburtstagsgeschenk“, sagt er. Der Mann hat die Räuberstunde spontan abgesagt. Auch Event-Agenturen hat er schon angeschrieben, ob sie ihn unter Vertrag nehmen wollen. „Aber sie nehmen mich nicht ins Programm.“

Weitere Berufe, die er sich vorstellen könnte: Möbelverkäufer oder was mit Fernsehen. „Aus jedem meiner Überfälle könnte man einen 30-Minuten-Film machen“, sagt er. Aber die Produzenten, auch die rufen nicht an. Mit so einem wie ihm will offenbar keiner zu tun haben.

Es ist paradox: Aber die sechseinhalb Jahre als Bankräuber, das war die Zeit seines Lebens – aus seiner Sicht. Die Sternstunden des Harald Zirngibl, Einzelkind, Eishockey-Schülervizemeister mit dem EV Landshut, verhinderter Jet-Pilot, weil Ohren-Probleme, und Schulabbrecher, weil Latein-Probleme. „Nach drei oder vier Mal“, erzählt er, „fängt es an, Spaß zu machen. Wenn du beim ersten beschissenen Banküberfall 90 Minuten warten musst, das macht natürlich leider stark.“

Damals, beim ersten Überfall, ist Zirngibl zu früh in der Sparkasse, er bedroht einen Bankangestellten mit seinem Gasrevolver, aber sie bekommen den Tresor nicht auf. Sie müssen warten – auf die Kollegin mit dem Schlüssel. Anderthalb Stunden. „Dann machen wir erst mal Brotzeit“, hat Zirngibl zu seiner Geisel gesagt, so schreibt er es in seinem Buch. Der Gangster bleibt cool – und räumt die Kohle ab. Das ist sie, die Geburtsstunde des Superganoven. Irgendwann glaubt er selber dran.

Zirngibl ist ein guter Erzähler, er weiß das. Aber bereut er? So lala. Er hat zwar nie jemanden körperlich verletzt, dafür viele an der Seele. Über eine überfallene Bankangestellte sagt er heute: „Da kommt so ein Arschloch wie ich in die Bank. Wenn man böse ist, könnte man sagen: Schicksal. Aber klar war das nicht lustig für sie.“ Schuldgefühle klingen anders. „Gott sei Dank ist keiner ernsthaft zu Schaden gekommen“, sagt er. „Aber ein gewisser Kollateralschaden entsteht immer.“ Auch so ein Zirngibl-Satz. Schicksal, Kollateralschaden, ist halt so. Jeden Tag mache eine Bank auf, die er überfallen könne, schreibt er. So habe er früher gedacht.

Lange her? Zirngibl hat eine Entwicklung durchgemacht, sagt er. Er ist gerade dran, sich neu zu erfinden. Heute, ja heute, sieht er sich eher als Künstler. „Zehneinhalb Jahre in einer anderen Welt, das geht nicht spurlos an einem vorüber.“ In der JVA Straubing hat er sich irgendwann die „St. Pauli Nachrichten“ besorgt, ein schmieriges Sexblättchen. Als Vorlage zum Töpfern, wegen der Proportionen. Gut 70 erotische Skulpturen aus dieser Zeit hat er noch. Preis: 250 Euro aufwärts. Er hatte schon einen Stand auf der Erotikmesse „Venus“, aber so richtig los wird er seine räkelnden Fantasien nicht.

Er arbeite so ähnlich wie Michelangelo, schreibt er in seinem Buch. Nur die Nachfrage, die stockt noch. Er hofft jeden Tag auf den Anruf einer großen Galerie, die ihn ausstellt. Wär doch was. Könnte das nächste große Ding werden. Findet er.

Stefan Sessler

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