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Unbeschwerte Momente erleben die Kinder im Kinderdorf in Irschenberg. Seit mehr als 45 Jahren werden dort Kinder und Jugendliche aufgenommen, die in ihren Familien nicht mehr sicher waren.

Kinder aus Notsituationen

Besuch im Kinderdorf am Irschenberg: Kleine Gäste mit großen Sorgen

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Mehr als 3600 Kinder und Jugendliche aus Bayern mussten vergangenes Jahr aus ihren Familien geholt werden. Die Zahl ist extrem gestiegen. Sie sind Gäste auf Zeit – mit jeder Menge Problemen im Gepäck.

Irschenberg - Die Gäste, die Maria Baierl bei sich aufnimmt, reisen meist ohne Gepäck an. Manchmal haben sie ein kleines Köfferchen dabei, manchmal nur einen Teddy im Arm. Es gab auch schon Gäste, die standen mitten in der Nacht nur in Unterwäsche bekleidet vor ihrer Tür. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie kommen aus einer absoluten Notsituation. Sie haben Eltern, die alkohol- oder drogenabhängig sind, die psychische Probleme haben, gewalttätig sind oder sich wegen Schicksalsschlägen nicht um ihre Kinder kümmern können. Einige sind missbraucht oder geschlagen worden, fast alle vernachlässigt.

Die Baierls leben in der Region Miesbach und sind seit sieben Jahren eine Bereitschaftspflegefamilie. Baierl ist nicht ihr richtiger Name. Zum Schutz der Kinder ist es wichtig, dass die Familien anonym bleiben. Mitarbeiter des Jugendamtes vertrauen ihnen Kinder oder Jugendliche an, die in ihren Familien nicht mehr sicher sind. Sie bleiben solange, bis für sie eine dauerhafte Lösung gefunden ist. Manchmal sind es Babys, manchmal Jugendliche. Manchmal kommen sie alleine, manchmal sind es mehrere Geschwister. Maria Baierl kennt ihre Geschichten nicht, wenn sie ihnen die Tür zu ihrem Haus öffnet. „Alter, Geschlecht und den Grund für die Inobhutnahme – mehr weiß ich nicht“, sagt sie. Und mehr muss die 48-Jährige auch erst mal nicht wissen. „Meine Aufgabe ist es nicht, die Probleme der Kinder zu lösen. Mein Job ist es, ihnen Sicherheit und Geborgenheit zu bieten.“

Immer mehr Kinder müssen aus ihren Familien geholt werden

Immer häufiger müssen Kinder und Jugendliche in Bayern aus ihren Familien genommen werden. Allein im vergangenen Jahr ist die Zahl der Fälle um elf Prozent gestiegen. 3644 Mal haben Familiengerichte Maßnahmen aufgrund einer Gefährdung des Kindeswohls eingeleitet. Allein in Oberbayern waren 1162 Mädchen und Buben betroffen. Die Zahlen steigen seit Jahren – eine richtige Erklärung dafür hat niemand. Aber diese Entwicklung stellt auch das Kinderdorf Irschenberg vor eine größer werdende Herausforderung. Es vermittelt und betreut im Auftrag der Jugendämter in den Kreisen Miesbach, Rosenheim, Bad Tölz-Wolfratshausen und Traunstein Bereitschaftspflegefamilien für die Kinder und Jugendlichen. Aktuell gibt es 13 Bereitschaftspflegefamilien des Caritas Kinderdorfes in der Region, die Kinder kurzfristig bei sich aufnehmen. Doch eigentlich ist Rudolf Kley, Leiter des Fachdienstes Inobhutnahme im Kinderdorf, pausenlos auf der Suche nach weiteren Familien.

„Es ist wichtig, nichts zu beschönigen“, sagt Rudolf Kley, Leiter des Fachdienstes Inobhutnahme.

Natürlich komme dafür nicht jede Familie infrage, betont er. Es werden intensive Vorgespräche geführt und Fragebögen ausgefüllt. „Es ist sehr wichtig, nichts zu beschönigen“, sagt Kley. Die Familien müssen wissen, was auf sie zukommt – sonst ist keinem geholfen.

Familie Baierl wusste es – was nicht bedeutet, dass sie auf jede Situation vorbereitet war, betont die vierfache Mutter. „Mein Mann ist selbst in einer Pflegefamilie groß geworden. Unsere Kinder sind zwischen acht und 20 Jahre alt und damit aufgewachsen, dass wir häufig junge Gäste haben.“ Eigene Kinder machen es den Pflegekindern erfahrungsgemäß leichter, sich einzugewöhnen. Die Baierls haben in ihrem Familienleben klare Strukturen und Regeln aufgestellt, an die sich auch die Pflegekinder halten müssen. „Für viele Kinder ist das eine große Hilfe“, berichtet Maria Baierl. „Es gibt Kinder, die nie ein richtiges Familienleben kennengelernt haben, die nie ein eigenes Bett oder Spielsachen hatten“, erzählt Baierl weiter. Gummibärchen und Cola – das ist für viele ihrer Gäste eine normale Mahlzeit. Heimweh haben die Kinder selten. Seit einiger Zeit hat Maria Baierl zwei kleine Mädchen bei sich zu Hause, vier und sieben Jahre alt. Sie sagt: „Sie haben noch nicht einmal nach ihrer Mama gefragt.“

„Uns ist vor allem wichtig, dass sich jemand intensiv um die Kinder kümmert, bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist“, sagt Kley. Manchmal dauert das nur wenige Tage – manchmal Monate. Es gibt im Wesentlichen drei Möglichkeiten: Die Kinder kommen zurück zu ihren Eltern und die Familie wird intensiv betreut, die Kinder kommen dauerhaft zu einer Pflegefamilie oder die Kinder finden in einer Einrichtung einen Platz. Maria Baierl bleibt mit ihren jungen Gästen selten in Kontakt, es würde die Situation für beide Seiten eher schwerer machen. Manchmal ergibt es sich allerdings doch, erzählt sie. Sie freut sich jedes Mal, wenn sie ehemalige Pflegekinder anrufen oder sie sie zufällig trifft. „Das ist die schönste Motivation.“

Manche Kinder sind nicht wiederzuerkennen

Rudolf Kley geht es ähnlich. Er gerät immer wieder ins Staunen, wenn er beobachten kann, wie sich Kinder entwickeln, sobald sie gefördert werden und etwas Wertschätzung bekommen. „Manche sind nicht wiederzuerkennen“, sagt er. Er erklärt die Arbeit der Pflegefamilien immer so: „Die Kinder tragen mit sich einen Rucksack, der gefüllt ist mit Problemen. Wir können ihnen die Probleme nicht abnehmen — aber wir können den Rucksack mit Ressourcen füllen, um die Kinder zu stärken.“

Auch Maria Baierl schafft es fast immer, die Situationen, die sie mit ihren Pflegekindern erlebt, positiv zu sehen. „Jedes Kind, das im Kinderdorf oder einer der Bereitschaftspflegefamilien landet, hat das Schlimmste hinter sich“, sagt sie. Manchmal ist die 48-jährige Heilpädagogin die Erste, die ihnen dabei hilft, ihre kindliche Ordnung wieder herzustellen. „Du hast alles richtig gemacht“ – diesen Satz hat sie schon sehr oft gesagt.

Doch manchmal kam auch Maria Baierl in Situationen, in denen ihr die Worte ausgingen. Einmal hat sie einen 17-Jährigen bei sich aufgenommen. Nach wenigen Tagen bat er darum, die Familie verlassen zu dürfen. „Er hat die heile Welt nicht ausgehalten“, erzählt Baierl. „Weil er wusste, dass er so ein Familienleben selbst nie haben würde.“ Sie hat verstanden, warum er gehen wollte. Maria Baierl weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

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